Analyse
Fünf Gründe, warum Maudet bei den Genfer Wahlen so viele Stimmen geholt hat

Erst gerade erstinstanzlich verurteilt und trotzdem ein Glanzresultat: Pierre Maudet belegt den zweiten Platz im Rennen um das Genfer Staatsratsamt. Warum das keine Überraschung ist, erklärt in fünf Punkten.

Sandra Jean / watson.ch
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Pierre Maudet und Fabienne Fischer äussern sich zu den Genfer Staatsratswahlen am Sonntag, 7. März.

Pierre Maudet und Fabienne Fischer äussern sich zu den Genfer Staatsratswahlen am Sonntag, 7. März.

Bild: Keystone

1. Seine Berühmtheit

Pierre Maudet war unbestritten der bekannteste Kandidat für seine eigene Ersatzwahl im ganzen Kanton Genf. Damit nicht genug: Er ist einer jener seltenen Westschweizer, der in der Deutschschweiz Bekanntheitsgrad erreicht hat. Nicht nur wegen seiner juristischen Probleme, sondern auch wegen seiner gescheiterten Bundesratskandidatur.

Bei einer Mehrheitswahl stimmt man zuallererst für eine Persönlichkeit. Pierre Maudet hatte den Boulevard auf seiner Seite. Weder sein direkter Gegenspieler, der FDP-Kandidat Cyril Aellen, noch die Grüne Fabienne Fischer genossen eine vergleichbare Berühmtheit.

Beide waren in der Öffentlichkeit relativ unbekannt. Selbst gemeinsam konnte die linke Wählerschaft nicht genug für ihre einzige Kandidatin mobilisieren. Die Grüne Fabienne Fischer ging zwar als Siegerin aus dem Rennen um das Staatsratsamt hervor, allerdings mit einem tieferen Ergebnis als man aufgrund starken Linken in Genf erwarten würde.

2. Seine Präsenz vor Ort

Zerknirscht beschwerte sich der unglückliche Dritte, FDP-Kandidat Cyril Aellen, auf «Léman Bleu» über Maudets «Rockstarimage». Tatsächlich ist es aber seiner hyperaktiven Kampagne in den sozialen Netzwerken und vor Ort zu verdanken, dass er überzeugen konnte. «Wenigstens kommt er zu uns», heisst es auf Facebook nach seinem Besuch in Lancy vergangenen Freitag. Auch hier unterscheidet sich Maudet von seinen Mitstreitern: Deren Auftreten war viel unauffälliger, viel weniger extravagant.

3. Sein Charisma, das mit dem Populismus flirtet

Selbst wenn er verwundet ist, selbst wenn er verurteilt wird, Pierre Maudet bleibt eine politische Bestie. Er weiss, wie man kommuniziert. Seit seinem Rücktritt aus dem Staatsrat hat er nicht gezögert, die von den Populisten so beliebten Strippen zu ziehen. Währenddessen sassen seine Gegner auf der Reservebank.

Vor kurzem noch auf ihrer Seite begann der zurückgetretene Magistrat, das Handeln seiner Kollegen im Staatsrat hemmungslos zu kritisieren. Er stellte die Unbeweglichkeit der Regierung und den bürokratischen Aufwand an den Pranger, insbesondere im Zusammenhang mit den Covid-19-Entschädigungsgeldern. Mit der Eröffnung seines Wirtschaftsbüros positionierte er sich als Mann des Volkes. Und die Leute haben ihn diesen Sonntag im Volk willkommen geheissen.

Eine Gerichtszeichnung zeigt den Genfer Staatsrat Pierre Maudet auf der Anklagebank.

Eine Gerichtszeichnung zeigt den Genfer Staatsrat Pierre Maudet auf der Anklagebank.

Bild: Keystone

4. Sein «Bad Boy»-Seite

Zur Erinnerung: Pierre Maudet hat gelogen. Maudet kokettierte arg mit der Vetternwirtschaft. Und Maudet wurde zu einer Geldstrafe von 300 Tagessätzen verurteilt. Aber die Leute haben bekannterweise eine Schwäche für Bad Boys. In den Köpfen Vieler sind Politiker sowieso «alle Lügner». Wenn sie also wählen müssen, wählen sie wenigstens einen, den sie kennen. Ausserdem ist Maudet ein harter Schaffer.

5. Es ist immer noch Genf

Auf Französisch nennt man eine unglaubliche Geschichte, die so nur in Genf passieren kann «Genferei». An ziemlich vielen anderen Orten treten Politikerinnen und Politiker mit viel kleineren Skandalen zurück. Géraldine Savary im Kanton Waadt. Frédéric Hainard in Neuchâtel. Elisabeth Kopp im Bundesrat. Und viel andere.

Fazit:

In Genf stimmten aus allen oben genannten Gründen 28'029 Menschen für Pierre Maudet. Das ist weniger als er es sich gewöhnt ist. Aber es bringt den Aussenseiter in eine ausgezeichnete Position für die zweite Runde, zumal die Rechte gespaltener als je zuvor zu sein scheint.