Herr Wolter, der Lehrermangel wird sich durch die starksteigenden Schülerzahlen verschärfen. Welche Kantone sind am stärksten betroffen?

Stefan Wolter: Auf der Primarstufe benötigen wir bis 2025 rund 5 Prozent mehr Lehrer als heute. In einigen Kantonen wie Thurgau, Fribourg oder dem Aargau sogar deutlich mehr. Allerdings steigt der Bedarf nicht im gleichen Masse wie die Schülerzahlen, da der Bund in seinen Prognosen von grösseren Klassen ausgeht, die einen Teil des Schülerwachstums auffangen werden.

Leidet nicht der Lernerfolg, wenn die Klassen grösser werden?

Falls es sich nur um ein, zwei Schüler pro Klasse handelt, hat das auf die durchschnittliche Leistung der Kinder keinen Einfluss. Die Unterrichtsqualität bleibt gleich gut. Es sei denn, die Klasse besteht bereits aus mehr als 25 Schülern, dann wird es heikel.

Dabei sagen Lehrer schon heute, die durchschnittliche Klassengrösse von 19 Kindern sei zu hoch.

Wenn das der Fall ist, frage ich mich, was in fünf Jahren sein wird. Dann werden sie sich mit Freude an heute erinnern, als die Verhältnisse im Vergleich noch hervorragend waren. Pädagogisch gesehen, machen grössere Klassen am meisten Sinn. Sie ermöglichen es, die Entwicklung aufzufangen, ohne dass die Leistungen der Schüler darunter leiden. Das Hauptproblem ist nicht die durchschnittliche Klassengrösse, sondern dass Schulen auf die Leistungsunterschiede der Klassen oft keine Rücksicht nehmen. In vergleichbaren Gemeinden unterrichten Lehrer heute Klassen mit 15 Schülern, im Nachbarort mit 25.

Wie lässt sich dieses Problem lösen?

Das ist nicht so einfach und wird jetzt noch schwieriger, denn der Anstieg ist sehr ungleich verteilt. In Ballungsgebieten – den Städten und Agglomerationen – wird es mehr Schüler geben, in man- chen Regionen auf dem Land hingegen weniger. Dabei stammen gerade in der Agglomeration viele Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund. Sie würden am meisten von kleineren Klassen und einer intensiveren Betreuung profitieren.

Welche Massnahmen sind möglich, die nicht die Klassen- grösse betreffen?

Eine weitere Möglichkeit besteht in weniger Teilzeitarbeit. In Kantonen wie Aargau, Luzern oder Solothurn gibt es viele Primarlehrerinnen und -lehrer, die in einem 50-Prozent- oder noch tieferen Pensum unterrichten. Allerdings bezweifle ich, dass sie freiwillig ihr Pensum erhöhen, denn oft geht es um die Vereinbarkeit mit dem Familienleben. Wenn man die Situation ändern will, geht das wohl nur, wenn höhere Pflichtpensen in den Schulen gesetzlich verankert werden, wie es im Kanton Genf der Fall ist. Dort müssen Primarlehrer mindestens zu 50 Prozent unterrichten, die meisten arbeiten sogar Vollzeit.

Das schreckt doch angehende Lehrer und potenzielle Quereinsteiger ab.

Das ist oft das Gegenargument, es gibt allerdings kaum verlässliche Erhebungen dazu. In Genf ist der Lehrermangel nicht grösser als in anderen Kantonen. Viele Faktoren spielen eine Rolle, nicht nur das Pensum.

Können neue technische Errungenschaften Lehrer unterstützen und damit den Unterricht verbessern?

Die grosse Hoffnung der Schulen ist die Digitalisierung. Neue technische Hilfsmittel erlauben Lehrern, grössere Klassen individuell und effizient zu unterrichten. Programme, die den Lernfortschritt jedes einzelnen Kindes festhalten und die idealen Übungen auswählen, entlasten die Lehrerinnen und Lehrer ungemein. Gegen grössere Klassen wird oft eingewandt, dass die Lehrperson die individuelle Betreuung nicht mehr gewährleisten kann. Eine Lernsoftware könnte dem entgegenwirken.