Ringier

Blick TV ist ein CNN im Taschenformat

Ein Blick hinter die Blick TV-Kulissen

Ein Blick hinter die Blick TV-Kulissen.

Ringier ist im Zeitalter des Bewegtbildes angekommen – zum wiederholten Mal.

Das Studio mit einer roten Weltkugel als eingeblendeten Hintergrund und zwei adrett gekleideten Moderatoren im Vordergrund signalisiert Ambitionen. Blick TV kommt daher wie CNN, die Urmutter des Häppchen-TVs. In einer Programmschlaufe folgen Beitrag auf Beitrag; teils durch einen launig-vorgeschriebenen Dialog des Moderatorenpaars verbunden, teils überbrücken Grafik-Trailer abrupte Themenwechsel. Nach 15 Minuten wiederholen sich die Inhalte; ein Kurzbeitrag ist vielleicht ausgewechselt, ein Statement mit einem «Blick»-Journalisten aktualisiert.

Doch was ist, wenn wie am Starttag wenig Aufregendes geschieht? Dann steht ein Reporter frühmorgens vor der Zürcher Sihlpost, in der vagen Hoffnung, dass sich eine Panne ereignet und sich die Türen nicht öffnen. Oder eine Reporterin steht im Regen vor dem Basler Strafgericht, das maximal unspektakulär Zürcher Hooligans nach ihren Personalien befragt.

Start von Blick TV.

Start von Blick TV.

Und wie lassen sich die Lücken zwischen den No-News füllen? Mit Material des globalisierten Trash-TV; eine Russin stirbt nach einem Torten-Fress-Wettbewerb, Harry und Meghan steigen aus einem Flugzeug, was ein Paparazzi standbildlich festgehalten hat. Oder mit Füllmaterial des Lokalfernsehens; der Zürcher Zoo erhöht die Eintrittspreise, was zum Bekenntnis der Moderatorin führt:

Moderatoren Simone Stern und Reto Scherrer beim Sendestart von Blick TV, hier vor dem Green Screen

Moderatoren Simone Stern und Reto Scherrer beim Sendestart von Blick TV, hier vor dem Green Screen

Bei Ringier sind bisher alle TV-Projekte versandet

Blick-TV ist in dieser Form ein CNN im Taschenformat oder wie Medienforscher sagen: Bewegtbilder für Leute, die sich für die relevanten Informationen nicht wirklich interessieren.

Ringier setzt jedoch hohe Erwartungen auf Blick TV als integriertem Live-TV-Kanal auf den Websiten und Apps der Blick-Gruppe. Ex-SRF-«Arena»-Moderator Jonas Projer hat die Aufgabe, dass der Konzern wieder Anschluss an das Video-Zeitalter findet. Bemerkenswert ist, dass überhaupt Nachholbedarf besteht, da kein anderes privates Medienunternehmen über eine längere TV-Erfahrung verfügt. Bereits in den 1990er-Jahren war Ringier an Teleclub beteiligt. Für Schweiz 4, dem Vorgänger von SRF 2, produzierte Ringier wöchentlich Sendungen. Ringier stand mit am Start von Schawinskis Tele Züri und war Produktionspartner, als Sat 1 Livespiele der Schweizer Fussball-Meisterschaft ausstrahlte. Keines der Projekte hat überlebt, da auf anfängliche Euphorie stets Ernüchterung folgte.

Euphorie wird nun auch mit Blick-TV zelebriert. Ob sie anhält, wird sich spätestens dann zeigen, wenn tatsächlich etwas Aufregendes im Land passiert.

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Autor

Christian Mensch

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