Personalpolitik

Dem Bund laufen die Lehrabgänger davon

Kein April-Scherz: Beim Bund kann man eine Lehre als Weintechnologin machen. Aber ob als Weinexpertin oder als KV-Lernender: Die Jobaussichten beim Bund sind gering. Nur 19 Prozent bleiben nach der Lehre.

Kein April-Scherz: Beim Bund kann man eine Lehre als Weintechnologin machen. Aber ob als Weinexpertin oder als KV-Lernender: Die Jobaussichten beim Bund sind gering. Nur 19 Prozent bleiben nach der Lehre.

Über 80 Prozent verlassen die Bundesverwaltung nach dem Lehrabschluss – das ist weit über dem Durchschnitt. Warum ist das so?

Eine Anstellung beim Staat macht sich gut im Lebenslauf, erst recht beim Karrierestart.

Allein die Bundesverwaltung bietet 1100 Ausbildungsplätze und zählt damit zu den grössten Lehrstellenanbietern im Land. Eine Lehre ist in 50 Berufen möglich.

Die Lernenden legen sich ins Zeug, arbeiten und büffeln für die Berufsschule.

Aber was folgt danach? Für viele Betriebe ist klar: Es lohnt sich, Lehrabgänger weiterzubeschäftigen.

Sie haben intern schon einige Erfahrungen gesammelt und sind mit den Abläufen bestens vertraut.

Die sogenannte Verbleibquote ist ein wichtiger Gradmesser in der Berufsbildung. Sie zeigt, wie viele Lehrabgänger ein halbes Jahr nach dem Ende ihrer Ausbildung weiterhin im Betrieb arbeiten.

Doch bei der Bundesverwaltung ist die Verbleibquote seit Jahren verhältnismässig tief. 2015 lag sie bei 19 Prozent, wie der kürzlich veröffentlichte Personalreport des Bundes zeigt.

Falsche Personalpolitik?

Mit anderen Worten: Nicht einmal jeder fünfte Lehrabgänger bleibt nach der Ausbildung bei der Bundesverwaltung.

Schweizweit betrachtet, liegt die Verbleibquote im langjährigen Mittel bei durchschnittlich 40 Prozent – vier von zehn Lehrabgängern arbeiten also weiterhin in ihrem Ausbildungsbetrieb.

Bei den kaufmännischen Berufen sind es sogar sieben von zehn Lehrabgängern. Zu diesem Resultat kommt eine aktuelle Erhebung des Kaufmännischen Verbandes, für die über 3000 Lehrabgänger befragt worden sind. Besonders hoch ist die Verbleibquote demnach bei den grossen Lehrbetrieben.

Zu den grossen Lehrbetrieben zählt auch die Bundesverwaltung. Umso erstaunlicher ist, dass nur ein Bruchteil der Lehrabgänger beim Bund bleibt.

Das Eidgenössische Personalamt (EPA) nennt auf Anfrage mehrere Gründe für die tiefe Verbleibquote.

So habe sich bei der Bundesverwaltung die Praxis durchgesetzt, dass viele Lehrabgänger keine sofortige Anstellung anstrebten, sondern anderswo Erfahrungen sammeln. «Sei dies bei einem anderen Arbeitgeber oder bei einem Auslandaufenthalt», sagt EPA-Kommunikationschef Anand Jagtap.

Andere Lehrabgänger verliessen den Bund für eine Weiterbildung oder den Militärdienst. Für Michael Kraft vom Kaufmännischen Verband ist jedoch klar: «All diese Gründe betreffen jeden anderen Lehrbetrieb genauso.» Deshalb lasse sich die tiefe Verbleibquote damit wohl nur beschränkt erklären.

Gerade bei grossen Lehrbetrieben ist es auch eine Frage der Personalpolitik, wie viele Lehrabgänger im Betrieb bleiben.

Jede Branche wähle da einen anderen Weg, sagt Kraft. «Bei Banken gilt beispielsweise oft: Die Lernenden sind unser Nachwuchs, den wir ausgebildet haben und weiterbeschäftigen wollen.»

Tatsächlich räumt das EPA ein, dass letztlich auch das Stellenangebot entscheide, ob ein Lehrabgänger weiterbeschäftigt werden könne.

Bei der Bundesverwaltung kommt erschwerend hinzu, dass überdurchschnittlich viele Stellen einen Studienabschluss erfordern. Anand Jagtap spricht von einem «hohen Akademisierungsgrad».

Deshalb sei der Weg von der Lehre zur Festanstellung «nicht im gleichen Masse vorgegeben», wie dies etwa im kaufmännischen Bereich üblich ist.

Hinzu kommt schliesslich, dass der Bund verhältnismässig mehr Lernende ausbildet als die meisten anderen Betriebe.

2015 lag der Anteil der Lernenden in der Verwaltung bei 5,6 Prozent, in der Privatwirtschaft hat sich dieser bei 3 Prozent eingependelt.

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