Serie: Abgewählt

Auch ein Jahr nach der Abwahl schwelt in Margrit Kessler noch das politische Feuer

Margrit Kessler ist trotz gescheiterter Wiederwahl im Frieden mit sich: «Ich bin stolz, ich habe viel durchgebracht.»

Margrit Kessler ist trotz gescheiterter Wiederwahl im Frieden mit sich: «Ich bin stolz, ich habe viel durchgebracht.»

Margrit Kesslers Auftritt hat auf der nationalen Politbühne diskret gewirkt – Gram kennt die ehemalige Nationalrätin der Grünliberalen keinen.

In der Küche sitzt Linard und baut ein Lego-Boot zusammen. Er hat Bauchweh und kann deshalb an diesem Juli-Morgen nicht in die Kita, also holten ihn die Grosseltern zu sich nach Altstätten im St. Galler Rheintal.

Neuer Alltag im Leben von Margrit Kessler, die zusammen mit ihrem Mann zwei-, dreimal die Woche die Kinder ihrer vier Söhne hütet.

Vor einem Jahr hätte sie die Musse und wohl auch die Zeit nicht gehabt. Sie sagt: «Ich habe im Nationalrat Vollgas gegeben.» Aktenstapel der Geschäftsprüfungskommission (GPK) habe sie gewälzt, und ja: alles gelesen.

Dabei schlägt ihr Herz seit je für ein anderes Thema: Gesundheitspolitik. Doch der Zugang zur zuständigen Kommission blieb der gelernten Krankenpflegerin verwehrt. Fraktionskollege Thomas Weibel hat den einzigen Sitz der Grünliberalen in der Gesundheitskommission für sich reserviert.

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Kessler sagt, sie habe sich damit abgefunden, schliesslich habe sich der Ingenieur vier Jahre lang in die Dossiers eingearbeitet. Kessler: «Meine Anliegen habe ich auch so einbringen können.»

Politische «Blackbox»

Die heute 67-Jährige, die vor ihrer Wahl 2011 kein politisches Amt bekleidet hatte, war auch für ihre Partei eine «Blackbox», wie sie sagt. Doch Kessler lernte schnell, an wen sie sich mit Ideen wenden muss und wie sie Mehrheiten schafft, um Anliegen durchzubringen.

Denn Vorschläge, wie sich das Gesundheitswesen verbessern liesse, hat die langjährige Patientenschützerin zu Hauf. Die Kontakte in die Verwaltung weiss sie bis heute zu nutzen. Denn nach wie vor betreut sie Patienten, denen Unrecht geschieht.

Diesem Einsatz hat sie ihren politischen Erfolg zu verdanken. Kessler machte sich einen Namen, als sie die Therapie eines Chefarztes ankreidete, der «Rattenversuche an Patienten machte, ohne dass diese davon wussten», wie sie sagt.

In der Folge wurde sie zehn Jahre strafrechtlich verfolgt. «Das Ziel meiner Gegner war es, die Familie in Konkurs und mich in die Psychiatrie zu bringen.» Kessler war stärker.

Diese Geschichte, die sie in einem Buch («Halbgötter in Schwarz und Weiss», 2009) verarbeitete, katapultierte die damals Unbekannte über Nacht ins Zentrum der Aufmerksamkeit – und mit dem Schwung der Grünliberalen in den Nationalrat.

Kessler sagt, sie wusste, dass ihr der Erfolg möglicherweise kein zweites Mal vergönnt sei. Also verlor sie keine Zeit, forderte mehr Ausbildungsplätze für Ärzte, Rechte für Organspender, eine Vaterschaftsversicherung für Witwer und die Legalisierung von Cannabis für Schwerkranke.

Trotz des grossen Engagements gelang ihr der Sprung nach Bern nicht mehr. Nach dem Erfolg der Grünliberalen 2011 verweigerten ihr die BDP und CVP Allianzen, auch die Grünen verzichteten in St. Gallen auf eine Listenverbindung.

Ein Fehler: Nicht nur Margrit Kessler musste einem Freisinnigen den Platz lassen, der Grünen Yvonne Gilli schnappte ein SVPler den Sitz weg. Der Nationalrat rutschte nach rechts.

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Viel Bedauern über die Niederlage lässt Kessler nicht spüren. «Ich hätte gerne noch mehr erreicht. Aber in der aktuellen Konstellation machte es sowieso keinen Spass mehr.»

Die Arroganz der «Rechten» sei unausstehlich. Das höre sie sogar von Bürgerlichen. Bis 2015 sorgte die GLP-Fraktion für Überraschungen, spielte das Zünglein an der Waage. Jetzt herrsche ein strengeres Regime.

Und doch: Ganz abgeschlossen hat die Alt-Nationalrätin nicht. Ihre Aufgaben als Patientenschützerin wird sie Ende 2017 abgeben.

Zudem klagt sie beim ersten Stichwort sofort über die aktuelle Politik, ärgert sich darüber, dass das Parlament keine Qualitätssicherung in der Medizin wolle – und redet sich nahezu in Rage: In US-Spitälern sei die dritthäufigste Todesursache auf Fehlbehandlungen zurückzuführen, zitiert Kessler eine Studie. «Das ist unglaublich! Und es muss mir jetzt niemand sagen, dass wir hier besser sind.»

Sieben Enkel und ein Pool

Das politische Feuer schwelt noch in ihr drin. «Wenn es nötig ist, greife ich politisch ein», sagt sie und lacht. Zu Parteikollege Weibel pflege sie einen guten Draht, über die Fraktion könne sie Anliegen einbringen.

Doch bei der Frage über ihre Zukunftspläne verweist sie auf zwei ihrer Söhne, ebenfalls Grünliberale. Allesamt würden sie Solarstrom auf ihren Hausdächern produzieren. Kessler: «Auch der wirtschaftliche Gedanke verbindet uns.»

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Von ihrer Terrasse schweift der Blick in den üppigen Garten, zu den Apfelbäumen und Weinreben, den blühenden Rosen. «Früher hatte ich kaum Zeit, das Unkraut zu jäten», wechselt sie das Thema.

Heute könne sie den Garten samt Pool endlich geniessen. Drei ihrer sieben Enkel würden auch schon ganz gut schwimmen. Das führt die stolze Grossmutter dann gerne etwas weiter aus.

Bald wird das Gespräch unterbrochen: Linards Bauchschmerzen sind verflogen, sie haben sich in Hunger verwandelt. Der Grossvater hat gekocht. Ja. Das Leben im politischen Unruhestand scheint Margrit Kessler ganz gut zu behagen.

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