Corona-Virus

Die Grenze im Tessin bleibt auch nach Lombardei-Lockdown für Grenzgänger offen

Grenzgänger kommen weiterhin in die Schweiz

Grenzgänger kommen weiterhin in die Schweiz.

Italien hat wegen des Corona-Virus die Lombardei de facto abgeriegelt und die Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt. Grenzgänger dürfen aber weiter zur Arbeit ins Tessin pendeln.

Die weitgehende Abriegelung Norditaliens, namentlich der Lombardei, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen, hat sehr konkrete Folgen für den Kanton Tessin und sorgte am Sonntag für grosse Verunsicherung. Denn aus den lombardischen Provinzen Como und Varese pendeln jeden Tag fast 68’000 Grenzgänger zur Arbeit ins Tessin. Grenzgänger aus Italien pendeln aber auch aus der lombardischen Provinz Sondrio nach Graubünden oder von der Provinz Verbano-Cusio-Ossola (Piemont) ins Tessin und ins Wallis. Was passiert mit ihnen?

Erst gegen Abend klärte sich die Situation. Zuerst machte das italienische Aussenministerium in einer Mitteilung publik, dass die Grenzgängerinnen und Grenzgänger in Italien nicht den verordneten Restriktionen unterstehen, wenn sie sich zur Arbeit in die Schweiz begeben. Kurz darauf folgte die Bestätigung durch den Bundesrat: «Alle Erwerbstätigen können sich weiterhin fortbewegen, um ihrer Berufstätigkeit nachzugehen, und das sowohl zwischen den italienischen Regionen wie auch zwischen der Schweiz und Italien.» Diesen Mitteilungen war ein Telefongespräch der Aussenminister Ignazio Cassis mit Luigi Di Maio vorausgegangen. Ein wichtiger Nachsatz: Mit dieser Massnahme werde der Fortbestand des Tessiner Gesundheitssystems gesichert. Tatsächlich arbeiten rund 4000 Grenzgängerinnen und Grenzgänger in Tessiner Spitälern, Alters- und Pflegeheimen sowie im Spitex-Dienst.  

Der Tessiner Regierungspräsident Christian Vitta erklärte am Abend in einer Medienkonferenz in Bellinzona, dass die Grenzgänger nur mit einem gültigen Grenzgängerausweis ins Tessin zur Arbeit kommen könnten. Sowohl auf italienischer als auch auf italienischer Seite werde es verstärkt Kontrollen geben. Das heisst, dass etwa Studenten aus Italien nicht zur Universität nach Lugano kommen können. Auch Besuche von Italienern in Tessiner Shopping-Centern, wie sie noch am Samstag in grosser Zahl zu beobachten waren, sind nicht mehr erlaubt. Gemäss mehreren Beobachtern verlief der Grenzverkehr an den Hauptgrenzübergängen am Sonntag aber weitgehend in normalen Bahnen.

Der Direktor des Tessiner Gewerbeverbandes (CCIA), Luca Albertoni, reagierte mit Erleichterung auf den Entscheid Italiens und des Bundesrats. «Eine totale Blockade der Grenzgänger wäre dramatisch», sagte er gegenüber dieser Zeitung.  Gemäss dem Direktor des Tessiner Industrieverbandes (Aiti), Stefano Modenini, muss alles getan werden, um einen Stillstand der Produktion zu verhindern. Die Aiti hat ihren Mitgliedern bereits einen Brief geschrieben, wonach geprüft werden soll, ob Grenzgänger in Schlüsselpositionen vorübergehend im Tessin wohnen können, das heisst vorerst nicht pendeln. Tatsächlich sind viele Hotels im Tessin plötzlich ausgebucht, die Zimmer angemietet von Firmen, die dort allenfalls ihre Grenzgänger unterbringen wollen.

Italien hat bisher mit drastischeren Massnahmen auf das Coronavirus reagiert als das Tessin. So wurden etwa die Schulen und Universitäten in Norditalien bis 3.April geschlossen, was im Tessin nicht der Fall ist. «Für uns ist es noch keine Option», sagte am Sonntag Abend der Tessiner Kantonsarzt Giorgio Merlani. Das Tessin hat aber in Einklang mit dem Bund ein Verbot für Versammlungen mit mehr als 150 Personen erlassen. Praktisch alle öffentlichen Veranstaltungen, auch Theatervorführungen und Konzerte, sind abgesagt. Inzwischen werden im Tessin 58 Coronavirus-Infektionen gezählt. Damit ist das Tessin proportional zur Bevölkerung der am stärksten betroffene Kanton der Schweiz.

In den sozialen Netzwerken breitete sich am Sonntag Wut aus, weil die Grenzen zu Italien nicht geschlossen werden und Grenzgänger nicht stärkeren Restriktionen unterstehen. Tatsächlich sind bisher viele Massnahmen individuell oder firmenabhängig. Bei der Grossbank UBS im Tessin befindet sich momentan ungefähr ein Drittel aller Mitarbeiter – 200 von 750 - zu Hause. Bei der Bank mussten alle Mitarbeitenden, die sich in den letzten beiden Wochen in Italien aufgehalten haben, in eine 14-tätige Quarantäne. Dienstreisen nach Italien sind verboten. Zwei UBS-Angestellte sind mit Coronavirus infiziert. Der Zugang zu Alters- und Pflegeheimen wurde im Tessin stark eingeschränkt. Am Sonntag wurden auch die Geburtsabteilungen von Locarno und Mendrisio aufgehoben und vorübergehend in die Spitäler von Lugano und Bellinzona integriert. Die Notaufnahme von Faido und Acquarossa wurde geschlossen. Laut dem Tessiner Gesundheitsdirektor Raffaele De Rosa ist das Tessiner Gesundheitssystem noch voll funktionsfähig, aber am Anschlag. Von den 58 Infizierten ist indes nur eine Minderheit ospedalisiert.

Am Montag beginnt in Bellinzona vor Bundesstrafgericht der grosse FIFA-Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Akkreditierte Journalisten sind zugelassen, müssen sich aber das Fieber messen lassen. Unterschiedlich auf das Virus reagierten am Sonntag Eisenbahnunternehmungen. So stellten die Verkehrsbetriebe des Locarnese FART die internationale Bahnverbindung zwischen Locarno und Domodossola (I) ein. Die SBB hielten ihrerseits an den Verbindungen mit Mailand fest.

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