Politiker beschwören es in Sonntagsreden gerne und oft: Die duale Berufsbildung in der Schweiz ist ein Erfolgsmodell. Lehrlinge werden am Arbeitsplatz und in der Schule ausgebildet, alles ist strikt auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet. Und wer will, bildet sich auf der Tertiärstufe praxisbezogen weiter. Geradezu gebauchpinselt fühlen sich Politiker aller Couleur, wenn das Modell auch im Ausland auf Anklang stösst. Als die Schweiz und die USA vor vier Jahren eine Absichtserklärung zur stärkeren Zusammenarbeit in der Berufsbildung unterzeichnet haben, platzte der damalige Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann fast vor Stolz.

Die Schweiz zum Vorbild

Jetzt nimmt sich sogar ein Land, in dem die Berufslehre gemeinhin ebenfalls als Erfolgsgeschichte gilt, die Schweiz zum Vorbild: Die deutsche Bundesregierung von Kanzlerin Angela Merkel will die Berufsbildung modernisieren. Bildungsministerin Anja Karliczek, selbst gelernte Bankkauffrau, hat ein Gesetz zu deren Stärkung vorgelegt. Der Akademisierungstrend bereitet ihr Sorgen. In Deutschland verschärfe sich die Gefahr, dass für die Lehre nur noch schulschwache Jugendliche übrig blieben. Dagegen geniesst die Berufsbildung in der Schweiz nach Einschätzung des Berliner Bildungsministeriums einen höheren Stellenwert. Schuld am schlechteren Image in Deutschland seien nicht zuletzt politische Weichenstellungen. Für immer weniger Menschen seien «Qualifizierungsperspektiven in der beruflichen Bildung alternativlos», heisst es in der Gesetzesvorlage. «Anders als etwa in der Schweiz.»

Eine Aufwertung dank neuer Titel

Karliczek verfolgt deshalb ein ehrgeiziges Ziel: Die berufliche Bildung soll sogar für Menschen mit Hochschulzulassung – also vor allem den Absolventen von Gymnasien – «eine zum Studium gleichwertige Qualifizierungsperspektive bieten». Die Ministerin will den Ausbildungsweg mit neuen Titeln aufwerten. Ihre Pläne sehen für die höhere Berufsbildung – zu dieser tertiären Bildungsstufe zählt in Deutschland besonders die Meisterprüfung – die neuen Abschlussbezeichnungen «Bachelor Professional» und «Master Professional» vor. Dabei werde gleich deutlich, dass die Berufsbildung «vergleichbar im Wert mit der Ausbildung an den Universitäten» sei, erklärte Karliczek jüngst im Bundestag. Zudem soll diese mit international verständlichen Titeln besser positioniert werden.

Hochschulen opponierten erfolgreich

Damit könnte Deutschland der Schweiz zuvorkommen. Hierzulande fand die Schaffung ­neuer Titel im Bundesparlament vor fünf Jahren keine Mehrheit. Der Ständerat wollte davon im Gegensatz zum Nationalrat nichts wissen; die Hochschulen opponierten erfolgreich. Mit der Vermischung der akademischen und beruflichen Terminologie gehe die Trennschärfe verloren, warnten sie.

In der Schweiz hätten die Oberbegriffe «Professional Bachelor» und «Professional Master» gelautet, also nur marginal anders als nun in Deutschland. Vergeben worden wären sie ebenfalls für Abschlüsse der höheren Berufsbildung, wobei dazu typischerweise die Diplome der höheren Fachschulen (HF) zählen. Absolventen sind unter anderem Pflegefachleute, Schreinermeister und technische Kaufleute. Der Schweizerische Gewerbeverband beklagt sich schon lange über die fehlende Positionierung von HF-Titeln im Ausland. In seinem bildungspolitischen Bericht fordert er die Einführung neuer Diplomzusätze. Es brauche «verständliche und aussagekräftige Titel».

Zu deren Promotoren gehört nebst dem ehemaligen Preisüberwacher Rudolf Strahm auch SP-Nationalrat Matthias Aebischer. Der Berner war es, der zuletzt mittels Vorstoss verlangte, einen Bachelor und einen Master für die Berufsbildung zu verankern. Ihm geht es darum, dass ausländische Firmen den Wert der hiesigen Ausbildung verstünden.

Auf Anfrage erklärt er: «Ich bin hocherfreut, dass die Abschlüsse der Berufsbildungsleute endlich aufgewertet werden.» Wenn Deutschland den «Bachelor Professional» einführe, ist ­Aebischer überzeugt, werde die Schweiz bald nachziehen müssen. «Denn eine Bevorteilung der deutschen Berufsbildungsabschlüsse gegenüber den schweizerischen werden wir nicht akzeptieren.»

Handwerker als Akademiker

Aebischer warnt vor einer Ungleichbehandlung. Wer eine Lehre abgeschlossen hat, sei mit seinem Titel heute gegenüber den «sogenannt Studierten» aus Ländern wie Frankreich und Italien benachteiligt. «Deutschland hat das nun auch gemerkt.» Tatsächlich verfügen beispielsweise Pflegefachleute oder Handwerker vielerorts formell über einen akademischen Abschluss.

Allerdings formiert sich auch im grossen Nachbarland bereits Widerstand gegen die geplanten Titel. Der deutsche Bundesrat, die Kammer der Bundesländer, lehnt die Pläne ab. Seine Argumentation ist aus der Schweiz bestens bekannt: Die neuen Bezeichnungen könnten das Ansehen der Hochschulabschlüsse Bachelor und Master gefährden. Ob das Parlament dies anders sieht, ist noch offen. Der Bundestag berät derzeit über die Gesetzesvorlage.