Hitzewelle

Der Äschen letzter Kampf: Wie die Wetterextreme unsere Flora und Fauna bedrohen

Gilt unter Fischern als besonders: Die Äsche.

Gilt unter Fischern als besonders: Die Äsche.

In Schaffhausen bedroht der Klimawandel die grösste Schweizer Population dieser Fischart. Wie Flora und Fauna in der Schweiz durch die neuen Wetterextreme durcheinandergewirbelt werden.

Fast ein Jahr ist sie jetzt schon her, die Woche des Grauens, doch vergessen hat sie Patrick Wasem nie. Und jetzt, wo das Thermometer steigt und steigt, werden die Erinnerungen noch lebendiger. Auf seinem Computer braucht er nur zwei Mausklicks, dann ploppen die Fotos der toten Äschen auf.

Sie liegen auf den Steinen am Ufer, übersäen sie regelrecht. Mit schimmernder Haut, doch ohne jedes Leben, weil der Rhein ihnen irgendwann einfach zu warm wurde. Sie haben den letzten Sommer in Schaffhausen zu einem gemacht, über den man noch lange reden wird.

Wasem sitzt in seinem Büro nahe Schaffhausen. Der 36-Jährige ist ein Berg von einem Mann, und das passt zu seiner gewaltigen Aufgabe. Seit Jahrtausenden schwimmt die Äsche durch den Rhein. In Schaffhausen lebt die grösste Population der Schweiz; eine der wichtigsten in ganz Europa. Doch in den letzten Jahren sind die sensiblen Fische zu Tausenden verendet.

Wasem, der Schaffhauser Fischereivorsteher, soll die Art vor dem Aussterben bewahren. Er hat dabei einige Gegenspieler. Die Kormorane etwa, die gerne nach den Äschen jagen. Oder der Mensch, der den Rhein intensiv nutzt. Doch es ist vor allem etwas, das ihn machtlos macht: die Wetterextreme wie Dürren oder Hitzewellen, die sich aufgrund des Klimawandels häufen.

Rascher Temperaturanstieg

«Wenn wir mehrere Hitzesommer in Folge haben, dann sehen wir die Äsche bald nur noch im Museum», warnt Wasem. In diesen Tagen studiert er den Wetterbericht noch intensiver als sonst. Sorgen macht ihm die Hitzewelle noch keine.

Das liegt daran, dass der Rhein in diesem Jahr viel mehr Wasser führt als im letzten – und daher weniger anfällig für eine rasche Erwärmung ist. Aber er sagt auch, dass es ihm «natürlich lieber wäre, wenn das Wetter wechselhaft wäre». Denn die Äschen brauchen nach dem letzten Sommer dringend eine Verschnaufpause.

Ein Berg von einem Mann mit einer gewaltigen Aufgabe: Patrick Wasem will die Äschen retten.

Ein Berg von einem Mann mit einer gewaltigen Aufgabe: Patrick Wasem will die Äschen retten.

Und je länger es heiss bleibt, desto mehr schmilzt die Chance, dass sie die auch bekommen. Gestern betrug die Rhein-Temperatur beim schaffhausischen Neuhausen 19,5 Grad. Vor einer Woche waren es drei Grad weniger.

Wasem setzt sich in seinen Pick-up, fährt zum Rhein, stellt sich ans Ufer. Dann zeigt er auf einen Flussabschnitt nahe der Schaffhauser Altstadt, Steinmauern begrenzen ihn und Betonwände. Solche Orte mögen die Äschen eigentlich nicht. «Im letzten Sommer aber war alles anders, Flosse an Flosse drängten sich die Äschen damals hier», sagt Wasem. Das lag am kühlen Wasser dort, dem Zufluss eines Bachs sei dank. «Es ging für die Äschen nur noch ums Überleben», sagt er.

Baggern gegen das Fischsterben

Über 28 Grad war der Rhein im letzten Sommer warm, so warm wie nie zuvor. Für die Äschen war das zu viel, ihr Organismus gab irgendwann einfach den Geist auf. Mitte August hatten Wasem und viele Helfer über 10 000 tote Fische aus dem Rhein gezogen. Es waren meist Äschen, die dahingerafft wurden. Wie viele in den Schaffhauser Rheinabschnitten übrig geblieben sind, kann Wasem nicht sagen.

Doch er weiss, dass es nur noch ein Bruchteil des früheren Bestandes ist: zehn Prozent vielleicht, maximal zwanzig. Das haben Testfänge ergeben. Diesen Monat hat der Kanton ein Fangmoratorium bis im September 2020 verhängt. «Es geht jetzt nur noch um eines: die Rettung dieser Art», sagt Wasem.

So sah es letzten Sommer am Rheinufer aus. Fischer sammelten Tausende toter Äschen ein.

So sah es letzten Sommer am Rheinufer aus. Fischer sammelten Tausende toter Äschen ein.

Noch verheerender war der Hitzesommer 2003: 20 Tonnen tote Fische zogen die Behörden aus dem Rhein, nur drei Prozent der Äschen überlebten. Patrick Wasem erinnert sich gut an diese Zeit, daran, wie der Rhein zum weissen Fluss wurde, weil die toten Fischkörper seine Oberfläche bedeckten. Davon haben sich die Äschenbestände nie mehr richtig erholt.

Und das, obwohl die Schaffhauser vieles unternehmen, um sie zu retten. Es gibt eine «Kommission zur Rettung der Rheinäsche», und in der kantonalen Fischzuchtanstalt stehen mächtige Wasserbecken, in denen Wasem Jahr für Jahr züchtet, was er einen «genetischen Ersatz» nennt. Sogenannte Vorsömmerlinge, Äschenbabys.

Die Schaffhauser sanieren Laichplätze, schiessen auch einmal Kormorane, wenn die sich über die Äschen hermachen. Und sie haben ein Notfallkonzept, das es erlaubt, Kaltwasserzuflüsse auszubaggern. Dorthin können sich die Äschen retten, wenn es ihnen wieder zu warm wird. Im letzten Sommer waren die Bagger tagelang im Dauereinsatz.

Doch ob das alles reicht? Das Klima ist ein mächtiger Gegner, und ein unberechenbarer noch dazu. Die Äschenbestände in Schaffhausen wären noch immer stark genug, um sich zumindest zu erholen. Die Frage ist nur, ob das Klima das auch künftig zulässt. «Wenn sich die Hitzesommer mehren, haben wir keine Chance», sagt Wasem. Er hat in all den Jahren am Rhein hautnah miterlebt, wie die Dinge sich verändern, «das Wetter spinnt einfach», so sagt er das.

Was kommt nach der Äsche?

Im Rhein hat das ganz konkrete Folgen. Die durchschnittlichen Wassertemperaturen bei Schaffhausen sind seit Mitte des letzten Jahrhunderts um fast 3 Grad angestiegen. Für viele Arten ist das ein Problem. Über ein Fünftel der Arten, die gemäss der Roten Listen des Bundes hierzulande vom Aussterben bedroht oder bereits verschwunden sind, leben im Wasser.

Nur rund ein Viertel der Fische gelten als nicht gefährdet. Der Klimawandel wird Flora und Fauna im Land verändern, und der Schaffhauser Kampf zur Erhaltung der Äsche ist einer, wie ihn die Schweiz in Zukunft öfter erleben könnte.

Das sieht auch Gian-Reto Walther so. Er beschäftigt sich beim Bund mit den Auswirkungen des Klimawandels auf die Biodiversität. Das Gesicht der Schweizer Tier- und Pflanzenwelt verändere sich gerade zum Schlechteren, weil die Vielfalt kleiner werde, sagt er. «Es läuft gerade ein Freiland-Experiment, wir betreten Neuland, weil die Schweizer Flora und Fauna noch nie mit solchen klimatischen Bedingungen konfrontiert war.»

Bei Neuhausen steht Patrick Wasem am Rheinfall, im Hintergrund wälzt sich der Rhein über die Felsen, Touristen tummeln sich am Wasser. Wasem hat Brotstücke in der Hand, jetzt wirft er sie in den Rhein, und unter ihm bricht ein Tohuwabohu aus: Graue Fischkörper zappeln an die Oberfläche, gierige Mäuler schnappen nach dem Brot.

Es sind Alete, die sich um das Brot balgen. Der Fisch aus der Familie der Karpfen hat sich im Rhein ausgebreitet. Im Gegensatz zur Äsche, diesem feingliedrigen Fisch, der unter Kennern als Schönheit gilt, ist der Alet ein Überlebenskünstler, anpassungsfähig und anspruchslos, kurz: der Fisch der Zukunft. Wasem schaut hinunter zu den Aleten, ihm graut vor einer solchen Monotonie in den Schweizer Flüssen, er will sich gegen sie wehren, solange es irgendwie geht.

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