Wochenkommentar

Der Tag nach dem 1. August – Die abhängige Schweiz

Heute der Tag danach: Der 2. August stellt die heile Welt infrage, die wir gestern mit Wurst und Bier gefeiert haben.

1. August, die Schweiz feiert gesellig.

Heute der Tag danach: Der 2. August stellt die heile Welt infrage, die wir gestern mit Wurst und Bier gefeiert haben.

Der 2. August stellt die heile Welt infrage, die wir am 1. mit Wurst und Bier gefeiert haben. «Mut zur Unabhängigkeit», forderten zahlreiche 1.-August-Redner. Doch die Schweiz ist abhängig. Der Wochenkommentar über Sein und Schein nach dem Feiertag.

Es riecht noch nach Schwefel. Die Knallerei nahm erst nach Mitternacht ein Ende. Ausgebrannte Vulkane harren ihrer Entsorgung. Die Kantonsfähnchen wehen im lauen Samstagmorgenlüftchen. Was bleibt ist ein brummender Schädel. Die Party war gut. Schönes Wetter, Ferienzeit, Sommernacht.

Die Schweiz. Es gibt viele Gründe, dankbar zu sein. Die tiefe Arbeitslosigkeit, der funktionierende Rechtsstaat, das Mitspracherecht der Bürgerinnen und Bürger. Die Schweiz ist ein Land, wo man gern lebt. Darauf dürfen wir stolz sein.

Sie ist trotz wuchernder Zersiedelung ein schönes Land. Sie ist auch dank der vielen Ausländer ein wirtschaftlich prosperierendes Land.

Die innere Vielfalt ist faszinierend, wie Bundespräsident Didier Burkhalter in seiner Ansprache festhielt: «Das Geheimnis unseres Landes liegt in der Fähigkeit, Unterschiede als Bereicherung wahrzunehmen, statt sie gegeneinander auszuspielen.» Ein Aufruf, der Gemeinschaft Sorge zu tragen. In anderen Reden viel Bekanntes: Neutralität, Solidarität, Souveränität bis in alle Ewigkeit und natürlich Unabhängigkeit. Vom Rütlischwur 1291 bis zu den Verhandlungen mit der Europäischen Union wird hemmungslos eine direkte Linie gezogen.

Der 2. August bietet sich daher an, solch Überhöhungen und Übertreibungen zu relativieren, die dem kollektiven Patriotismus geschuldet sind. Der 2. August stellt die heile Welt infrage, die wir am 1. mit Wurst und Bier gefeiert haben.

Etwa die Unabhängigkeit: Unser Land ist kulturell, politisch, wirtschaftlich, technologisch auf eine Art mit ihrer europäischen Umgebung verflochten, dass von Unabhängigkeit kaum die Rede sein kann.

Wir sind abhängig von einer liberalen Wirtschaftsordnung, die unseren Wohlstand erst ermöglicht. Würden überall protektionistische Schranken hochgezogen, hätten Hunderte Schweizer Firmen ein gewaltiges Problem.

Wir sind abhängig von der EU, die uns bis anhin dank bilateraler Verträge einen massgeschneiderten Zugang zu ihrem Binnenmarkt gewährt.

Manche glauben, wir seien mit Brüssel «auf Augenhöhe». Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. 8 Millionen Menschen hier, über 500 Millionen da. Rund 55 Prozent unserer Exporte gehen in die EU, etwa 75 Prozent der Importe kommen von dort. Umgekehrt liegt der Schweizer Anteil bei den EU-Exporten bei 8 Prozent, rund 6 Prozent sind es bei den Importen. Die Schweiz ist eine wichtige Partnerin. Auf Augenhöhe aber ist sie nicht.

Die Liste der Abhängigkeiten lässt sich beliebig verlängern: Wir sind ein freies, sicheres Land, weil sich die grossen Nationen Europas nach 1945 versöhnt haben. Wir sind abhängig von ausländischen Rohstoffen, Kapital und Arbeitskräften.

Wir sind abhängig von der Nato, die den Frieden in Europa dank ihrer militärischen Kraft garantiert. Wir sind abhängig von der US-Justiz, die unsere Banken in Bedrängnis bringt.

Wir sind abhängig von syrischen und anderen Despoten, die uns Flüchtlingswellen bescheren. Und wir sind – wie andere Nationen – ein Stück weit abhängig vom Schicksal, das es bisher gut mit uns gemeint hat. Formell sind wir ein unabhängiges Land. Die Souveränisten irren nicht. Doch unsere kleine, offene Volkswirtschaft ist verletzlicher, als viele 1.-August-Reden suggerieren.

Auch der trotzige Verweis auf die Souveränität nützt wenig, wenn wir uns mit der EU, dem wichtigsten Handelspartner, einigen wollen. Der Bundesrat müsse in Brüssel nur auf den Tisch klopfen und deutlich machen, dass wir ein souveräner Drittstaat sind.

Markige Worte, die hier gut ankommen. Allein, unsere Partner lassen sie kalt. Sie wissen: Die Schweiz profitiert von über 100 Verträgen, die sie an Europa binden.

Unser Land ist stärker integriert als jedes andere Drittland. Wir hocken mittendrin auf diesem Kontinent. Hunderttausende überqueren in beiden Richtungen täglich die Grenzen. Und sie wissen auch: Die Eidgenossen sind stärker auf die EU angewiesen als umgekehrt.

Bleibt die Neutralität, die sich in diesen Zeiten neuer Beliebtheit erfreut. Gewiss, sie gehört zur DNA der Eidgenossenschaft. Man kann sich vieles darunter vorstellen, darum ist sie wohl so beliebt.

Doch Neutralität darf kein Code-Wort für Gleichgültigkeit sein.

Wie ein Machtmensch wie Russlands Präsident Putin mit kleineren Nachbarstaaten umgeht, muss auch die Schweiz interessieren. Die Neutralität darf auch nicht Deckmantel für möglichst ungehinderte Geschäfte sein, wie dies in der Geschichte immer wieder der Fall war.

Wenn die westliche Staatengemeinschaft Sanktionen verhängt, sollten wir ein Mitmachen ernsthaft prüfen. Wer die Neutralität zu einem Staatsziel überhöht, sie zum Selbstzweck stilisiert, ignoriert absichtlich die Scheinheiligkeit, die oft damit verbunden war.

«Mut zur Unabhängigkeit», forderten zahlreiche prominente 1.-August-Redner. Besser wäre es, den Bürgern keinen Sand in die Augen zu streuen.

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