Bedingte Freiheitsstrafe für Tessiner Arzt

Ein Gynäkologe verwechselte eine Patientin und amputierte fälschlicherweise beide Brüste. Der Einzelrichter in Lugano anerkannte auf schwere Körperverletzung.

Gerhard Lob, Lugano
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Blick auf den Eingang der Klinik St. Anna in Lugano-Sorengo. (Bild: Samuel Golay/Keystone; 13. März 2015)

Blick auf den Eingang der Klinik St. Anna in Lugano-Sorengo. (Bild: Samuel Golay/Keystone; 13. März 2015)

Der unglaubliche Fall ereignete sich am 8. Juli 2014 in der renommierten Privatklinik St. Anna von Lugano-Sorengo. Der Gynäkologe Piercarlo Rey operierte damals eine 67-jährige Patientin. Statt ­einen kleinen Tumor hinter der linken Brustwarze zu entfernen, nahm er in einer sogenannten ­bilateralen Mastektomie beide Brüste ab. Die Patientin war mit einer anderen verwechselt worden. In den OP-Sälen der Klinik hatte ein Durcheinander geherrscht. Die Reihenfolge der OPs war geändert worden. Doch wie konnte es zu dieser Verwechslung kommen? Wer trägt die Schuld?

Diese Fragen beschäftigen die Öffentlichkeit, seit der Fall im Juli 2015 publik geworden war. Gestern verurteilte Einzelrichter Amos Pagnamenta in Lugano nach zweitägigem Prozess den 65-jährigen Gynäkologen wegen schwerer Körperverletzung und Dokumentenfälschung zu acht Monaten Freiheitsstrafe, bedingt ausgesetzt auf zwei Jahre.

Verurteilter sieht sich als Sündenbock

Damit ging er über die Forderung des Staatsanwaltes hinaus, der in seinem Plädoyer eine bedingte Geldstrafe von 65400 Franken sowie eine Busse von 3000 Franken als angemessen ansah. Der Staatsanwalt hatte dem Beschuldigten vorgeworfen, als Arzt fahrlässig gehandelt und einen groben Fehler begangen zu haben. Er hätte die Identität der zu operierenden Frau prüfen müssen. Zudem lag Dokumentenfälschung vor, weil der Arzt der Patientin nicht sofort nach der Operation die Wahrheit gesagt hatte und den OP-Bericht gefälscht hatte. Selbst eine allfällige Mitverantwortung anderer würde an seiner Schuld nichts ändern.

Piercarlo Rey bestritt die Vorgänge vor Gericht nicht. Doch bei der juristischen Wertung kamen seine Verteidiger zu einem ganz anderen Schluss. So habe die Verantwortung zur korrekten Identifizierung der Patientin nicht beim operierenden Arzt gelegen, sondern beim Anästhesisten. «Ich kann bis heute nicht verstehen, dass mich im OP niemand gestoppt hat», so Rey vor Gericht, der sich als Sündenbock bezeichnete. Als er nach dem Eingriff merkte, was geschehen war, sei für ihn die Welt zusammengebrochen.

Dass er die Frau nicht unmittelbar informiert hatte, begründete er mit ihrem labilen psychischen Zustand und Selbstmordabsichten. «Er hat für ein höheres Gut die Unwahrheit gesagt – für das Leben der Patientin», argumentierte ein Verteidiger. Doch der Richter schenkte diesen Ausführungen keinen Glauben. Der Arzt habe nicht im Interesse der Patientin gehandelt, sondern die Wahrheit und seine eigene Verantwortung vertuschen wollen.

Der gravierende Arztfehler in der Klinik führte in den letzten Jahren auch zu einem journalis­tischen Nebenschauplatz. Die Sonntagszeitung «il caffè» kam unter Berücksichtigung mehrerer Berichte immer wieder auf die Frage zurück, ob nicht fehlbare strukturelle Abläufe ein Grund für diesen Fehler waren. Die Klinik verklagte darauf vier Redaktoren der Zeitung wegen Verleumdung und unlauteren Wettbewerbs.

Verteidiger gehen in Berufung

Im Mai dieses Jahres wurden die Redaktoren von einem Einzelrichter in Bellinzona «im Namen der Pressefreiheit» freigesprochen. Die Klinik St. Anna gehört zur Privatklinikgruppe Genolier Swiss Medial Network und wird im Tessin durch den ehemaligen FDP-Präsidenten Fulvio Pelli als Verwaltungsratspräsident vertreten. Ein Ende der Angelegenheit ist noch nicht in Sicht. Die Verteidiger des Arztes haben bereits angekündigt, in die Berufung zu gehen.

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