«Meine Liebe, ihre Chancen zu scheitern, liegen nahe bei 90 Prozent!» Der Direktor der Welthandelsorganisation (WTO) gab der Schweizer Aussenministerin Micheline Calmy-Rey 2011 bei einem Telefonat klar zu verstehen, dass er ihre Vermittlungsbemühungen zwischen Georgien und Russland für aussichtslos hält. Der Direktor lag falsch.

Wenige Monate nach dem Gespräch unterschrieben die einstigen Kriegsparteien ein Abkommen: Georgien sperrte sich nicht mehr gegen den Beitritt Russlands zur WTO, der Handel zwischen den Ländern zog an, eine Win-win-Situation für beide Seiten.

In einem noch unveröffentlichten Buch der Welthandelsorganisation beschreibt Calmy-Rey am Beispiel Georgien-Russland das Rezept hinter den jüngsten Vermittlungserfolgen der Schweiz. Sie nennt es «Diplomatic Engineering». Diplomatisches Ingenieurwesen.

Lieber viele kleine Probleme

Der Grundsatz bei dieser Strategie lautet: Viele kleine technische Probleme sind besser als ein grosses politisches Problem. Die Konfliktparteien sollen die einfachen Fragen klären. Erst später nähern sie sich den allfälligen, emotional aufgeladenen Themen an.

Im Fall von Russland und Georgien wirkten Calmy-Reys Diplomaten darauf hin, dass die Verhandlungsparteien nicht über das heikle Thema der Grenzverläufe streiten. Sondern über technische Fragen wie die Durchführung von Güterkontrollen am Zoll.

«Diplomatic Engineering» ist laut Calmy-Rey aber auch für Streitigkeiten ausserhalb der Handelspolitik geeignet. Sie ist überzeugt, dass die Schweiz mithilfe des Ansatzes helfen könnte, den Nordkorea-Konflikt zu entschärfen. «Man muss das Problem Schritt für Schritt auf eine technische Ebene heben», sagt die Politologin, die heute als Gastprofessorin an der Universität Genf unterrichtet. Die Schweiz könne auf ihre Erfahrungen aus den Atomverhandlungen mit dem Iran zurückgreifen.

Die Lage auf der koreanischen Halbinsel ist ernst. Der Streit zwischen dem Regime in Pjöngjang auf der einen Seite, Südkorea, Japan und den USA auf der anderen Seite, ist in den vergangenen Wochen eskaliert. Kim Jong-un führte Atom- und Raketentests durch, die Amerikaner und die Südkoreaner provozierten mit Militärmanövern.

Calmy-Reys Plan für Nordkorea sieht zwei Phasen vor: Zuerst müssten beide Seiten die Provokationen einstellen. Also keine Nukleartests und keine Manöver mehr durchführen. In einer zweiten Phase geht es an den Verhandlungstisch. «Nordkorea will als Atommacht anerkannt werden. Das Regime verlangt Sicherheitsgarantien von den USA», so Calmy-Rey. Ziel der Gespräche wäre ein Nuklear-Deal nach dem Vorbild des Abkommens von 2015 zwischen dem Iran und den fünf UNO-Vetomächten, Deutschland sowie der EU.

Vom Gastgeber zum Koch

Das Vermitteln in internationalen Konflikten erschöpft sich für Ex-Aussenministerin Calmy-Rey nicht im Bereitstellen von Sitzungszimmern und Mineralwasser. Im WTO-Buch schreibt sie, die Schweiz habe die Verhandlungen zwischen Russland und Georgien mit starker Hand geführt, damit keine der beiden Parteien zu Verzögerungstaktiken greifen konnte. Dies habe manchmal zu Nervosität geführt. Einmal habe der georgische Premierminister – «ein junger dynamischer Mann» – sie als parteiisch bezeichnet und ihr vorgeworfen, auf der russischen Seite zu stehen. Sie habe den Vorwurf weggesteckt und an ihrem Kurs festgehalten: «Früher war die Schweiz bei internationalen Verhandlungen nur Gastgeber; heute ist sie der Koch», lautet ihr Credo.

Wie realistisch ist es, dass die Schweiz jetzt auch bei Nordkorea zur Mediatorin wird? Bundespräsidentin Doris Leuthard sagte am Montag, die Schweiz sei bereit, zu vermitteln, wenn die beteiligten Länder dies wünsch- ten. Es sei an der Zeit, dass sich alle Seiten an einen Tisch setzten. China hat nun als erstes Land Interesse signalisiert (siehe Kasten, unten). Eine offizielle Anfrage ist aber noch nicht eingetroffen.