ETH Zürich

Bericht zum Mobbing-Fall weist klare Mängel auf – Hochschule hält dennoch an Entlassung fest

Seit Monaten beschäftigt ein Mobbingfall die ETH Zürich.

Seit Monaten beschäftigt ein Mobbingfall die ETH Zürich.

Die ETH Zürich hat den kompletten Untersuchungsbericht zur «Mobbing-Affäre» offengelegt. Die 67 Seiten umfassen Einzelheiten der Anschuldigungen und zeichnen ein schlechtes Bild der Astronomie-Professorin und ihrem Umgang mit Doktoranden.

Es sind 67 Seiten, die eine der grössten Krisen der ETH Zürich ausgelöst haben. Seit Monaten sorgt der unveröffentlichte Bericht über die Administrativuntersuchung zur Mobbing-Affäre für Schlagzeilen. Nationale und internationale Medien berichteten über die umstrittene Astronomie-Professorin Marcella Carollo, die über Jahre Doktoranden schikaniert haben soll.

Nun hat die Hochschule reagiert und den kompletten Untersuchungsbericht offengelegt. Aufgrund des gestiegenen öffentlichen Interesses und der Transparenz wegen, habe sich die ETH zu diesem Schritt entschieden, schrieb die Schule gestern.

Die 67 Seiten umfassen Einzelheiten der Anschuldigungen und zeichnen ein schlechtes Bild von Carollos Umgang mit Doktoranden. Es sind die bisher unveröffentlichten Details der lange schwelenden Affäre. Mehrere Doktoranden erklären darin, dass die Professorin sie angeschrien oder beleidigt habe. Bereits eine schlechte Körperhaltung sei Grund genug gewesen. «Ich war psychisch am Ende, so konnte ich nicht weitermachen, der Druck war zu hoch», gibt eine Doktorandin zu Protokoll.

Im Bericht kommen auch Angestellte zu Wort. Es seien Wetten abgeschlossen worden, ob die neue Sekretärin Carollos länger als ein bis zwei Jahre bleiben werde. Die Vorgängerinnen wechselten im Schnitt nach vier bis sechs Monaten die Stelle. Carollo selbst bestreitet die Vorwürfe. Sie sieht sich selbst als Opfer einer Intrige enttäuschter Doktoranden.

Auf Basis des Berichts beantragte der neue Präsident der ETH Zürich, Joël Mesot, die Freistellung Carollos. Sollte es soweit kommen, wäre das die erste Entlassung in der 164-jährigen Geschichte der renommierten Hochschule. Der ETH-Rat wird darüber entscheiden.

Doch so eindeutig ist die Sache nicht. Bemerkenswert ist die Beurteilung der Professoren-Kommission, welche die Kündigung untersucht hat. Ihre Einschätzung wurde gestern ebenfalls veröffentlicht. Darin kritisiert sie den Mobbing-Bericht: «Beim Studium der Akten stellten wir fest, dass der Untersuchungsbericht kein in allen Punkten ausgewogenes Bild vermittelt», heisst es.

Vielmehr würden für Carollo belastende Aspekte übergewichtet, positive hingegen nur einzeln Eingang in den Bericht finden. Des Weiteren würden Aussagen der Professorin aus dem Zusammenhang gerissen. Es fehle die Objektivität.

Allerdings sind die Verfehlungen Carollos auch für die Kommission unbestritten. Das ihr zur Last gelegte Verhalten wiege schwer, schreiben die Professoren. Letztlich zeichne sich ein Bild einer fachlich anerkannten Professorin ab, die allerdings signifikante Defizit in der Sozialkompetenz habe. Deshalb gäbe es dringenden Handlungsbedarf. «Es ist zwar nicht Aufgabe der Schulleitung, Studierenden und Doktorierenden eine Wohlfühlumgebung zu garantieren. Aber sie muss Entgleisungen wie im Fall der Professorin frühzeitig aufdecken und unterbinden.»

Bericht kostet 225 000 Franken

Freistellen würde die Kommission Carollo allerdings nicht: «Auf eine Entlassung ist zu verzichten», heisst es. Vielmehr dürfe Carollo nicht mehr alleine Doktoranden betreuen, und sie müsse einen Führungskurs belegen. Zudem sollte man ihr eine Probezeit von mindestens zwei Jahren auferlegen, empfehlen die Professoren.

Das sieht die ETH-Führung anders. Bereits Mitte März kündete Präsident Mesot die Entlassung an. Er betonte damals, dass sich die Professorin während des kompletten Verfahrens uneinsichtig zeigte und sich bis heute keines Fehlverhaltens bewusst sei.

Der Fall kommt der ETH nicht nur wegen der Reputation teuer zu stehen. 225 000 Franken hat die Untersuchung gekostet, wie die Hochschule auf Anfrage mitteilt. Und es dürfte nicht das letzte Kapitel im Fall Carollo bleiben. Die Beschuldigte hat bereits angekündigt, in Berufung zu gehen, sollte der ETH-Rat die Entlassung aussprechen.

Die Professoren-Kommission warnt deshalb: Es sei sehr wahrscheinlich, dass die allfällige Kündigung von einem Gericht als ungerechtfertigt eingestuft werden würde. Ausserdem verweist sie auf eine unvermeidbare Publizität, die ein Gerichtsverfahren mit sich bringen würde. Die ist allerdings längst da.

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