Eckpunkte des Jura-Streits
Bomben, Béliers und ausgebuhte Bundesräte: Wie Separatisten im Jura um ihre Unabhängigkeit kämpften

Es ist ein Konflikt, der seit 1815 loderte und schliesslich 1947 eskalierte: Zum Unabhängigkeitskampf der jurassischen Separatisten gehörten Sprengstoffanschläge, Scharmützel und aufsehenerregende Aktionen. Ein kurzer Abriss.

Lucien Fluri
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1815

Auf dem Wiener Kongress erhält Bern den Jura und das Laufental zugeschlagen.

1947

9. September: Der moderne Jurakonflikt beginnt: Das Berner Kantonsparlament verweigert dem bernjurassischen Regierungsrat Georges Moeckli den Wechsel ins wichtige Baudepartement – auch weil er französischer Muttersprache ist.

1959

Juni: Die Berner lehnen eine Initiative der Separatisten ab, die auf einen Kanton Jura abzielte.

1962

Die separatistische Jugendgruppe Béliers und die Jurassische Befreiungsfront (Front de Libération Jurassien) werden gegründet. Zuerst werden nur Berner Wappen übermalt. Im Oktober wird bei Sainelégier eine Militärbaracke angezündet, nachdem die Berner Regierung einen bernkritischen Offizier sanktioniert hatte.

1963

Das Jahr der Anschläge. Marcel Boillat (1929–2020) und JeanMarie Joset (1932-2009), die beiden Hauptakteure der Befreiungsfront, setzen zwei Bauernhöfe in Brand.– Auf deren Gebiet hatte der Bund einen umstrittenen Waffenplatz geplant. Es gibt einen Sprengstoffanschlag auf das Haus des bernjurassischen Ständerates Charles Jeanneret. Im Dezember brennt die Sägerei einer berntreuen Familie. 1992 wird sie wieder angezündet.

Die Truemmer des völlig abgebrannten Bauernguts "Sous La Cote", am 19 Juli 1963.

Die Truemmer des völlig abgebrannten Bauernguts "Sous La Cote", am 19 Juli 1963.

Keystone
1964

Die Anschläge des Duos gehen weiter. Am 25. März werden Boillat und Joset verhaftet und später zu acht, bzw. sieben Jahren Gefängnis verurteilt.

30. August: Bundesrat Paul Chaudet wird niedergebrüllt, als er beim Soldatendenkmal in Les Rangiers eine Rede halten will.

Das Soldatendenkmal in Les Rangiers war mehrfach Ziel der Angriffe der Béliers. Hier wurde 1964 Bundesrat Paul Chaudet bei einer Rede ausgebuht. Später stahlen die Béliers den Kopf des Denkmals und zerstörten ihn schliesslich.

Das Soldatendenkmal in Les Rangiers war mehrfach Ziel der Angriffe der Béliers. Hier wurde 1964 Bundesrat Paul Chaudet bei einer Rede ausgebuht. Später stahlen die Béliers den Kopf des Denkmals und zerstörten ihn schliesslich.

Keystone
1966

Brandanschläge von Unabhängigkeitskämpfern auf die Steuerverwaltung in Delsberg und das Zeughaus in Glovelier. Zwei Restaurants brennen.

1967

18. Februar: Marcel Boillat flüchtet aus dem Gefängnis. In Spanien erhält er Asyl. Erst 1987 wird er – als seine Taten verjährt sind – wieder in die Schweiz reisen.

1968

11. Dezember: Béliers dringen in den Nationalratssaal ein; es kommt zu Rangeleien, an denen auch der spätere Bundesrat Kurt Furgler beteiligt gewesen sein soll. Im November 1969 verbrennen über 300 Béliers in Bern 5000 rote Zivilverteidigungsbüchlein.

1972

13. Juli: Kurzzeitige Besetzung der Schweizer Botschaft in Paris.

1974

Abstimmungen über einen eigenen Kanton Jura. Am 23. Juni 1974 sagen die drei Bezirke Delsberg, Pruntrut und Freiberge Ja. Die Bezirke Moutier, Courtelary und La Neuveville wollen bei Bern bleiben. Die Jurafrage ist damit nicht entschieden. Es kommt in den Folgejahren mehrfach zu heftigen Ausschreitungen.

Grenadiere der bernischen Kantonspolizei gehen am 7. Juni 1977 mit Tränengas und massivem Polizeiaufgebot gegen jurassische Separatisten in Moutier im Kanton Bern vor.

Grenadiere der bernischen Kantonspolizei gehen am 7. Juni 1977 mit Tränengas und massivem Polizeiaufgebot gegen jurassische Separatisten in Moutier im Kanton Bern vor.

Str / KEYSTONE
1979

Gründung des Kantons Jura.

Keystone
1984

3. Juni: In Interlaken wird der Unspunnenstein gestohlen. 2001 tauchte er wieder auf – und kommt 2005 erneut weg.

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24. August: Der bisher unbekannte Finanzrevisor Rudolf Hafner deckt auf, dass der Berner Regierungsrat berntreue Kräfte im Jura und im Laufental mit Lotteriegeldern unterstützt hatte. 1983 hatte sich das Laufental an der Urne für den Verbleib bei Bern ausgesprochen. Nun entscheidet das Bundesgericht, dass die Abstimmung wiederholt werden muss. 1988 sprechen sich die Laufentaler für den Wechsel zum Baselbiet aus. Nach Hafners Enthüllungen kommt es zu Rangeleien im Berner Kantonsparlament zwischen Politikern und Béliers. In Altdorf wird die Tell-Staute verfärbt, Béliers zerstören die Justitiafigur auf dem Berner Gerechtigkeitsbrunnen.

1987

Anschläge auf Munitionsdepots. Ein Brandanschlag auf die historische Holzbrücke in Büren a. A. Im April 1989 brennt sie tatsächlich. Die Täter werden nie gefasst.

1993

7. Januar: In Bern stirbt Christophe Bader, als in seinem Auto Sprengstoff explodiert. Der junge Jurassier wollte zum Rathaus fahren, wo er einen Anschlag plante.

Keystone

Am gleichen Tag gibt es in Courtelary einen Sprengstoffanschlag auf das Haus des Chefs der berntreuen Sangliers.

2013

November: Der Berner Jura lehnt in einer erneuten Volksabstimmung den Wechsel zum Kanton Jura ab. Moutier spricht sich dafür aus.

2017

Juni: Die Gemeinde Moutier spricht sich an der Urne für den Kantonswechsel aus. 2019 annulliert das Berner Verwaltungsgericht die Abstimmung wegen Ungereimtheiten.

2021

28. März: Moutier entscheidet erneut.

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