Interview

Carla Del Ponte: «Frau Calmy-Rey und ich hatten total andere Auffassungen»

«Da muss etwas Ausserordentliches geschehen sein», sagt Carla Del Ponte zum Fall Holenweger.  Key

«Da muss etwas Ausserordentliches geschehen sein», sagt Carla Del Ponte zum Fall Holenweger. Key

Die Juristin und ehemalige Bundesanwältin Carla Del Ponte äussert sich zu ihrem Verhältnis zu Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, zum Fall Holenweger und zu ihrer angeblichen Übereifrigkeit und Geltungssucht.

Gestern Abend an der Uni Basel: Carla Del Ponte, bis Ende Februar Schweizer Botschafterin in Argentinien und zuvor acht Jahre lang Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag, hält auf Einladung des Jus-Studentenvereins «International Criminal Court Student Network Basel» einen Vortrag zum Thema «Meine Zeit als Chefanklägerin». Vorgängig absolviert die 64-jährige Tessinerin einen eineinhalbstündigen Interviewmarathon. Neun Kurzinterviews sind angesetzt – das Gespräch mit dieser Zeitung dauert genau acht Minuten.

Was Carla del Ponte mit Osama bin Laden gemacht hätte

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Frau Del Ponte, die Bundesanwaltschaft hat im Fall Holenweger eine arge Schlappe erlitten. Wie beurteilen Sie als ehemalige Bundesanwältin die Arbeit Ihrer Nachfolger?

Carla Del Ponte: Es tut mir unglaublich leid, dass dieser Fall so ausgegangen ist. Aber warten wir ab, vielleicht gibt es ein Appellationsverfahren.

Hat die Bundesanwaltschaft unter Erwin Beyeler einfach schlecht gearbeitet?

Ich weiss es nicht, ich kenne das Dossier nicht. Aber was ich aus meiner Erfahrung sagen kann: Wenn man nicht genügend Beweise hat, macht man keinen Prozess. Das haben wir zu unserer Universitätszeit gelernt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Bundesanwaltschaft jahrelang an diesem Fall gearbeitet hat – und es dann zu einem Freispruch kommt. Da muss etwas Ausserordentliches geschehen sein.

Dann hat Beyeler doch Fehler gemacht?

Das glaube ich nicht.

Er steht derzeit stark in der Kritik. Als Bundesanwältin haben Sie das selber auch erlebt, Ihnen wurde Übereifrigkeit und Geltungssucht vorgeworfen.

Kritik gehört dazu. Wenn es keine Kritik gibt, arbeitet der Bundesanwalt nicht gut.

Dann haben Sie nicht Mitleid mit Beyeler?

Mein Mitleid braucht er nicht.

Die Rücktrittsforderungen halten Sie für unberechtigt?

Ich weiss es nicht. Aber bei mir kamen solche Rücktrittsforderungen ja auch.

Sie haben jahrelang Mafiosi und Kriegsverbrecher gejagt. Da müssen Sie sich die letzten drei Jahre als Botschafterin in Argentinien ziemlich gelangweilt haben.

Absolut nicht! Ich habe einen neuen Job gelernt und bin Diplomatin geworden. Denken Sie mal, das ist doch eine fantastische Gelegenheit! Dafür bin ich sehr der Schweizer Regierung und Aussenministerin Micheline Calmy-Rey sehr dankbar.

Mit Calmy-Rey hatten Sie das Heu aber nicht auf der gleichen Bühne. Zu Ihrem 2008 erschienenen Buch, in welchem Sie über Ihre Arbeit als Chefanklägerin berichteten und illegalen Organhandel im Kosovo geschrieben haben, wurden Sie mit einem Redeverbot belegt. Das gab Spannungen.

Nicht nur Spannungen – wir waren wegen des Redeverbots total auseinander! Wir hatten total andere Auffassungen. Ich dachte, es wäre gut, wenn ich über meine frühere Aktivität hätte sprechen können. Das wäre auch gut für die Schweiz gewesen. Ich musste aber schweigen, und ich habe geschwiegen.

Sind Sie und Calmy-Rey auch anderweitig aneinandergeraten?

Nein.

Aber die Wut über das Redeverbot hallt noch nach?

Nein, die ist sehr schnell verflogen. Ich war wütend am ersten, am zweiten, am dritten Tag. Aber nach einer Woche war ich eigentlich froh, denn ich musste nicht allen Presseanfragen Folge leisten. Ich habe das Positive gesehen.

Dann ist alles wieder in Ordnung?

Ja, ich bin nicht nachtragend.

Seit Ende Februar sind Sie pensioniert. Nur, eine Carla Del Ponte im Ruhestand kann man sich gar nicht vorstellen. Was haben Sie noch vor?

Sie sehen ja, dass ich nicht wirklich im Ruhestand bin. So werde ich noch weitere Vorträge halten.

Dann steht neben Vortragsreisen keine grössere Herausforderung mehr an?

Doch, aber die werde ich jetzt nicht öffentlich machen.

Sie könnten doch noch politisch Karriere als National- oder Ständerätin machen?

Nein, das habe ich nicht vor.

Aber als Ermittlerin für die UNO würden Sie noch arbeiten?

Das werden wir sehen, ich stehe zur Verfügung. Konkrete Anfragen hat es seit meiner Pensionierung aber noch keine gegeben.

Interessieren würde Sie wohl der Organhandel-Fall im Kosovo.

Diese speziellen Ermittlungen würden mich interessieren, da würde ich gerne die Wahrheit herausfinden. Da ist der Entscheid noch nicht gefallen, ob die UNO oder die EU den Fall übernimmt.

Stehen Sie mit Ihren Ex-Kollegen vom Strafgerichtshof noch in Verbindung?

Ja, aber das sind nur noch freundschaftliche Kontakte.

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