Seit Jahrzehnten dauert sie an, die Suche nach dem idealen Schweizer Standort für ein Atomendlager – und sie wird sich noch mehrere Jahre hinziehen. Bis die ersten hochradioaktiven Brennstäbe im Gestein eingelagert sind, verstreicht gar fast noch ein halbes Jahrhundert. Seit gestern wissen wir: Es kommt eine weitere Verzögerung hinzu.

Grund dafür ist ein Rüffel des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi) an die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra). Ende Januar gab die Nagra bekannt, dass sie als Tiefenlager-Standort lediglich die beiden Gebiete Jura Ost und Zürich Nordost vorschlägt. Vier weitere ursprünglich anvisierte Standorte wurden zurückgestellt. Seither prüft das Ensi die Tausende Seiten umfassenden Berichte – und übt daran nun Kritik: «Wir haben festgestellt, dass gewisse Daten nicht belastbar und gewisse Argumente nicht nachvollziehbar sind», sagt Meinert Rahn vom Ensi. Entsprechende Unterlagen müssen nun nachgereicht werden – was die Verzögerung von sechs bis zwölf Monaten zur Folge hat.

Konkret bemängelt das Nuklearinspektorat die Datengrundlage zur «Tiefenlage im Hinblick auf bautechnische Machbarkeit». Dieser Indikator definiert die maximal sinnvolle Tiefenlage eines Atomendlagers. Oder vereinfacht gesagt: Wie tief man das Lager bauen muss, ohne dass durch ein noch tieferes Bauwerk langfristig zusätzliche Sicherheit entsteht. Die bisher formulierte Grundlage werde «den behördlichen Anforderungen nicht gerecht», so das Ensi. Entsprechend könne man die bautechnische Machbarkeit nicht abschliessend beurteilen.

«Man kann anderer Meinung sein»

Hat die Nagra bei der Erarbeitung der Grundlagen also geschlampt? Das Ensi wollte dies gestern nicht kommentieren. Die Nagra ihrerseits weist den Vorwurf weit von sich. «Wir empfinden den Einwand des Ensi nicht als Beanstandung, sondern als Teil der wissenschaftlichen Diskussion», sagt Markus Fritschi, Bereichsleiter Lagerprogramme bei der Nagra. Es werde nur einer von vierzig Indikatoren bemängelt, wobei verständlich sei, «dass man auf Expertenniveau unterschiedlicher Meinung sein kann».

Zentraler Punkt der Diskussion ist, in welcher Tiefe die grösstmögliche Sicherheit für die Lagerung des Atommülls besteht. Ein tieferes Endlager muss dabei nicht zwingend sicherer sein, wenn etwa durch den Bau das Wirtgestein stärker geschädigt und somit die Langzeitsicherheit beeinträchtigt wird. Aus diesem Grund hat die Nagra im Januar den Standort Nördlich Lägern zurückgestellt – dort liegt der geeignete Opalinuston wesentlich tiefer als in den beiden von der Nagra bevorzugten Standorten. «Wenn es keinen wissenschaftlichen Grund dafür gibt, tiefer zu bauen, soll man es nicht tun», sagt Fritschi. Seine Genossenschaft werde nun die Argumentation zuhanden der Behörden verbessern.

Welche Unterlagen man konkret nachreichen werde, kann die Nagra allerdings noch nicht sagen. Man kenne die Kritikpunkte noch nicht im Detail und werde sie zu gegebenem Zeitpunkt dann prüfen. Das zuständige Bundesamt für Energie (BFE) verweist darauf, dass bereits Gespräche stattgefunden hätten und die schriftlichen Unterlagen der Nagra in den nächsten Tagen zugestellt würden.

Entscheid im Jahr 2027

Sowohl die Nagra wie auch das BFE betonten stets, dass keiner der sechs ursprünglich in Betracht gezogenen Standorte ganz aus dem Rennen ist. Das wussten auch die entsprechenden Regionen. Dennoch ist die Nervosität in Nördlich Lägern nun verständlicherweise gross (siehe Text unten). Es hängt von den nachgereichten Unterlagen ab, ob allenfalls auch dieser Standort im Auswahlverfahren wieder priorisiert behandelt wird. Voraussichtlich im Jahr 2018 wird dann der Bundesrat entscheiden, welche Standortgebiete in der nächsten Etappe vertieft untersucht werden. Den definitiven Standortbeschluss fällt die Regierung gemäss Fahrplan 2027. Das letzte Wort haben dann allerdings das Parlament und voraussichtlich das Volk.

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