Staatsbesuch

Boliviens Präsident Evo Morales in der Schweiz: Vom Schreckgespenst zum Staatsmann

Präsident im Ethno-Sakko Evo Morales will 2019 erneut von Boliviens Wählern im Amt bestätigt werden.

Präsident im Ethno-Sakko Evo Morales will 2019 erneut von Boliviens Wählern im Amt bestätigt werden.

Boliviens Präsident hat viel erreicht für sein Land. Kritiker fürchten dennoch, er könnte sich zum nächsten Diktator aufschwingen.

Ausser den Bergen dürfte Evo Morales bei seinem Staatsbesuch heute in der Schweiz einiges seltsam vorkommen – und umgekehrt. Der ehemalige Kokabauer, der es mit sozialistischen Ideen zum Präsidenten Boliviens brachte, ist eine schillernde Gestalt. Seine Kokablätter kauenden Auftritte vor der UNO sorgten ebenso für Befremdung wie seine Sprüche über hormongepäppelte Hähnchen, die schuld seien an der Verweiblichung der Männer.

Dreimal wurde er unangefochten gewählt, schon jetzt ist er der am längsten amtierende Staatschef Boliviens. Seine Kritiker belächeln ihn nun nicht mehr, sondern fürchten ihn als möglichen neuen Diktator. Unlängst setzte er sich über die Verfassung und ein verlorenes Plebiszit hinweg und erklärte, 2019 noch einmal antreten zu wollen.

Ohne Konkurrenz

Seine Mischung aus Volkstümlichkeit, Charisma und Autoritarismus steht ganz in der Tradition der lateinamerikanischen Caudillos. Neben ihm konnte kein Konkurrent oder Nachfolger gross werden; seine Minister erreichen lange nicht seine Beliebtheit. Im Gegensatz zu den krisengeschüttelten sozialistischen Nachbarländern wie Venezuela hat seine Regierung das Land positiv verändert, politische Stabilität, Wirtschaftswachstum und mehr Gleichberechtigung für die indigene Bevölkerung gebracht.

Die Jahre sind aber auch an dem 58-Jährigen nicht spurlos vorübergegangen. Er ist behäbiger und selbstgefälliger geworden. Klopfte er im Wahlkampf 2005 noch klassenkämpferische Sprüche, hemdsärmelig oder im Strickpulli, gibt er nun Interviews als Staatsmann im edlen Ethno-Sakko.

Das Geheimnis seines Erfolgs? «Er verkörpert wie kein anderer die Mischlings-Kultur Boliviens», sagt Expräsident und Universitätsprofessor Carlos Mesa. Kritiker wie der Journalist Fernando Molina sehen in ihm einen Caudillo, der zwar am Puls der Bevölkerung sei, aber auch seine Launen zur Politik erhebe. Molina zitiert als Beispiele für die «bonapartistische Tendenz» die miserablen Beziehungen zu den USA, Morales’ gescheiterte Kandidatur für den Friedensnobelpreis oder das in seinem Heimatort geplante, millionenteure Indigena-Museum.

Lamas statt Schulbank

Einen Film über seine Lebensgeschichte gibt es schon, er heisst «Cocalero» und schlachtet die Klischees gebührend aus: Geboren am 26. Oktober 1959 in einem bitterarmen Dorf der südlichen Provinz Oruro in einer Aymara-Bauernfamilie musste Morales die weiterführende Schule abbrechen und stattdessen Lamas hüten. Manchmal ass die Familie nur eine Suppe aus den ausgelutschten Orangenschalen, die Reisende aus den vorbeifahrenden Überlandbussen warfen und die der kleine Evo eifrig aufsammelte. 1982 kostete ihn eine Hungersnot im Hochland fast das Leben. Von seinen sechs Geschwistern überlebten nur zwei.

Er floh in den Chapare, wo er auf die Kokabauern traf und Bekanntschaft mit den kämpferischen Gewerkschaften machte. Rund 40 000 Familien leben im subtropischen Tiefland des Chapare vom illegalen Verkauf der Kokablätter, die den Grundstoff für die Herstellung von Kokain liefern. Morales war bei Streiks und Demonstrationen dabei. Die Elite des Landes fürchtete ihn als Strassenblockierer, Nutzniesser des Drogenhandels und marxistischen Aufrührer. Unzählige Male sass er im Gefängnis. Gefoltert habe man ihn, sagt Morales.

Doch das hat dem Bewunderer des kubanisch-argentinischen Revolutionshelden Ernesto «Che» Guevara seine sozialistischen Ideen nicht ausgetrieben und seine Popularität nur erhöht. Vor allem bei den Ureinwohnern. Aber auch Venezuelas verstorbener linkspopulistischer Präsident Hugo Chavez sah in dem Indigena schon früh einen Verbündeten gegen den US-Imperialismus. 1992 wurde er Vorsitzender der Kokabauern-Gewerkschaft, 1997 mit 70 Prozent der Stimmen seines Wahlbezirkes zum Kongressabgeordneten gewählt. Seine linke Partei, Bewegung zum Sozialismus (MAS), hatte zuvor schon lokale Erfolge eingefahren.

2005 schaffte der zweifache, ledige Vater den Coup: er siegte bereits in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl, obwohl sein rechter Gegner Jorge Quiroga ihn als Schreckgespenst für Investoren und Gefahr für Marktwirtschaft und Demokratie abstempelte. Von da an setzte Morales seine Ideen in die Tat um. Er verstaatlichte die Grundstoffindustrien, womit er dank der Rohstoffhausse auf den Weltmärkten die Staatskassen füllen konnte. Das Geld investierte er vor allem in populäre Sozialprogramme für Kinder, Schwangere und Alte. Er baute mit venezolanischer und kubanischer Hilfe ein umfassendes Mediennetz und Gesundheits- und Alphabetisierungsprogramme auf.

Gegen die Mafia

Morales’ Gegner sind heute eher in der intellektuellen Mittelschicht zu finden, bei den Indigenen, über deren Umweltschutzanliegen er sich skrupellos hinwegsetzt und immer mehr Gebiete für den Bergbau erschliesst – und in der Korruption und der Drogenmafia, die sich in Justiz, Polizei und Bürokratie eingenistet hat. Dass er es nicht geschafft habe, dort auszumisten, wurme ihn am meisten, erklärte er in einem Interview, in dem er seine erneute Kandidatur rechtfertigte.

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