Bundesratsserie
Der Weltgenfer Pierre Maudet will nach Bundesbern

Zu Besuch in der Genfer Altstadt, wo Kandidat Pierre Maudet mit seiner Familie lebt und arbeitet.

Henry Habegger
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Blick von der Genfer Kathedrale Saint-Pierre aus über das Rive-Quartier, in dem Pierre Maudet wohnt. Gaetan Bally/Keystone

Blick von der Genfer Kathedrale Saint-Pierre aus über das Rive-Quartier, in dem Pierre Maudet wohnt. Gaetan Bally/Keystone

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Die Gendarme lächeln höflich. Sie sind dabei, vor dem Polizeiposten bei der Place du Bourg-de-Four in der Genfer Altstadt in ihr Patrouillenfahrzeug zu steigen. Frage an die Gesetzeshüter: «Was denken Sie von Pierre Maudet, der vielleicht Bundesrat wird?» Die beiden lächeln freundlich weiter, es ist ihnen keine klare Antwort zu entlocken. «Wir haben hier andere Probleme», sagt der Ältere. Und, bevor er in den Wagen steigt: «Die Fahne weht, alles okay.» Er deutet mit dem Kopf hinauf zur Kathedrale, wo die Genfer neben der Schweizer Flagge flattert.

Die Kathedrale heisst Saint-Pierre, aber so hat der Polizist das wohl nicht gemeint. Sicherheits- und Wirtschaftsdirektor Pierre Maudet (39) hat sich bei der selbstbewussten und streitbaren Genfer Polizei nicht nur Freunde geschaffen. Schon vor Maudet versuchte die Politik, die Polizei zu reformieren, Privilegien abzuschaffen, sie ausgeglichener zu gruppieren, gezielter einzusetzen.

Maudet zieht die Reformen durch. Es gab, so heisst es, Königreiche, eine Art Staat im Staat auch. Die betroffenen Polizeikorps wehren sich mit allen Mitteln. Einer Vorgängerin von Maudet, Isabel Rochat (FDP), drehten die Gendarme beim Jahresrapport 2012 demonstrativ alle den Rücken zu. Bei Maudet geschieht so etwas nicht. «Es braucht eine gewisse Autorität, und die hat er als Armeeoffizier», sagt Guy-Olivier Segond (72), ehemaliger FDP-Nationalrat, Genfer Stadt- und Regierungspräsident. Segond, wie Maudet selbst einst auch Präsident der eidgenössischen Jugendkommission, ist väterlicher Freund und Vertrauter des Bundesratskandidaten.

Unter der Kathedrale

Kein Villenviertel, sondern die Genfer Altstadt um die Kathedrale St. Peter ist Maudets Lebensmittelpunkt. Er wohnt mit seiner Frau und den drei Kindern etwas unterhalb der grossen Kirche in einem der hohen Stadthäuser. Eine zentrale Lage, nicht weit vom Jet d’Eau. «Eine Wohnung in einem der oberen Stockwerke», sagt ein Freund, «nichts Luxuriöses, aber kürzlich renoviert.» Die Kinder besuchen die öffentliche Schule oben im Quartier. «Maudet ist keiner, der für sich oder seine Leute Privilegien will», sagt ein Vertreter einer anderen Genfer Partei.

Maudet hat einen Arbeitsweg von nur wenigen Minuten zu Fuss. Die Direktion für Sicherheit und Wirtschaft befindet sich oben auf dem Altstadthügel. Es sei Maudet wichtig, nahe beim Büro zu wohnen, sagt ein Mitarbeiter. Der Genfer gilt als Arbeitstier, er schläft wenig. Noch um Mitternacht verschickt er Mails an seine Leute, und einige Stunden später ist er wieder im Büro. Er fordere viel, hetzte aber nicht, und er bleibe auch ruhig, wenn Fehler gemacht würden. «Dann sagt er: Das war nicht gut. Aber seine nächste Frage ist: Wie korrigieren wir das?» Maudet schaut nach vorne, nicht zurück.

Im kleinen Spezialitätenladen, der Epicerie Pizzo unter der Kathedrale, kennt man Maudet gut. «Ein sympathischer Mann, er kommt manchmal einkaufen», sagt die Chefin, eine Portugiesin, deren Familie das Geschäft von den italienischen Vorbesitzern übernommen hat. «In letzter Zeit sehen wir ihn aber vor allem am Fernsehen.» Sie lacht.

Aufgewachsen ist Maudet im Florissant-Quartier, einer Wohngegend am Stadtrand. Noch heute leben seine Eltern dort, in einem der acht- bis zehnstöckigen Mehrfamilienhäuser inmitten von Bäumen und mit vielen Ausländern als Nachbarn. Die Mutter, eine Lehrerin, ist gebürtige Bündnerin. Der Vater Henri, gebürtiger Franzose, war Verwalter des Fonds für zeitgenössische Kunst. Ein sehr aktiver Rentner, der sich etwa in der Kirche engagiert. So bei der Interreligiösen Plattform in Genf, die den «Dialog und den Respekt zwischen den Religionen aufwerten» will.

Bundesrats-Serie

Merenschwand (AG), Köniz (BE), Wernetshausen (ZH), Langenthal (BE), Belfaux (FR) und Bursins (VD) – die sechs Bundesräte, die nach dem Ausscheiden von Didier Burkhalter in der Landesregierung verbleiben, haben ihre Lebensmittelpunkte und Heimatorte in sehr unterschiedlichen Ecken. Wir gehen diesen Sommer auf Erkundungstour in diesen Gemeinden sowie in der Heimat der zwei FDP-Kandidaten, die am 20. September um Burkhalters Erbe buhlen werden: Um zu erfahren, wie man in ihrer Heimat über die Bundesräte denkt; um auszuloten, wie die hohen Politiker geworden sind, was sie sind; und um zu ergründen, was die Schweiz in ihrem Innersten zusammenhält. (dbü)

Pierre Maudet besuchte die Schule im Quartier und das Claparède-Gymnasium etwas weiter stadtauswärts, mit Latein und Griechisch, studierte anschliessend Recht in Freiburg. «Maudet wurde protestantisch erzogen. Da lernt man, seine Wünsche von seinen Bedürfnissen zu unterscheiden», sagt Segond, ein grosser alter Mann der Genfer Radikalen, zu denen auch Maudet zählt. Die Radikalen treten für einen starken Staat ein, der für Chancengleichheit und Gleichbehandlung sorgt, «die Haltung zum Staat unterscheidet uns von den Liberalen», sagt Segond. Wichtig ist ihnen gerade auch die soziale Wohlfahrt, die sie einst mit erfunden haben, und Segond spricht sich nicht zufällig für die Altersreform 2020 aus.

Maudet war politisch frühreif, mit 12 lancierte er eine Petition für einen Skatepark, wurde vom Stadtpräsidenten empfangen, mit 15 gründete er das Genfer Jugendparlament. Ehrgeizig, wissbegierig, geprägt schon früh durch viele internationale Kontakte im «Weltgenf», wie Segond es nennt, als Gegensatz zu «Bundesbern». Im Genfer Parlament war er bald eine Art Oppositionsführer, er deckte einige Skandale etwa bei Immobiliengeschäften auf. «Das verschaffte ihm Bekanntheit», so Segond. Maudet überlege gut, bereite seine Aktionen mit seinem Team im Detail vor, aber wenn er dann handle, handle er schnell und zielstrebig.

Und von offensiver Kommunikation begleitet. Aber das war nicht immer so. Als Kind sei Maudet eher schüchtern gewesen, erinnert sich Segond. Und lacht: «Das hat er ziemlich überwunden.»

Die Heldentat des Leutnants

Noch etwas hebt der Doyen der Genfer Radikalen hervor, wenn er über den jungen Maudet spricht: «Er ist nicht nur intellektuell mutig, er ist auch körperlich mutig.» Als Leutnant der Rettungstruppen sei Maudet bei der Explosion eines Benzindepots in Brand geraten. «Er war eine lebende Fackel», sagt Segond. Auch ein Kollege von Maudet brannte. «Maudet hat ihn, obwohl er selbst brannte, zum Brunnen geschleppt.» Der junge Offizier lag danach wegen seiner Verbrennungen mehrere Wochen im Universitätsspital. Maudet selbst rede nicht gerne über diese Episode, sagt Segond. Er schreibt dies Maudets Zurückhaltung zu, was persönliche und familiäre Dinge betrifft.

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