Soldaten spielen Chaoten

Ausschreitungen am WEF: So bereitet sich die Schweizer Armee für den Ernstfall vor

Davos bereitet sich mit grosser Gelassenheit auf das Weltwirtschaftsforum WEF vor. Die Armee übt indes den Angriff durch Demonstranten.

Meterhoch türmt sich kurz vor Beginn des Weltwirtschaftsforums WEF in Davos der Schnee. Mit Verweis auf solche Schneemassen verboten die Behörden letztes Jahr eine Anti-WEF-Demonstration. Dieses Jahr wurde ein Gesuch der Jungsozialisten (Juso) vorerst bewilligt. Während die Juso beteuern, friedlich demonstrieren zu wollen, bereiten sich Polizei und Armee auf Ausschreitungen vor.

Im Rahmen einer Übung verkleideten sich Soldaten als gewaltbereite Demonstranten. Sie trugen schwarze Regenjacken, Helme und hielten ein Transparent mit der Aufschrift «Alli z’dumm zum Schiisse» in die Luft. Einer der verkleideten Soldaten brüllte ins Megafon. Bewaffnet mit Schlagstöcken und Matratzen, versuchten die falschen Aktivisten, Absperrgitter zu überwinden.

«Das ist die Realität»

«Unter lautem Geschrei stürmt eine Gruppe Demonstranten auf die anwesende Wache los, Flaschen kommen geflogen, Böller werden gezündet. Nur der montierte Zaun und ein Gittertor stehen noch zwischen den Chaoten und den Truppen. Keine angenehme Situation für die Soldaten, welche nun das Wissen aus der Theorie plötzlich in der Praxis anwenden müssen», schreibt die Armee in einem Artikel auf ihrer Website.

«Die Vergangenheit hat gezeigt, dass wir auf so etwas vorbereitet sein sollten», lässt sich ein Graubündner Polizist zitieren. Und ein Oberst der Armee sagt: «Das ist ein Ernsteinsatz, das ist die Realität.» Im Ernstfall würde die Armee bei einem Angriff durch Demonstranten die Unterstützung der Polizei anfordern. Bis zum Eintreffen der Beamten müssten die Soldaten die Situation aber allein meistern, heisst es weiter.

Soldaten spielen gewaltbereite Demonstranten.

Soldaten spielen gewaltbereite Demonstranten.

Lewin Lempert von der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee kritisiert die Übung. «Der Einsatz gegen Demonstrierende ist schlicht und einfach nicht die Aufgabe der Armee», sagt er. Tatsächlich beschloss der Bundesrat, die Armee dürfe am WEF «keinen Ordnungsdienst» leisten, also nicht gegen Demonstrationen eingesetzt werden.

Nähern sich WEF-Gegner aber einem von der Armee bewachten Ort, kann es durchaus zu Zusammenstössen kommen. Bei der Übung hätten die eingesetzten Soldaten «hinsichtlich einer deeskalierenden und verhältnismässigen Reaktion» geschult und sensibilisiert werden sollen, schreibt die Armee in einer Stellungnahme. Die Kantonspolizei Graubünden habe das Szenario ausgewählt.

Auch die Stadt Bern bereitete sich auf gewalttätige Proteste vor. Weil für Samstag zu einer Anti-WEF-Demonstration aufgerufen wird, wurde das Bundeshaus mit Gittern abgesperrt.
Auf der Terrasse des Hotels Intercontinental, wo letztes Jahr Trump abstieg, ist trotz Absperrgittern und Soldaten nichts von solchen Szenarien zu spüren. Dumpf donnert der Schnee auf die Terrasse. Hotelangestellte schaufeln Balkone frei. Auf der Zufahrt verlegen Soldaten Kabel für Überwachungskameras.

Die besten Bilder vom WEF 2018:

Es ist wie immer im Januar in Davos. Mit einer jahrzehntelang eingespielten Routine bereitet sich die Alpenstadt auf den Andrang der Staatsoberhäupter, CEOs und Künstler vor, die im Davoser Kongresszentrum über den Zustand der Welt diskutieren oder nach Geschäftspartnern suchen.

Ist es die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm? Sicher ist: Dieses Jahr wird der Sturm weniger heftig ausfallen als auch schon. Denn die Mächtigsten und Bekanntesten unter den Eingeladenen haben sich kurzfristig abgemeldet. Trump, May und Macron müssen sich um Probleme im eigenen Land kümmern. Wenn zu Hause die Hütte brennt, macht es sich nicht gut, sich in Davos zu zeigen, wo der Champagner genauso dazugehört wie der Weltverbesserungsgestus.

Immerhin hält Prinz William an seinem Versprechen fest, nach Davos zu kommen. Und natürlich sind da auch noch Angela Merkel, Benjamin Netanjahu oder Shinzo Abe. Aber nach dem Trump-Besuch vom letzten Jahr vermögen solche Namen niemanden mehr zu elektrisieren.

Einzug der Konzerne

Für Sicherheitsmann René Wälti spielt es keine Rolle, welche Politiker kommen. Für ihn ist das WEF eine Art WK. Er übernachtet in einer Zivilschutzanlage und steht täglich weit weg von Frau und Tochter im Einsatz. Der 43-Jährige aus dem Rheintal hat alle Hände voll damit zu tun, den Verkehr auf der Promenadenstrasse zu regeln.

Möbeltransporter sind eine Woche vor dem WEF damit beschäftigt, Bäckereien, Buchläden und Boutiquen leerzuräumen und mit Lounge-Möbeln wieder zu füllen. Gebraucht werden sie von Firmen wie Amazon oder Accenture, die während der vier Tage WEF in Davos Präsenz markieren.

«Wir machen während der WEF-Woche mit der Vermietung des Ladens ein sehr gutes Geschäft», sagt die Angestellte eines Kleiderladens, faltet eine Jacke zusammen und legt sie in die Kartonschachtel. Dass während des Forums die Läden von Konzernen in Beschlag genommen werden, sorgt immer wieder für Diskussionen. Die Davoser Bevölkerung hat sich aber im September zum wiederholten Mal hinter das WEF gestellt. Sie bewilligte eine jährliche Kostenbeteiligung in der Höhe von 1,125 Millionen Franken.

Gegen den Verkehrskollaps, der jeweils durch Transporter und Limousinen entsteht, kämpfen Männer wie René Wälti. Aber nicht nur. Dieses Jahr hat die Gemeinde unterhalb des Kongresszentrums eine zusätzliche Haltestelle der Rhätischen Bahn eingerichtet. Ob die WEF-Gäste darum den Zug nehmen und dann zu Fuss durch den Schnee stapfen, wird sich erst noch zeigen müssen.

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