Versicherung

Der Bund will seine Kriegsversicherung abschaffen – doch was passiert mit dem Millionen-Vermögen?

Ein Gefahrenherd für Transportschiffe: Die Meerenge von Hormus.

Ein Gefahrenherd für Transportschiffe: Die Meerenge von Hormus.

Die eigenwilligste Versicherung des Landes soll verschwinden. Unklar ist, was mit den Millionen aus ihrem Geldtopf passiert.

Es gibt Hunderte Versicherungen für alle möglichen Probleme. Aber nicht jede Police, die angeboten wird, ist wirklich nötig. Die eigenwilligste Versicherung des Landes trägt die Abkürzung BKV. Die drei Buchstaben stehen für Bundeskriegstransportversicherung, ein so sperriger wie martialischer Name. Angeboten wird sie von der Eidgenossenschaft selbst, und obwohl sie seit bald einem halben Jahrhundert existiert, musste die Versicherung bis heute noch nie einen Schadenfall decken.

Die BKV ist für Krisenzeiten gedacht. Für Zeiten schwerer Mangellagen, wenn der freie Markt die landesweite Versorgung mit lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen nicht mehr gewährleisten kann. Die Versicherung richtet sich an Betriebe, die im Auftrag der wirtschaftlichen Landesversorgung lebensnotwendige Güter transportieren. Sie springt ein, wenn der private Versicherungsmarkt wegen erhöhter Risiken keine oder keine zumutbare Deckung für Transportmittel und Güter mehr bietet.

Es ist zweifellos ein reichlich theoretisches Konstrukt. Tatsächlich ist der Fall der Fälle noch nie eingetreten – die bundeseigene Kriegsversicherung kann eine tadellose Schadensbilanz vorweisen.

Immerhin ist sie ganz ordentlich dotiert: Ende 2018 verfügte sie über 55 Millionen Franken. Die Mittel setzen sich einerseits und hauptsächlich aus einer einmaligen 50-Millionen-Einlage des Bundes aus dem Jahr 1973 zusammen, andererseits aus den Prämien der Versicherten. Nun stellt sich die Frage, was mit diesem Geld passieren soll. Geht es nämlich nach den Plänen des Bundes, soll die BKV aufgelöst werden. Das zuständige Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL) bestätigt entsprechende Informationen gegenüber der Redaktion von CH Media.

Bevor der Bundesrat definitiv über die Zukunft der Versicherung entscheidet, wird er in den nächsten Monaten dazu eine Vernehmlassung eröffnen. Das BWL verweist auf wirtschaftliche Überlegungen. «Es ist heute möglich, Kriegsrisiken, Entführung und Erpressung auf dem internationalen Versicherungsmarkt zu decken», erklärt Beat Gujer, Mitglied der Geschäftsleitung des Bundesamts.

Mit einem skurrilen Kapitel der Geschichte verknüpft

In den Anfangsjahren der Kriegsversicherung konnten unter anderem Fluggesellschaften, Bahnunternehmen und Logistikbetriebe, die im Krisenfall jeweils Güter transportiert hätten, eine Police abschliessen. Seit 1986 sind bei ihr jedoch nur noch Hochseeschiffe versichert.

Damit steht die BKV auch für ein skurriles Kapitel der jüngeren Schweizer Geschichte, ihr Schicksal ist eng mit diesem verknüpft. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, als wichtige Handelsadern bald einmal blockiert waren, setzte der Bundesrat auf den Weltmeeren Schiffe unter eigener Flagge ein.

Sie transportierten wichtige Güter für die Versorgung des Landes in die Schweiz. Bis heute werden die Schiffe von privaten Reedereien betrieben, stünden aber im Notfall unter dem Kommando des Bundesrats. Die Finanzierung der Schiffe sicherte der Bund mit Solidarbürgschaften.

Heute umfasst die Flotte noch 26 Hochseeschiffe, die mit gut 500 Millionen Franken abgesichert sind. 2016 stellte der Bundesrat fest, dass die Flotte in Krisenzeiten «kaum einen entscheidenden Mehrwert zur Versorgung der Schweiz mit lebenswichtigen Gütern leistet». Ein vernichtendes Urteil. Deshalb entschied die Regierung, die Bürgschaftskredite nicht zu erneuern und bis 2032 auslaufen zu lassen.

Ohnehin sind die Bürgschaften für den Bund ein Debakel: Bis anhin versenkte die Schweiz fast 350 Millionen Steuerfranken, weil Reedereien in Nöte geraten oder Pleite gegangen sind und Bürgschaften gezogen werden mussten.

Dass die Hochseeschiffe für die Landesversorgung heute faktisch bedeutungslos sind, macht die staatliche Kriegsversicherung erst recht überflüssig. Nach Angaben des BWL versichert sie jährlich etwa 30 Schiffe. Die Prämien pro Schiff und Jahr belaufen sich auf 2000 Franken.

Was mit den 55 Millionen Franken im Versicherungstopf passieren wird, sollte die Versicherung tatsächlich aufgelöst werden, steht noch nicht fest. Das BWL betont: «Der Entscheid obliegt letztlich dem Bundesrat.» Vielleicht wird er mit dem Geld ganz einfach das Millionenloch bei der Hochseeflotte verkleinern?

Verwandtes Thema:

Autor

Sven Altermatt

Sven Altermatt

Meistgesehen

Artboard 1