Bellinzona

Angst vor Asbestfolgen in SBB-Werkstätten – Gewerkschafter fordern von Suva Transparenz

Mitarbeiter der SBB-Cargo-Werkstätte in Bellinzona.

Mitarbeiter der SBB-Cargo-Werkstätte in Bellinzona.

In den SBB-Werkstätten von Bellinzona sorgt ein altes Problem für neue Unsicherheit.

Bei ehemaligen und heutigen Mitarbeitern der SBB-Werkstätten herrscht Verunsicherung, nachdem die Unfallversicherungsanstalt Suva rund 40 Angestellte zu einem CT-Screening eingeladen hat. Diese werden durchgeführt, um auch asbestbedingten Lungenkrebs zu erkennen. In den SBB-Werkstätten war die Arbeit mit asbesthaltigen Werkstoffen bis Ende der 1980er-Jahre normal. Seit 1990 ist das krebserregende Material in der Schweiz verboten.

Für Verwirrung sorgte die Erklärung der Suva am Radio und Fernsehen der italienischen Schweiz RSI, wonach es in den SBB-Werkstätten zu keinen Todesfällen wegen Asbestexposition gekommen sei. Darauf meldeten sich diverse Angehörige beim Radio, welche das Gegenteil belegen konnten. Zum Beispiel Donata Meroni aus Biasca, deren Mann 40 Jahre bei den SBB-Werkstätten gearbeitet hatte und in diesem Juni an Brustfellkrebs verstarb.

Die Suva musste zurückrudern und ihre Aussagen präzisieren. Eine Auswertung zeige, dass in den SBB-Werkstätten in Bellinzona keine Todesfälle «aufgrund anerkannten asbestbedingten Lungenkrebses» zu verzeichnen seien. «Doch haben wenige Mitarbeitende der SBB einen asbestbedingten Brustfellkrebs (Mesotheliom) bekommen, der viel häufiger auftritt als der Lungenkrebs und einer geringeren Exposition bedarf», so die Suva-Pressestelle auf Anfrage. Es gebe bis heute noch keine Therapie für das Mesotheliom, die eine dauerhafte Heilung bringe.

Gewerkschafter fordern von Suva volle Transparenz

Die Suva führt ihre Screenings seit 2012 durch. Im Alter von 55 Jahren erhalten die betroffenen Personen ein Schreiben mit dem Angebot, am CT-Screening-Programm teilzunehmen, sofern wegen der Asbestexposition und des Rauchverhaltens von einem erhöhten Lungenkrebsrisiko ausgegangen werden muss.

Der pensionierte SBB-Arbeiter Gianni Frizzo, historischer Streikführer von 2008, hat jährlich an den Vorsorgeuntersuchungen teilgenommen, wie er gestern an einer Medienkonferenz sagte. Im August wurde ihm von der Suva mitgeteilt, dies sei nicht mehr nötig, weil er als Nichtraucher keinem hohen Lungenkrebsrisiko ausgesetzt sei. Eine Abklärung alle fünf Jahre genüge. Er solle sich bei allfälligen Problemen mit dem Hausarzt in Verbindung setzen. «Für mich ist das alles nicht klar», sagte er. «Ein mögliches berufsbedingtes Problem wird auf meine private Krankenkasse abgewälzt.» Gewerkschafter forderten die Suva auf, volle Transparenz in die Angelegenheit zu bringen.

Nicht zum ersten Mal sorgt Asbest in den SBB-Werkstätten für Aufregung. 2012 waren bei Umbauarbeiten an den SBB-Reisezügen des Typs Bpm 51 kleinflächige, asbesthaltige Anstriche festgestellt worden. Die Arbeiten wurden unterbrochen, aber nach zwei Monaten wieder aufgenommen, nachdem klar war, dass die Messwerte unter dem zulässigen Grenzwert lagen.

Aufgrund von Presseberichten über asbestbedingte Todesfälle von SBB-Mitarbeitern der Werkstätten hat die Tessiner Staatsanwaltschaft Vorabklärungen eingeleitet. Diese sollen feststellen, ob es von Arbeitgeberseite allenfalls Unterlassungen in Bezug auf die Arbeitsplatzsicherheit gab.

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