Coronavirus
Behörden besorgt: Viele wiegen sich wegen Impfstoff in falscher Sicherheit – und befolgen Regeln weniger

Nach dem Start der Covid-19-Impfungen beobachten die Behörden eine wachsende Nachlässigkeit bei den Schutzmassnahmen. Eine «gefährliche Entwicklung», warnen auch die Gesundheitsdirektoren.

Sven Altermatt,
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Ein Pieks mit grosser Hoffnung: Die Nachfrage nach Coronaimpfungen ist gross, aber die Menge der verfügbaren Dosen noch klein.

Ein Pieks mit grosser Hoffnung: Die Nachfrage nach Coronaimpfungen ist gross, aber die Menge der verfügbaren Dosen noch klein.

Keystone

Der Impfstoff ist da und alles ist gut? Wenn es bloss so einfach wäre: Die Behörden befürchten, dass sich ein falsches Gefühl von Sicherheit in der Bevölkerung breitmacht. Die nun angelaufenen Covid-19-Impfungen verleiteten viele zu Lockerheit – in der falschen Annahme, die Pandemie sei bald ausgestanden und die Ansteckungsrisiken nicht mehr so hoch. Die Rede ist von einer «erhöhten Nachlässigkeit», wie die Redaktion von CH Media aus dem Kreis kantonaler Gesundheitsämter erfahren hat.
In den Krisenstäben der Kantone wächst die Besorgnis. So verlangten einzelne Kantonsärzte beim Bund eine Verstärkung der kommunikativen Tätigkeiten, um die Leute trotz der Impfkampagne weiterhin von den Hygieneregeln zu überzeugen. Von Massnahmen also wie Masken tragen, Abstand halten und Kontakte beschränken.
Auch in den jüngsten Lagebildern des Bundes werden Bedenken laut. Dies berichten Insider übereinstimmend. Zunehmende Teile der Bevölkerung verlören die Furcht vor der Pandemie, heisst es gestützt auf Beobachtungen und Verhaltensdaten. Vorderhand könne die hohe Infektionsrate nur mit den geltenden Regeln gesenkt werden. Man habe noch einige harte Monate vor sich.

Regeltreue nimmt tendenziell ab

Zwar betont die kantonale Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK) auf Anfrage: Ein grosser Teil der Bevölkerung halte sich an die Massnahmen, und zwar schon seit langem. Das verdiene grossen Respekt und Dank, sagt GDK-Sprecher Tobias Bär. «Die Kantone stellen aber schon auch fest, dass die Bereitschaft, sich an die Verhaltens- und Hygieneregeln zu halten, mit Fortdauer der Pandemie tendenziell abnimmt.» Die nun anlaufenden Impfungen könnten diese Tendenz noch verstärken.

Die GDK spricht von einer «gefährlichen Entwicklung», zumal die Hygiene- und Verhaltensregeln weiterhin und unverändert gelten. Bär weist überdies darauf hin, dass die Impfstoffe zwar vor einer Erkrankung schützen. Noch sei jedoch unklar, ob dies auch für eine Übertragung des Coronavirus gelte.

Noch eine Durststrecke

Das Phänomen ist ein altbekanntes: Ist erst mal Licht am Ende des Tunnels zu sehen, kennt die Euphorie kaum mehr Grenzen. Davor warnte der amerikanische Ökonom Tyler Cowen schon im November. Viele dürften wegen den Impfungen unvorsichtiger werden, schrieb er in einem Beitrag für das Wirtschaftsportal Bloomberg.

Gerade in der jetzigen Phase sei aber nochmals Zurückhaltung gefragt; dafür mit Aussicht auf eine dauerhafte Normalisierung nach der letzten Durststrecke. «Kurzes Warten ist einfacher und weniger kostspielig als langes Warten», fasste Cowen zusammen.