Migration

Babys bitten am meisten um Asyl – wie es trotz Lockdown zu 330 Gesuchen in einem Monat kam

170 Gesuche gingen von Babys ein.

170 Gesuche gingen von Babys ein.

Die Coronakrise hat die Zuwanderung gedämpft. Im April reisten dennoch mehr als 7000 neue Arbeitskräfte ein. Von den Asylsuchenden kamen die wenigsten über die grüne Grenze.

Das Coronavirus hat die Zuwanderung begrenzt. Arbeitskräfte aus EU/Efta- und Drittstaaten durften nur noch einreisen, wenn sie vor den im März erlassenen Restriktionen eine Bewilligung erhielten. Nach diversen Lockerungsetappen setzt der Bundesrat die volle Personenfreizügigkeit ab Mitte Juni wieder in Kraft. Auch Gesuche für Personen aus Drittstaaten werden wieder bearbeitet.

Komplett verriegelt hat die Schweiz die Grenzen nie. Gesuche von EU/Efta-Staatsangehörigen, die einen systemrelevanten Beitrag zur wirtschaftlichen Landesversorgung leisten, etwa in den Bereichen Pflege, Lebensmittel oder Energie, wurden weiterhin entgegengenommen. Auch Spezialisten aus Drittstaaten wurden zugelassen, falls sie für das Gesundheitswesen unerlässlich waren oder dringende Service-Arbeiten, zum Beispiel an Kernkraftwerken, zu verrichten hatten. Wir zeigen in sechs Punkten auf, wie die Pandemie die Migration gesteuert hat.

1. Wanderungssaldo im April auf 3000 gesunken

Für die ersten drei Monate des neuen Jahres betrug der Wanderungssaldo 18'386 Personen – ein sattes Plus von 9 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode. Im April wanderten unter dem Coronaregime noch 3005 mehr Ausländer ein als aus. Zwei Drittel davon stammen aus dem EU/Efta-Raum sowie Grossbritannien.

2. Im April sind mehr als 7000 Arbeitskräfte eingewandert

Die Kurzarbeit und die Arbeitslosigkeit kennen nur eine Richtung: Nach oben. Dennoch reisten im April 7144 Personen für einen neuen Job in die Schweiz ein. Im Vergleich zum April 2019 waren es 5000 weniger. Die grösste Gruppe stellten in diesem Jahr die Deutschen mit knapp 1300 Personen. Knapp 3400 Menschen kamen mit einem befristeten Arbeitsvertrag ins Land, darunter zahlreiche Erntehelfer aus Osteuropa und Portugal. Sie durften Spargeln stechen, Setzarbeiten verrichten oder im Obst- und Weinbau eingesetzt werden, weil der Bund die Landwirtschaftsbetriebe als systemrelevant für die Landesversorgung taxierte. Die Bauern konnten somit die benötigten Arbeitskräfte aus der EU weitgehend rekrutieren.

3. Die Zuwanderung dürfte abnehmen

Eine Zunahme der Gesuche aus dem EU/Efta-Raum auf bescheidenem Niveau: Mit diesem Szenario rechnet Marcel Suter, Präsident Vereinigung der Kantonalen Migrationsbehörden, wenn die Personenfreizügigkeit wieder gilt. Bei hoch qualifizierten Spezialisten aus Drittstaaten geht der Bund von einem gewissen Nachholbedarf aus. Es gibt zum Beispiel auch Hotels, die sich nach indischen Ayurveda-Masseuren sehnen, um das Bedürfnis nach Wellness zu befriedigen. Grundsätzlich dürfte die Nettozuwanderung wegen der Rezession sinken. Erholt sich die Schweizer Wirtschaft schneller als die umliegenden Länder von der Coronakrise, dürfte sie wie nach der Finanzkrise wieder ansteigen.

4. Trotz Lockdown gab es im April 332 neue Asylgesuche

Die irreguläre Migration erlahmte weitgehend. Gleichwohl registrierte das Staatssekretariat für Migration im April 332 neue Asylgesuche. Wie ist das möglich? Die Antwort ist einfach: 170 Gesuche entfallen auf Babys, die Asylbewerberinnen in der Schweiz gebaren. Den Rest machen der Familiennachzug und Mehrfachgesuche aus. Damit verbleiben 111 sogenannte «Primärgesuche». Es handelt sich um Personen, die entweder schon vorher illegal in der Schweiz lebten oder trotz des strengen Grenzregimes es schafften, die grüne Grenze zu überqueren. Gemäss der Einschätzung der SEM-Experten dürfte die erste Gruppe klar grösser sein. Zum Vergleich: Deutschland zählte im April rund 4000 Asylgesuche nach illegalen Grenzübertritten.

5. Der Bund rechnet weiter mit tiefen Asylzahlen

Das Staatssekretariat für Migration hält einen raschen Anstieg der Asylzahlen trotz der vorgesehenen Lockerungen für wenig wahrscheinlich. Es rechnet damit, dass die Gesuchszahlen erst im Herbst auf das Niveau der Vorjahre klettern. Interessanterweise hat das Virus die Schlepper nicht ausgebootet, welche die Migranten via Mittelmeer nach Italien befördern. Bis Ende Mai registrierte Rom 5119 Anlandungen – 3500 mehr als im Vorjahr.

6. Pandemie bremst Schlepper aus

Auf dem europäischen Festland hatten die Schlepper einen schweren Stand. Im April ertappten die Schweizer Zollbeamten noch 10 mutmassliche Menschenschmuggler, dreimal weniger als in dem Vorjahresmonat. Sie griffen im April 217 illegal eingewanderte Personen auf. Das sind 900 weniger als im Vorjahresmonat. Die Ursache ist simpel: Die wiedereingeführten Grenzkontrollen, die Schliessung von kleineren Grenzübergängen sowie der Unterbruch des internationalen Bus-, Bahn- und Flugverkehrs verunmöglichten es Migranten, in Europa weiterzuwandern.

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Autor

Kari Kälin

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