Transplantation

Der Tod als Startschuss zum neuen Leben von Tobias Gfeller

Dank einer Lungenspende hat Tobias Gfeller wieder eine lebenswerte Zukunft vor Augen.  Kenneth Nars

Dank einer Lungenspende hat Tobias Gfeller wieder eine lebenswerte Zukunft vor Augen. Kenneth Nars

Cystische Fibrose, auch Mukoviszidose genannt, mit dieser Diagnose nahm mein Leben im Alter von drei Monaten eine abrupte Wendung. Gedanken eines direkt Betroffenen zur Organspende und zur Debatte über Herz- und Hirntod.

Da ich noch nicht in der Lage war, zu begreifen, was dies für meine Zukunft bedeuten würde, gehörte die Krankheit zu mir, als hätte es nie etwas anderes gegeben.

Oftmaliges Husten aufgrund des zähen Schleims, der sich in meiner Lunge ansammelte, Atemnot, die mit den Jahren immer stärker wurde, und zahlreiche andere Beschwerden erschwerten meine Kindheit und meine Jugend.

Als dann die Atemnot so stark wurde, dass ich immer auf die Zufuhr von Sauerstoff angewiesen war, kam nur noch eine Organspende infrage, um zu verhindern, dass mir wortwörtlich die Luft ausgehen würde. Nach intensiven Abklärungen und einer sich schier endlos anfühlenden und immer zermürbender werdenden Wartezeit von achteinhalb Monaten kam vor sechs Jahren der ersehnte Anruf. «Herr Gfeller, wir haben eine Lunge für Sie.»

Schon 24 Stunden später lag ich auf der Intensivstation des Universitätsspitals Zürich – ausgerüstet mit einer neuen Lunge einer Hirntoten und mit einer lebenswerten Zukunft vor Augen: Endlich sollte es mir möglich sein, ein Leben zu führen, welches für mich diese Bezeichnung auch verdient.

Aufklärung dringend nötig

Dank der Solidarität der jungen Spenderin, der ich für immer dankbar sein werde, haben mich die Tennisplätze der Region, die Skipisten des Berner Oberlandes und die Kollegen der Basellandschaftlichen Zeitung wieder. Dies war für Jahre vor der Transplantation nicht mehr möglich. Nun flammt die Debatte auch in der Schweiz wieder auf, ob ein Mensch, bei dem der Hirntod festgestellt wurde, wirklich tot ist. Die Vorstellung, dass einem lebenden Menschen die Organe entnommen werden, ist für mich schrecklich.

Vorschlägen von Ärzteseite, man wolle auch nach einem zehnminütigen Herztod Organe entnehmen können, stehe ich kritisch gegenüber. Die Thematik ist auch ohne zusätzliche Debatte um die Organentnahme nach Herzstillstand brisant genug. Doch Vorwürfe gegenüber Ärzten, sie stellen das Leben eines potenziellen Organempfängers über das langsame Sterben des potenziellen Organspenders, finde ich nicht gerechtfertigt. Ich habe in meinen 28 Lebensjahren gelernt, den Ärzten zu vertrauen, und habe damit recht bekommen.

Der Mangel an Spenderorganen muss anders gelöst werden als mit einer Neuinterpretation des Todes. Mehr Aufklärung, beispielsweise im Militär, ist nötig. Die Menschen müssen angeregt werden, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Entscheidet sich jemand nach intensiven Überlegungen gegen eine Organspende, ist dies sein gutes Recht. Sich aber gar keine Gedanken dazu zu machen, ist egoistisch. Denn es könnte jeden treffen.

Es muss hier auch die Frage gestellt werden dürfen, was genau als Leben definiert wird, wenn das Hirn nicht mehr arbeitet? Es ist ja nicht so, dass ohne die Zustimmung des Patienten oder dessen Angehörigen einfach die Organe entnommen werden dürfen. Vielmehr ist bei den Spenderinnen und Spendern eine Solidarität mit den auf ein Organ wartenden Patienten vorhanden: Sie schenken ihre eigenen Organe, die sonst verbrannt werden oder in der Erde verfaulen, und retten damit jemandem das Leben.

Grenzen der Medizin

Philosophieprofessor Andreas Brenner sagte vor einer Woche an dieser Stelle in einem Interview, «die Leichenspende sollte verboten werden» und dass es so etwas wie Schicksal gebe. «Jeder von uns stirbt. Und es gibt Situationen, in denen ist ein Leben nicht mehr zu retten.» Ja, es gibt diese Situationen. Aber durch die anhaltenden Fortschritte der Medizin gelingt es immer mehr, das Leben von einstmals Todgeweihten zu retten.

Ob man dies positiv findet oder nicht, ist jedem selber überlassen. Aber Herr Brenner masst sich an, bestimmen zu können, wo die Grenzen der Medizin sind. Wieso darf anderen kranken Menschen geholfen werden, aber einem Patienten, der auf ein Spenderorgan angewiesen ist, nicht, obwohl dies der Spender oder dessen Angehörige so wollen?

Die Debatte ist nötig. Aber dieses Misstrauen gegenüber der Ärzteschaft ist nicht angebracht. Niemand, auch kein Professor, sollte sich anmassen, bestimmen zu können, welches Leben lebenswert ist und welches nicht. Dies kann jeder für sich selber entscheiden, auch der potenzielle Organspender, wenn er zu Lebzeiten genauestens informiert wird, wie seine Situation bei einem allfälligen Hirntod sein würde.

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