Lange 15 Jahre musste er auf einen Nachfolger warten. Nun hat die Schweiz mit Jacques Dubochet wieder einen Nobelpreisträger.

Kurt Wüthrich weiss, was die Auszeichnung für das Land, aber auch den einzelnen Menschen bedeutet. Er erhielt 2002 den Nobelpreis für Chemie. Der Professor der ETH Zürich forscht heute in den USA – und kennt die Stärken und Schwächen der Schweiz.

Herr Wüthrich, es hat 15 Jahre gedauert, bis ein Forscher in Ihre Fussstapfen getreten ist. Sind Sie erleichtert oder enttäuscht, nicht mehr der letzte Schweizer Nobelpreisträger zu sein?

Kurt Wüthrich: Es ist vor allem eine grosse Freude. Am Tag der Vergabe hatte ich Geburtstag. Es war eines der schönsten Geschenke zu erfahren, dass ein Schweizer den Nobelpreis erhalten hat.

Warum hat es so lange gedauert?

Das ist schwierig zu beantworten. Man muss berücksichtigen, dass die mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Arbeiten von Jacques Dubochet, von Heinrich Rohrer und von uns alle in den frühen 80er-Jahren entstanden sind. Trotzdem bekam Rohrer den Preis 1986, wir 2002 und Jacques Dubochet sogar erst jetzt.

Woran liegt das?

Manchmal erhält ältere Forschung unerwartet neue Anerkennung. Bis vor zehn Jahren galt die Methode von Jacques Dubochet nicht als besonders nützlich. Seither kann man seine Erkenntnisse aber in grossem Umfang einsetzten. Deshalb hat es so lange gedauert.

Sie loben die 80er Jahre: Fehlt der modernen Schweizer Forschung das gewisse Etwas, um einen Durchbruch zu erreichen?

Das denke ich nicht. Wir haben schon jetzt einige Kandidaten für die nächste Vergabe. Es wird nicht wieder 15 Jahre bis zu einer weiteren Auszeichnung dauern. Der nächste Nobelpreis wird bald kommen. Alles andere würde mich überraschen.

Überrascht Sie, dass ein Professor der Universität Lausanne die Auszeichnung erhalten hat und nicht ein Forscher der deutlich renommierteren ETH Lausanne?

Nun ja, die Forschungsarbeit entstand wie erwähnt vor über 30 Jahren. Das hat nicht viel mit dem heutigen Status der Hochschulen zu tun. Es geht nicht in erster Linie um die Universität, der Nobelpreis ist ein Preis des Forschers. Es ermutigt mich, dass es Wissenschafter aus weniger prominenten Hochschulen gelingt, zur absoluten Weltspitze zu gehören.

Wie sehr nützt der Nobelpreis dem Schweizer Forschungsplatz?

Der Preis zieht sicher die Aufmerksamkeit aus aller Welt auf unsere Forschung. Das ist ein Zeichen nach innen und nach aussen, dass die Schweiz ein hohes Niveau besitzt. Es ist bemerkenswert, wie unsere Hochschulen, allen voran die ETH, in den internationalen Rankings abschneiden. Wir sind in den Top 10, obwohl wir manchmal weniger ausgeben als Universitäten aus anderen Ländern. Das betrifft nicht nur China und die USA. Denken Sie nur an das deutsche Max- Planck-Institut.

Bereiten Ihnen die Sparmassnahmen in der Bildung Sorgen?

Die Schweiz steht nach wie vor sehr gut da. Wir können uns glücklich schätzen, dass weiterhin in die Forschung investiert wird. Aber andere Länder wie China holen auf. Der grosse Unterschied zu früher – als wir und auch Jacques Dubochet den entscheidenden Durchbruch hatten – ist, dass der Druck zu publizieren viel grösser geworden ist. Wer nicht in renommierten Zeitschriften seine Arbeit veröffentlicht und fleissig zitiert wird, hat heute nur geringe Chancen, für einen Lehrstuhl berufen zu werden. Das beeinflusst die Arbeitsweise. Mittlerweile geht es den Universitäten oft darum, ihren Status im Ranking zu behalten, indem man Personen beruft, die oft zitiert werden. Entdeckungen wie die von Dubochet könnten heute zu langsam berühmt werden.

Das klingt kritisch.

Ich kritisiere nicht, ich beschreibe und vergleiche nur die Situation mit der vor 30 Jahren. Heute muss der Präsident der ETH Zürich regelmässig in Bern vorweisen, welche Erfolge die Hochschule einfährt. Die Kontrolle ist viel straffer geworden.

Wo kann die Schweizer Forschung künftig einen Schwerpunkt setzen?

Sicher weiterhin in der Chemie, da sind wir sehr gut aufgestellt, weil in diesen Gebieten eine lange Forschungstradition steckt. Das sind Schwerpunkte, die sich über Jahrzehnte gebildet haben.

Also weiter auf diese Stärke setzen?

Nein, nicht zwingend. Wir müssen beobachten, welche anderen Bereiche für grosse Entdeckungen sorgen können. Aber das ist schwierig vorherzusagen. Einfacher ist es, Namen zu erwähnen: Wir haben Molekularbiologe Michael Hall von der Universität Basel, der soeben den Lasker-Award erhalten hat, und die Planeten-Physiker aus Genf. Jede Forschung kann ein Momentum entwickeln, das irgendwann in einer Tradition endet.

Nochmals zu Ihrem Nachfolger: Haben Sie Jacques Dubochet nach der Auszeichnung schon persönlich gesprochen?

Nein, ich konnte ihn noch nicht erreichen. Aber ich habe ihn natürlich per Mail beglückwünscht. Es freut mich sehr, dass die Schweiz wieder einen Nobelpreisträger hat.