Digitales Zeitalter

Die Fünferbande: Weshalb sich die Schweizer Medienkonzerne plötzlich wieder vertragen

CH Media: Das Joint-Venture von AZ-Medien und NZZ-Regionalmedien mit Sitz in Aarau setzt strategisch auf die traditionelle Tagespublizistik sowie auf eine Palette von mittlerweile sieben Unterhaltungs-TV-Sendern. (cm)

CH Media: Das Joint-Venture von AZ-Medien und NZZ-Regionalmedien mit Sitz in Aarau setzt strategisch auf die traditionelle Tagespublizistik sowie auf eine Palette von mittlerweile sieben Unterhaltungs-TV-Sendern. (cm)

In der Schweiz haben sich die vier grossen Verlage und die SRG wieder ziemlich lieb. Aus guten Gründen.

Streit war gestern. Die schweizerische Medienindustrie war in den vergangenen Jahren tief gespalten. Die vier verbliebenen, grösseren privaten Medienkonzerne agierten isoliert und fanden nur in ihrer Skepsis gegenüber der öffentlich-rechtlichen SRG, dem fünften Schweizer Medienkonzern, zu einer gewissen Eintracht.

Doch nun herrscht Minne. Selbst die SRG ist den privaten Anbietern kein Feindbild mehr. Die Märkte sind aufgeteilt, der Wettbewerb ist auf ein Minimum reduziert. Der gemeinsame Feind sind ihnen die globalen Internetkonzerne. Und am nahen Horizont zeichnet sich ab, dass die publizistischen Leistungen, die sie erbringen, bald subventioniert werden.

Tamedia: Die börsennotierte Tamedia heisst ab neuem Jahr TX Group, was die neue Ausrichtung als Technologieunternehmen betonen soll. Die Tamedia wird zum Tochterunternehmen, in dem die Zeitungstitel mit Ausnahme von «20 Minuten» gebündelt sind. Die Anleger haben die neue Strategie bisher nicht gewürdigt. Der Kurs ist rückläufig. (cm)

Tamedia: Die börsennotierte Tamedia heisst ab neuem Jahr TX Group, was die neue Ausrichtung als Technologieunternehmen betonen soll. Die Tamedia wird zum Tochterunternehmen, in dem die Zeitungstitel mit Ausnahme von «20 Minuten» gebündelt sind. Die Anleger haben die neue Strategie bisher nicht gewürdigt. Der Kurs ist rückläufig. (cm)

Wie stark hinter den Kulissen die Einigkeit schon hergestellt ist, zeigte sich im vergangenen Oktober. Die grossen Konzerne Tamedia («Tages-Anzeiger» etc.), Ringier («Blick» etc.), CH Media (zu der diese Zeitung gehört) und die NZZ kündeten nach monatelanger Vorbereitung eine «Digital-Allianz» an, die sie sogleich umsetzten: Wer seither auf den Websites der Medienprodukte dieser Konzerne journalistische Artikel lesen will, wird aufgefordert, sich zu registrieren.

Was zunächst auf freiwilliger Basis erfolgt, wird künftig verpflichtend. Mit den Logins erhalten die Verlage wieder Informationen darüber, wer eigentlich ihre Kundschaft ist. Ein Wissen, das sie durch die Gratisverbreitung ihrer Publikationen in Print und Online weitgehend verloren haben. Diese Daten erlauben ihnen einerseits die Konfektionierung zielgruppenspezifischer Werbung, wie dies auf Portalen wie Facebook oder Google längst der Fall ist. Andererseits ist die Registrierung ein erster Schritt, um die Nutzer wieder als zahlende Abonnenten zu binden.

NZZ: In der NZZ-Gruppe interessiert fast ausschliesslich das Hauptprodukt, die «Neue Zürcher Zeitung». Die Abgabe der Zeitungsverbünde «St. Galler Tagblatt» und «Luzerner Zeitung» in das Joint Venture CH Media ist Ausdruck davon. Der Vorteil, mit nur einer einzigen Marke den digitalen Wandel zu schaffen, ist die Überschaubarkeit des Unterfangens. Der Nachteil: Ein Scheitern ist verboten. (cm)

NZZ: In der NZZ-Gruppe interessiert fast ausschliesslich das Hauptprodukt, die «Neue Zürcher Zeitung». Die Abgabe der Zeitungsverbünde «St. Galler Tagblatt» und «Luzerner Zeitung» in das Joint Venture CH Media ist Ausdruck davon. Der Vorteil, mit nur einer einzigen Marke den digitalen Wandel zu schaffen, ist die Überschaubarkeit des Unterfangens. Der Nachteil: Ein Scheitern ist verboten. (cm)

Da sich auch die SRG der «Digital-Allianz» angeschlossen hat, forderte der Grüne Nationalrat Michael Töngi den Bundesrat zur Stellungnahme auf. Dieser erklärt, er begrüsse «grundsätzlich einvernehmliche Branchenlösungen, die den Medienplatz Schweiz stärken». Auch dem Bund ist die neue Einigkeit der Verleger nicht entgangen.

Mit der Werbegesellschaft Admeira brachen die Fronten auf

Dass sich die Unternehmen auf eine gemeinsame Strategie verständigt haben, ist nach der jüngeren Geschichte nicht selbstverständlich. Kristallisationspunkt eines tief greifenden Branchenstreits war die Bildung der Werbegesellschaft Admeira durch das Trio Ringier, SRG und Swisscom. Dank des technologischen Supports des teilstaatlichen Telekommunikationskonzerns versprachen sich die Medienpartner Vorteile bei der zielgruppenspezifischen Werbung.

Die Exklusivität bei der Vermarktung der Swisscom-Daten brachte aber vor allem die Tamedia, den grössten Schweizer Medienkonzern, auf die Barrikade. Dieser handelte jedoch mittlerweile wieder «gleich lange Spiesse» aus, indem er einerseits mit Goldbach eine Firma aufkaufte, die als Vermarkterin von TV-Stationen ebenfalls grosse personenbezogene Datenberge generiert. Andererseits setzte er nicht zuletzt über den Branchenverband derart Druck auf die SRG auf, dass diese ihre Admeira-Anteile ihren Partnern Ringier und Swisscom verkaufen musste.

Die Admeira-Auseinandersetzung führte zu gehässig ausgetragenen Differenzen zwischen den beiden Zürcher Platzhirschen Ringier und Tamedia. Die persönliche Unverträglichkeit trugen Tamedia-Verleger Pietro Supino und Ringier-Konzernchef Marc Walder auf dem Marktplatz der Branchenöffentlichkeit aus: Ringier kehrte demonstrativ dem Verband Schweizer Presse den Rücken, der von Supino präsidiert wird.

Tamedia wiederum verliess die von Walder portierte Initiative «DigitalSwitzerland», die auch vom Bund unterstützt wird. Doch die Alphatiere der Branche haben ihre Befindlichkeiten zurückgestellt; Tamedia hat kürzlich ihre Rückkehr zu «DigitalSwitzerland» angekündigt, und dem Vernehmen nach ist der Wiedereintritt von Ringier zum Verband Schweizer Presse im Gespräch.

Ringier: Das familiengeführte Unternehmen versteht sich als Vorkämpferin des digitalen Medienzeitalters und versucht sich auf verschiedensten, auch internationalen Märkten. Dies steht allerdings ganz in der Tradition des Verlags, der stets breiter aufgestellt war als die nationale Konkurrenz. (cm)

Ringier: Das familiengeführte Unternehmen versteht sich als Vorkämpferin des digitalen Medienzeitalters und versucht sich auf verschiedensten, auch internationalen Märkten. Dies steht allerdings ganz in der Tradition des Verlags, der stets breiter aufgestellt war als die nationale Konkurrenz. (cm)

CH Media-Zeitungsverbund als Folge des Admeira-Streits

Von den gewichtigen Schweizer Verlagen befanden sich die AZ-Medien sowie die NZZ-Gruppe im Admeira-Streit zwischen den Fronten. Die NZZ-Gruppe war dabei aufgrund ihrer traditionellen Nähe zu Ringier und zur SRG eher geneigt, sich der Admeira-Gruppe anzuschliessen; die AZ-Medien des Verlegers Peter Wanner blieben aufgrund ihrer Geschichte dazu eher auf Distanz. Nicht zuletzt diese gemeinsame Zwischenstellung bildete den Grundstein zum bisher letzten grossen Schritt in der Geschichte der Schweizer Medienkonzentration: dem Joint-Venture der AZ-Medien und den NZZ-Regionalmedien zur neuen CH Media. Damit ist ein Zeitungsverbund entstanden, der von Grenchen im Westen über Basel im Norden und die Zentralschweiz im Süden bis an den Bodensee im Osten reicht.

Der entscheidende Effekt dieser Zusammenführung: Die dominierenden Schweizer Medienunternehmen haben ihre Märkte nun so abgesteckt, dass kaum noch direkter Wettbewerb besteht. Das im internationalen Vergleich weiterhin breite Angebot von Tageszeitungen ist mit zwei Ausnahmen räumlich säuberlich aufgeteilt. Auf dem Platz Zürich stehen sich zwar noch der «Tages-Anzeiger» und die «Neue Zürcher Zeitung» gegenüber, wobei die beiden Zeitungen aber auf wesentlich andere Zielgruppen fokussieren und als überregionale Leitmedien eine Leserschaft über das ohnehin einwohnerstarke Zürich hinaus haben.

Die übrige Schweiz haben sich die Tamedia und CH Media mit der zweiten Ausnahme aufgeteilt: Einzig in Basel stehen sie sich mit der «Basler Zeitung» (Tamedia) und der bz (CH Media) vorerst noch als direkte Konkurrenten gegenüber. Nicht ob, sondern unter welchen Umständen und wann es am Rheinknie zur Bereinigung kommt, ist bloss die Frage, die sich die Branche stellt.

SRG: Die SRG hat einen Plafond von 1,5 Milliarden Franken Gebührengeldern. Da die Werbeeinnahmen rückläufig sind, muss die SRG sparen. Jeder Sparschritt ist ein politischer Hochseilakt, wie die Verlagerung von Redaktionen von Bern nach Zürich zeigt. Statt den eigenständigen Online-Auftritt auszubauen, fährt die SRG die neue Strategie, ihre Radio- und TV- Inhalte über eine ausgebaute Mediathek auszuspielen. (cm)

SRG: Die SRG hat einen Plafond von 1,5 Milliarden Franken Gebührengeldern. Da die Werbeeinnahmen rückläufig sind, muss die SRG sparen. Jeder Sparschritt ist ein politischer Hochseilakt, wie die Verlagerung von Redaktionen von Bern nach Zürich zeigt. Statt den eigenständigen Online-Auftritt auszubauen, fährt die SRG die neue Strategie, ihre Radio- und TV- Inhalte über eine ausgebaute Mediathek auszuspielen. (cm)

Während das Zeitungsgeschäft, mit dem sich die Verleger über Jahrzehnte goldene Nasen verdient hatten, stark rückläufig ist, lassen sich mit sogenannten Marktplätzen hohe Renditen erzielen. Auch in diesem Geschäftsfeld haben sich die hier dominierenden Konzerne Ringier und Tamedia arrangiert. Ringier hält mit der Mobiliar-Versicherung die Scout-Gruppe (autoscout24.ch, immoscout24.ch).

Die Tamedia macht satte Gewinne mit immogate.ch, tutti.ch oder ricardo.ch. Den Stellenmarkt halten Ringier und Tamedia gemeinsam (jobs.ch), die Suchplattform search.ch teilt sich Tamedia mit der Swisscom. Die komplexen, von der Wettbewerbskommission aber bewilligten Verflechtungen machen es für die Unternehmen nicht attraktiv, dass neue Konkurrenzsituationen entstehen. «Koopetition» ist die stärkste Form des Wettbewerbs, den sie zulassen.

Selbst im Bereich der elektronischen Medien Radio und Fernsehen hat sich eine Arbeitsteilung ergeben. Im linearen Fernsehen ist neben der SRG nur noch die CH Media aktiv. Diese hält nicht nur eine Reihe von Regional-TV-Stationen, sondern betreibt nach der Übernahme der 3-plus-Gruppe von Dominik Kaiser mittlerweile sieben Spartenkanäle. Ringier («Blick TV») und Tamedia («20 Minuten TV») bauen zwar wieder Redaktionen mit TV-Kompetenz auf, doch diese sind zumindest vorläufig auf das Clip-Format beschränkt. Die Felle sind gütlich zwischen der SRG und den privaten Anbietern verteilt.

Die Musik spielt bei den Grossen und damit in der Deutschschweiz

Natürlich besteht die Medienlandschaft nicht nur aus den «Big 5». Als traditioneller Verlag können sich die Südostschweiz in Chur, die Gassmann-Gruppe in Biel oder der Meier-Verlag in Schaffhausen halten. Als neuer Anbieter hat sich «Nau» etabliert, der seine Informationsclips in den Bussen und Bahnen anbietet. Im journalistischen Bereich hat die «Republik» mit ungewissem Ausgang den Versuch gestartet, ein neues Geschäftsmodell zu etablieren. Dazu sind weitere Nischen besetzt. Doch die Musik spielt bei den Grossen. Drei von ihnen sind in Zürich beheimatet, keiner in der Westschweiz oder im Tessin.

Auch wenn die grossen Fünf auf Harmonie setzen oder vielleicht gerade deshalb: Keines der Unternehmen weiss wirklich, wie sich die Medienwelt entwickelt. Entsprechend suchend verfolgen die Konzerne völlig unterschiedliche Strategien.

Die NZZ, die ihre nie vertraut gewordenen Regionalzeitungen abgetreten hat, setzten auf ihre eine Marke, die so ertragsstark werden soll, um auch im Onlinezeitalter Journalismus finanzieren zu können. Die CH Media steht auf den Beinen Tagespublizistik und TV-Unterhaltung, wobei die durch Grösse erzielten Skaleneffekte kompensieren sollen, dass beide Bereiche nicht als besonders ertragsfest gelten.

Der Ringier-Konzern bewirtschaftet sein journalistisches Gewissen mit der «Blick»-Gruppe und versucht mit zahlreichen Investments im In- und Ausland an digitalen Starts-ups den Lucky Punch zu erzielen. Die Tamedia wandelt sich mit neuem Namen (TX Group) zum Techkonzern, in dem Publizistik keine entscheidende Rolle spielt. Die SRG schliesslich ist nach der No-Billag-Abstimmung in ihrer Entwicklung so zurückgebunden, dass sie von den privaten Konzernen nicht mehr als Gefahr wahrgenommen wird.

Der helvetische Korporatismus hat im digitalen Zeitalter seine neue Form gefunden.

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Autor

Christian Mensch

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