Kostentreiber
Überversorgung an Spitälern: Mehr CT-Scans und MRI zur Absicherung gegen Fehler

Durch neue Diagnosetechnik können innere Blutungen und Schwellungen schnell erkannt werden. Spitäler investierten massiv und kauften zwischen 2014 und 2019 25 Prozent zusätzliche Geräte. Für Patientinnen und Patienten bringt dies nicht nur Vorteile.

Anna Wanner
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Zur Sicherheit in die Röhre: Zuletzt verzeichnete die Schweiz eine sprunghafte Zunahme an MRI- und CT-Untersuchungen.

Zur Sicherheit in die Röhre: Zuletzt verzeichnete die Schweiz eine sprunghafte Zunahme an MRI- und CT-Untersuchungen.

Johnnygreig / E+

Wer sich bei einem Autounfall eine Gehirnerschütterung zuzieht und in der Notaufnahme eines Spitals landet, macht eine Computertomographie (CT) des Schädels. Mit solchen CT-Scans können innere Organe untersucht und abgebildet werden. Der Arzt sieht auf dem Bild, ob es zu einer gefährlichen Schwellung oder Blutung im Hirn kommt und kann entsprechend reagieren. Allerdings wird das CT-Scan längst auch in wenig gravierenden Fällen eingesetzt. Sobald der Kopf verletzt sein könnte, wollen sich die meisten Spitäler absichern. Allein 2019 machten von 1000 Personen in der Schweiz im Schnitt 138 einen CT-Scan. Das sind laut Bundesamt für Statistik (BFS) 29 Prozent mehr als 2014.

Basler gehen am häufigsten in die Röhre

Dass Spitäler jegliche Fehler vermeiden wollen, erklärt diese enorme Zunahme nicht. Das BFS weist nach, dass die Zahl der Untersuchungen mit CT und auch Magnetresonanztomografen (MRI) direkt mit der Zahl der vorhandenen Geräte zusammenhängt: Je mehr Geräte in einem Kanton zur Verfügung stehen, desto höher ist die Anzahl Untersuchungen. Am stärksten genutzt werden CT-Scanner im Kanton Basel-Stadt. Dort registrierte das BFS 338 Untersuchungen pro 1000 Einwohner und 77 CT-Scanner pro Million Einwohner – im schweizweiten Schnitt sind es 39 Geräte. Am wenigsten kommen sie in der Zentralschweiz zum Einsatz, wo rund 60 Untersuchungen pro 1000 Einwohner gemessen werden. Dort ist die Dichte an CT-Scannern auch am tiefsten: 29,3 Geräte pro Million Einwohner.

Teure Diagnostik: Mehr als 1 Milliarde Franken pro Jahr

Die Kosten für die Untersuchung mit einem neuartigen Diagnose-Gerät variieren stark. Sie hängen weitgehend von den nötigen Abklärungen und der Art der Untersuchung ab. Laut Bundesamt für Statistik (BFS) kostete eine MRI-Aufnahme 2013 zwischen 450 und 1600 Franken, eine CT-Aufnahme zwischen 300 und 1200 Franken. Das MR-Zentrum in Thun führt eine öffentlich einsehbare Liste zu den Preisen. So kostet ein MRI eines Kniegelenks 373.20 Franken, ein MRI von Halsweichteilen 791.30 Franken. Laut BFS wurde 2019 insgesamt 1,18 Millionen CT-Scans und 1,06 Millionen MRI-Untersuchungen gemacht. Hochgerechnet kommt man schnell auf mehr als Milliarde Franken pro Jahr für Diagnosen. Im Schnitt wurde jeder CT-Scanner in den Spitälern 4717-mal eingesetzt, was 13 Untersuchungen pro Gerät und Tag ergibt. Die Geräte in ambulanten Zentren kommen nur 1344-mal pro Jahr zum Einsatz. Bei den MRI waren es 3231 Aufnahmen pro Gerät. 

Während der Zukauf neuer CT-Geräte zwischen 2014 und 2019 bei neun Prozent liegt, investierten Spitäler und radiologische Zentren noch kräftiger in MRI-Maschinen. Laut BFS wurden in fünf Jahren mehr als 40 von den millionen-teuren Geräten gekauft (plus 25 Prozent). Zu den 215 MRI-Geräten in Spitälern kommen noch rund 150 in ambulanten Zentren und Arztpraxen hinzu. Das Angebot ist räumlich zwar sehr ungleichmässig verteilt, doch die Nutzung der Geräte ist über die Kantone sehr ausgeglichen: Im Schnitt wurden 2019 123 MRI-Aufnahmen pro 1000 Einwohner erstellt, gegenüber 100 im Jahr 2014.

Das lukrative Geschäft der Diagnostik

Wie lässt sich dieser Zuwachs erklären? Ein Grund liegt auf der Hand: Bis mindestens 2018 war die Erstellung eines CT-Scans oder MRI ein lukratives Geschäft. Das ist in der Branche ein offenes Geheimnis. Der Versicherungsverband Santésuisse sagt dazu: «Wir stellen fest, dass es starke finanzielle Anreize gibt, diese Geräte auszulasten und damit höhere Einkommen zu erzielen.» Das sei oft nicht im Sinne der Patientinnen und Patienten. Im Gegenteil werde so mehr gemacht, als medizinisch angezeigt ist. Und das treibe wiederum die Kosten in die Höhe.

Auch der Spitalverband Hplus erklärt auf Anfrage unumwunden: «Das Thema der CT- und MRI-Geräte ist ein schönes Beispiel dafür, dass mit dem veralteten Einzelleistungstarif Tarmed für diese diagnostischen Leistungen die Anreize falsch gesetzt werden.» Diese Leistungen seien unbestritten nützlich für gezielte Diagnosen und effiziente Versorgung. Zudem seien die Geräte technisch ausgereifter und noch präziser. Doch bilde das der aktuelle Tarif nicht ab. «Dies führt heute dazu, dass die Leistungen für diese Diagnostik insgesamt zu hoch vergütet werden», so Hplus.

Zwar hat der Bundesrat 2018 den Tarif für bildgebende Leistungen angepasst. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) erklärt: «Dadurch resultierte eine signifikante Reduktion der Taxpunkte der betroffenen Positionen.» In anderen Worten: Die zuständigen Radiologen und Kliniken verdienen seither deutlich weniger. Doch offenbar gehen Branchenkenner nach wie vor von einer Überversorgung aus.

Irgendwann gehen auch die Patienten aus

Zwar ist es schwierig, eine solche nachzuweisen. Dafür müsste die Frage, bei welcher Indikation ein CT angezeigt ist, eindeutig beantwortet werden können. Doch selbst für Versicherer ist das schwierig. Allerdings gibt es ausser den massiven Investitionen in neue Geräte zwei weitere Indizien: Häufig wird nebst einem CT auch noch ein MRI erstellt, was gemäss Experten nicht sinnvoll ist. Zweitens müssen Kliniken die Maschinen amortisieren – und möglichst viel brauchen.

Die gute Nachricht: Eine mögliche Überversorgung hat auch Grenzen. Aus den Zahlen des BFS lässt sich herauslesen, dass irgendwann eine Sättigung erreicht ist. Die Nutzung der Maschine nimmt bei hoher Dichte ab: Ein Spital kann nicht mehr Scans machen, als es Patienten hat. Und die radiologischen Zentren arbeiten sowieso nur über die Zuweisung von Ärzten.

Patienten wünschen alle möglichen Abklärungen

Klar ist auch: Der finanzielle Anreiz ist nicht der alleinige Treiber für die Investition in solche Geräte. Das BAG erwähnt neue diagnostische Möglichkeiten oder technische Fortschritte der Geräte selbst. Zudem werden die Geräte vereinzelt auch für Therapien eingesetzt, um die Wirkung von Medikamenten zu überprüfen.

Und schliesslich stehen auch die Patienten in der Verantwortung: Dass Ärztinnen in der Zentralschweiz weniger Untersuchungen durchführen, hängt nicht zuletzt auch damit zusammen, dass die Menschen weniger schnell zum Arzt rennen. Umgekehrt verlangt manch ein Patient Abklärungen bis zum Abwinken.

Was ist zu tun? Einerseits strebt das BAG eine sachgerechte Abgeltung der Leistungen an, also einen neuen Tarif. Auch Hplus verweist auf die Abrechnung über Pauschalen, um eine Überversorgung einzugrenzen. Der Versicherungsverband Santésuisse will hingegen die Kantone stärker in die Pflicht nehmen: So müsse die Zahl von teuren zusätzlichen Gerätschaften genauso wie die Zahl der Ärztinnen und Ärzte kontrolliert und limitiert werden. Tatsächlich wird das in der Romandie teilweise so gehandhabt: Spitäler und Arztpraxen müssen beim Kanton für Neuanschaffungen eine Bewilligung einholen. Allerdings will der Bundesrat keine schweizweite Versorgungsplanung, wie er in der kürzlich veröffentlichten Spitalverordnung festhielt.

Wo sich indes alle einig sind: Unabhängig von finanziellen Anreizen oder Wünschen der Patienten müsse der Arzt entscheiden, ob ein Scan oder eine Behandlung medizinisch angezeigt ist.

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