Top of Europe

Die grösste Attraktion der Alpen soll noch grösser werden

Mit einer neuen Bahn will die Jungfraubahn noch mehr Touristen ins Hochgebirge bringen. Dabei geht es aber mehr um die Frage, wie viel Massentourismus die Region verträgt und wer das Projekt überhaupt zu kritisieren traut. Ein Besuch vor Ort.

Leise legt sich eine Schneedecke über das Bergtal. Sie dämpft die emotionale Debatte, die in Grindelwald geführt wird und heute Abend in der Eishalle ihren Höhepunkt findet. Es geht um Massentourismus, um Mitsprache und um das hohe Gut des Eigentums. Konkret aber um die Frage, ob die mächtige Jungfraubahn mit einer neuen Gondelbahn das Gebiet am Fuss des Eigers und letztlich ihre Goldgrube, das Jungfraujoch auf 3471 Metern über Meer, noch besser erschliessen darf.

Das Joch der Gemütlichkeit

Dort hinauf sind selbst an diesem grauen Mittwoch zahlreiche Touristen unterwegs. Fast 2000 Besucher registriert die Jungfraubahn, obwohl sie von der Umgebung wegen des schlechten Wetters nichts ausser dem Weiss und seinen Abstufungen zu sehen bekommen. Lokführer Stefan Riesen führt den Zug der Wengernalpbahn (WAB) von Grindelwald durchs Schneegestöber auf die Kleine Scheidegg. Der Bahn droht mit der neuen Gondelbahn ein Schattendasein. Riesen ist aber überzeugt, dass die Züge der WAB, die zur Jungfraubahn-Gruppe gehört, auch künftig über die Scheidegg rollen werden.

Anderthalb Stunden dauert die Fahrt von Grindelwald aufs Jungfraujoch. Den Koreaner Kim Yong Hiug stört das nicht. Im Gegenteil: Er und seine drei Kollegen geniessen das gemütliche Ruckeln durch die verschneite Landschaft. Kommt die neue Bahn, dann wird die Reisedauer auf die Hälfte reduziert. «Schön und gut, ich fahre trotzdem lieber im Zug», sagt Kim. Anders als der junge Mann aus Südkorea sehen dies Organisatoren zahlreicher Reisegruppen aus Fernost. Viele sind im Eilzugtempo durch Europa unterwegs, manche reisen am Morgen aus Mailand an, um nach einem Abstecher aufs Jungfraujoch gleich weiterzufahren: nach Luzern, Paris, Berlin.

Die Krux der Meinungsfreiheit

Die Pro- und Kontra-Argumente liegen längst auf dem Tisch, Grindelwald wartet gespannt auf den Entscheid. Es ist Zwischensaison, im Dorf ist Ruhe eingekehrt. Unter der dicker werdenden Schneedecke aber brodelt es gewaltig.

Nur wenige wollen ihre Namen in der Zeitung lesen, wenn sie sich zum 400-Millionen-Projekt äussern. Grindelwald befindet sich eigentlich in einer komfortablen Lage – könnte man meinen. Die Jungfraubahn finanziert eine neue Bahn an den Fuss der Eigernordwand, einen neuen öV-Anschluss, ein Parkhaus und dazu auch noch eine neue Bahn auf den Männlichen.

Ein Geschenk, das nicht wenige Grindelwalder aber verschmähen, weil sie es als Diktat empfinden. Weil der Gemeinderat versprochen hat, an der Gemeindeversammlung einen Antrag auf Geheimabstimmung zu stellen, könnte es heute Abend knapp werden für das Grossprojekt. Doch der Druck ist gross: Wer nur schon per Handheben für die Geheimabstimmung votiert, riskiert böse Blicke der Befürworter.

Nur wenige sagen offen, was sie denken. Zu gross ist die Angst, als Verhinderer abgestempelt zu werden. Im Dorf kennt man sich. Die Jungfraubahn ist der grösste Arbeitgeber. Ein Betroffener sagt, er könne sich nicht noch mehr exponieren, sei er doch auf gute Geschäfte angewiesen.

Stefan Brügger steht hin. Er besitzt einen Holzbaubetrieb im Dorf. Ihn stört vor allem die «Alles-oder-nichts-Strategie» von Jungfraubahn-CEO Urs Kessler, der keinen Plan B hat. «Er kommt und verspricht: ‹Ihr erhaltet eine neue Männlichenbahn, verbesserten öV-Anschluss und ein Parkhaus. Dafür müsst ihr die Bahn zum Eigergletscher nehmen.›»

Doch das seien allesamt Projekte, die der Jungfraubahn zugute kommen. «Und nicht Grindelwald», so Brügger. Nun werde von den betroffenen Grundeigentümern verlangt, dass sie von ihrem Recht Abstand nehmen, sich gegen den Bau von Masten oder das Überfahrtsrecht zu wehren. «Das ist ein Eingriff in die Eigentumsgarantie, die ich sehr hoch gewichte», sagt Brügger vor seiner Zimmerei im Dorf.

Tatsächlich haben betroffene Eigentümer Einsprachen deponiert. Und eine Mehrheit der betroffenen Landeigentümer, organisiert in der Bergschaft Wärgistal, hat dem Projekt unter Ausschluss der Öffentlichkeit zwar zugestimmt, jedoch nicht mit dem nötigen Zweidrittelquorum. Sagt die Gemeindeversammlung heute Abend Ja und die Bergschaft bleibt bei ihrem Votum, so ist das Projekt gestorben. Oder aber die Bergschaft lädt noch einmal zur Abstimmung und diese nimmt die Zweidrittelhürde. Wer will schon von der Dorfgemeinschaft als Ewiggestriger und Verhinderer abgestempelt werden?

Die Präsidentin der Bergschaft, Marianne Bomio, sprach in der «Jungfrauzeitung» in diesem Zusammenhang von russischen Verhältnissen. Davon könne nicht die Rede sein, sagt Gemeindepräsident Emanuel Schläppi im Gespräch mit der «Nordwestschweiz». Dass es zwischen Einzelnen zu Misstönen komme, sei zu erwarten. «Doch in Grindelwald gilt die Meinungsfreiheit, auch bei einer emotional geführten Debatte, wie sie nun stattfindet», so Schläppi.

Die Bürde des Markts

«Touristen aus aller Welt besuchen das Jungfraujoch in Blitzgeschwindigkeit», monierte die Bergsteigerkoryphäe Reinhold Messner anlässlich eines Interviews mit der «Nordwestschweiz» vom 22. September. Ausser der Jungfraubahn, die damit gutes Geld verdiene, profitiere niemand wirklich, weil die Touristen am selben Abend schon wieder woanders seien, so Messner.

Das sieht Bruno Hauswirth ganz anders. Der Geschäftsführer von Grindelwald Tourismus erklärt, weshalb die Bahn für Grindelwald so wichtig ist, obschon längst nicht alle Joch-Besucher im Dorf übernachten. «Uns geht es vor allem darum, im Winter konkurrenzfähig zu bleiben», sagt er. Mit einer zusätzlichen, 15-minütigen Verbindung ins Herz des Skigebiets bleibe es die Region in einem stagnierenden Markt.

Auf dem Jungfraujoch können die Besucher aus Südkorea, Singapur oder Indien wegen des Schneesturms keinen einzigen Schritt nach draussen wagen. Von der Höhe benebelt und von ihrer langen Reise ermüdet, haben sich viele auf den Boden gesetzt und schlürfen Instant-Nudelsuppen. Nicht selten kursieren in Grindelwald Geschichten über Inder, die in engen Hotelzimmern kochen und nach ihrem Aufenthalt ein Chaos hinterlassen. Wie gut waren da die Zeiten, in welchen reiche Engländer ihre Ferien im Gletscherdorf verbrachten. Nur kommen heute die reichen Engländer nicht mehr und von den Gletschern ist auch kaum noch was übrig.

Als der Schlaf die Touristen im Zug talwärts übermannt, geht das Licht am Fusse der Jungfrau aus. Dafür geht es in Asien an, wie Jungfraubahn-CEO Urs Kessler immer wieder sagt.

Meistgesehen

Artboard 1