Iran
Aufhebung der Wirtschaftssanktionen gegen Iran: Ist die Schweiz bereit?

Goldgräber-Stimmung im Orient: Überall in Iran ist die Aufbruchsstimmung spürbar. Das Volk fiebert der Aufhebung der Wirtschaftssanktionen entgegen. Heute zeigt sich, ob die Sanktionen gegen Iran tatsächlich aufgehoben werden. Ist die Schweiz bereit?

Dennis Bühler, Teheran
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Grosser Investitionsbedarf im Iran. So wie auf diesem Gasfeld in der Nähe von Asalouyeh im Südwesten des Landes.Raheb Homavandi/Reuters

Grosser Investitionsbedarf im Iran. So wie auf diesem Gasfeld in der Nähe von Asalouyeh im Südwesten des Landes.Raheb Homavandi/Reuters

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Stolz zeigt der Teppichhändler im Basar der Stadt Isfahan ein Foto, das ihn Hände schüttelnd mit Sigmar Gabriel zeigt. Zwar habe der deutsche Wirtschaftsminister bei ihm nichts gekauft. «Ein paar Gassen weiter aber hat er ein Tuch und eine Tasche für seine Frau erworben. Die Handwerkskunst Isfahans ist weitherum bekannt!»

Überall in Iran ist bei unserem Besuch Ende November die Aufbruchsstimmung spürbar. Von Teheran bis Shiraz, von Isfahan bis Yazd fiebern die Einwohner der bevorstehenden Aufhebung der Wirtschaftssanktionen entgegen, die das Land während Jahren so arg gebeutelt haben. Gabriel war im vergangenen Juli, nur Tage nach Unterzeichnung des Nuklearvertrages, das erste westliche Regierungsmitglied, das im Orient seine Aufwartung machte. Johann Schneider-Ammann, Schweizer Bundespräsident und Volkswirtschaftsminister, folgt ihm Ende Februar. In Teheran wird er mit einer Wirtschafts- und Wissenschaftsdelegation den iranischen Präsidenten Hassan Rohani treffen.

Iraner lechzen nach Neuem

Noch zuvor dürfte die erste Tranche der Sanktionen aufgehoben werden. Voraussetzung ist, dass die Internationale Atomenergiebehörde heute in Wien bestätigt, dass sich Iran im halben Jahr seit Vertragsunterzeichnung an alle Auflagen gehalten und endgültig von der Entwicklung von Nuklearwaffen Abstand genommen hat. Erwartet wird, dass Iran bald wieder als vollwertiges Mitglied der Staatengemeinschaft anerkannt wird – und dann der Run der Goldgräber so richtig losgeht.

«Der Wegfall der Sanktionen wird der Schweizer Exportwirtschaft einen neuen, grossen und chancenreichen Markt eröffnen», sagt Schneider-Ammann. Das glaubt auch Andreas Schweitzer, der seit 2009 in Teheran wohnt und Unternehmen berät, die in Iran investieren wollen. «Das Potenzial ist mit jenem der Türkei vergleichbar», sagt er. «Iran ist ein riesiges Land mit gut ausgebildeter Bevölkerung, die einen wirtschaftlichen Aufschwung herbeisehnt.» Gute Chancen ausrechnen könnten sich vor allem Pharmafirmen, die Tourismus- und Hotelbranche, die Kosmetik-, Nahrungsmittel- und Verpackungsindustrie, der Energiesektor, die Baubranche und die Petrochemie, glaubt der mit einer Iranerin verheiratete Schweizer.

Hoffnungen macht sich auch Nick Beglinger, der Anfang Jahrtausend für die iranische Regierung Projekte für Satellitenstädte ausserhalb Teherans ausarbeitete und das Land deshalb gut kennt. «Die jahrelange Ausgrenzung ist tief in der iranischen Psyche verankert», sagt der Präsident des ökologischen Wirtschaftsverbandes Swisscleantech. «Nun lechzen sie nach Neuem – und sind hoffentlich auch offen gegenüber erneuerbaren Energien.»

«Um Jahrzehnte zurückgeworfen»

Reist man als Tourist durch Iran, das fast fünf Mal so gross ist wie Deutschland, spürt man von den Sanktionen auf den ersten Blick wenig. Der aus einem dichten Zug- und Busnetz bestehende öffentliche Verkehr genügt überall im Land mitteleuropäischen Massstäben, nirgends sind die Strassen holprig, auf den Basaren oder in gewöhnlichen Supermärkten erhält man selbst Coca-Cola problemlos. Und doch: «Die Sanktionen haben das Land schwer geschädigt», sagt Iran-Kenner Schweitzer. «Es war industrialisiert, doch die Sanktionen haben die Wirtschaft um Jahrzehnte zurückgeworfen.»

SP-Nationalrat Tim Guldimann, von 1999 bis 2004 Schweizer Botschafter in Teheran, pflichtet bei. «Vor allem im Kredit- und Zahlungsverkehr ist die Situation nach wie vor prekär», sagt er. «Der zurzeit tiefe Ölpreis schwächt die Kaufkraft des Landes zusätzlich.» Gefragt seien Schweizer Firmen deshalb nicht nur als Handelspartner, sondern vor allem als Investoren.

Hohes Ansehen dank der Swissair

Im Wettbewerb um die Gunst der Iraner befinde sich die Schweiz in der Poleposition. «Wir geniessen dank der während Jahrzehnten und bis heute umsichtigen Wahrung des US-amerikanischen Schutzmachtmandats hohes Ansehen», sagt Guldimann. «Zudem haben die Iraner nicht vergessen, dass die damalige Swissair als einzige Fluggesellschaft während des gesamten Irakkriegs die Flugverbindung mit dem Westen aufrechterhielt.»

Tatsächlich stösst man in den Strassen Teherans und Isfahans auf freudige Gesichter, wenn man den Menschen von seiner Schweizer Herkunft erzählt. Anders als anderswo verbindet man das Land hier nicht in erster Linie mit Tennisspieler Roger Federer oder Fussballverbandspräsident Sepp Blatter und verwechselt man es kaum je mit Schweden. Die Schweiz steht hier in erster Linie für schöne, teure und verlässliche Uhren. Und damit für ein Luxusprodukt, nach dem sich die breite iranische Mittelklasse streckt. Keine schlechte Voraussetzung, um mit den Iranern ins Geschäft zu kommen.

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