Wahlen

Die Deuter der Nation: Politologen sind dauerpräsent – doch was taugen sie?

Bekannte Politologen (von links nach rechts) Claude Longchamp, Sarah Bütikofer, Lukas Golder, Michael Hermann, Adrian Vatter und Cloé Jans.

Bekannte Politologen (von links nach rechts) Claude Longchamp, Sarah Bütikofer, Lukas Golder, Michael Hermann, Adrian Vatter und Cloé Jans.

Politologen sind derzeit wegen der Wahlen auf allen Kanälen zu hören und zu sehen - und ihre Umfragen lösen in den Parteizentralen auch mal Hektik aus. Ein Blick auf eine Branche, die sich gerade verändert: Frauen erobern die Männerdomäne. Und bei den Wahlen kommt es zu einer Premiere.

Claude Longchamp, der Mann mit der Fliege

Claude Longchamp, der Mann mit der Fliege

Sie fühlen dem Stimmvolk den Puls. Sie erkunden, was die Bürger beschäftigt, wie sie abstimmen, wen sie wählen. Politologen sind gerade vor den Wahlen häufig zu sehen und zu hören. Wobei jahrzehntelang vor allem einer im Rampenlicht stand: Claude Longchamp. Er erklärte den SRF-Zuschauern die Resultate der Urnengänge und führte mit seinem Institut zahllose Umfragen durch. Lange machte ihm diese Rolle niemand streitig.

Bis Michael Hermann kam und in sein Gärtchen trat. Inzwischen ist Longchamp altershalber kürzergetreten – und Herrmann der neue Platzhirsch. Sein Institut Sotomo ist verantwortlich für das SRG-Wahlbarometer und führte zuletzt auch für CH Media Wahlumfragen durch. Wie präsent Hermann ist, zeigt eine Zahl: Über 1300 Mal tauchte sein Name in den vergangenen zwei Jahren in den Medien auf.

Lukas Golder

Lukas Golder

Lukas Golder, quasi der Nachfolger von Longchamp, brachte es auf gut 720 Nennungen. Neben den beiden gibt es einige weitere Politologen, die sich öffentlich oft äussern. Und inzwischen haben auch Frauen die Männerdomäne erobert – auch in der Öffentlichkeit.

Gefragte Frauen

Eine davon ist Cloé Jans. «Die Nachfrage nach Expertinnen ist da», sagt die Politikwissenschafterin, die bei GFS Bern arbeitet. Sie findet:

Cloé Jans

Cloé Jans

Schon länger gebe es viele tolle Politik-Professorinnen, doch wie in vielen anderen Bereichen seien öffentlich vor allem die Männer in Erscheinung getreten. Das habe auch mit den Frauen zu tun. «Es braucht auch ein Umdenken von ihnen, damit sie sich zutrauen, öffentlich aufzutreten», sagt Jans. Sie macht es gleich selbst vor: Sie kommentiert am Wahlsonntag die Ergebnisse im RSI, dem Radio und Fernsehen der italienischsprachigen Schweiz. Aktuell büffelt sie dafür Wahlvokabular.

Sarah Bütikofer

Sarah Bütikofer

Über die Sprachgrenzen hinweg wagt sich auch Sarah Bütikofer. Die Politikwissenschafterin der Universität Zürich kommentierte diese Woche das SRG-Wahlbarometer im Westschweizer Radio. Sie sagt: «Der Frauenanteil steigt in den Politikwissenschaften, bei den Studierenden ebenso wie unter der Professorenschaft– so wie in anderen Gebieten.»

Das Geschäft mit den Umfragen

Egal ob Frau oder Mann: In den Medien präsent – und damit bekannter – sind tendenziell häufiger die Politologen der privaten Institute, weniger jene der Universitäten. «Die akademische Forschung beschäftigt sich mit anderen Fragen, ist weniger tagesaktuell», sagt Bütikofer.

Zudem suchen private Anbieter die Öffentlichkeit stärker – denn für sie ist die Umfrage auch ein Geschäft. Eine Befragung mit 2000 Telefoninterviews koste je nach Länge des Fragebogens rasch 50'000 Franken, heisst es aus der Branche. Online sei deutlich günstiger und schneller. Dank dem Internet können Befragungen heute einfacher durchgeführt werden.

Trotzdem gibt es in der Schweiz nach wie vor vergleichsweise wenige Wahlumfragen – was die einzelne umso bedeutsamer macht. Es stellt sich die Frage, ob diese das Wahlergebnis beeinflussen können. Cloé Jans sagt: «Umfragen haben keinen nachweisbaren Effekt auf die Volksmeinung. Aber auf die Meinungsmacher.»

Die Umfragen-Fails und die Online-Premiere

Was also machen die Parteien mit den Umfragen – und was machen die Umfragen mit ihnen? Silvia Bär, langjährige stellvertretende SVP-Generalsekretärin und selbst Politologin, traut den Resultaten nicht ganz. «Ich verlasse mich lieber darauf, was ich von den gewöhnlichen Menschen höre», sagt sie.

Eine Portion Skepsis ist auch in anderen Parteizentralen zu spüren. FDP-Wahlkampfleiter Matthias Leitner etwa sagt: «Es gibt ein Gefühl, wie das Resultat sein könnte.» Für die strategische Beurteilung der Ausgangslage brächten die Umfragen aber wenig, dazu seien sie zu wenig verlässlich.

Es gibt die bekannten Fälle, in denen die Umfragen versagten. In den USA bei der Wahl von Donald Trump. In der Schweiz, als die Minarett-Initiative überraschend angenommen wurde. Und diesmal ist die Ausgangslage besonders: Erstmals werden vor nationalen Wahlen nur Resultate öffentlich, die ausschliesslich aus Online-Umfragen stammen. Das sorgt in den Parteizentralen für Verunsicherung. SP-Co-Generalsekretär Michael Sorg etwa spricht von einem «grossen Fragezeichen».

Michael Hermann

Michael Hermann

Allerdings gibt es durchaus Erfahrungen mit Online-Wahlumfragen. Michael Hermann sagt: «Wir haben bereits bei den letzten nationalen Wahlen Online-Umfragen gemacht und waren ähnlich gut wie die telefonische Befragung von GFS Bern.» Das zeigte auch eine Analyse von Claude Longchamp: Beide Umfragen wichen im Schnitt gleich stark vom tatsächlichen Wahlergebnis ab, nämlich um knapp 0,5 Prozentpunkte.

Das Gute am schlechten Umfrageresultat

Die Politologen betonen zudem stets, Umfragen seien Momentaufnahmen, keine Prognosen. Einschränkend kommt hinzu: Die Wahlumfragen messen meist den nationalen Wähleranteil. Wie viele Sitze eine Partei holt, lässt sich nur bedingt ableiten.

Dennoch können Umfragen für die Parteien wichtig sein. Zeigen sie einen positiven Trend, können sie sich als Gewinnerpartei präsentieren. Und ist der Wert schlecht, kann es der Partei helfen, den Mitgliedern Beine zu machen und zu mobilisieren. Iwan Rickenbacher, Ex-CVP-Generalsekretär und heute Kommunikationsberater, sagt es so: «Die Umfragen können einer Partei einen Hinweis geben, dass sie noch einen Zacken zulegen muss.»

Autor

Maja Briner

Meistgesehen

Artboard 1