Schweiz

Die Kämpferin für einen unbürokratischen Tod – das Porträt der angeklagten Sterbehelferin Erika Preisig

Ärztin mit einer Mission: Erika Preisig, Präsidentin von Eternal Spirit.

Ärztin mit einer Mission: Erika Preisig, Präsidentin von Eternal Spirit.

Ärztin Erika Preisig steht vor dem Baselbieter Strafgericht, weil sie eine angeblich urteilsunfähige Frau in den Tod begleitet hat. Um ihre Situation zu verstehen, hilft ein Blick in die Geschichte der Schweizer Freitodorganisationen und in Preisigs Biografie.

Erika Preisig, Sterbehelferin aus Biel-Benken BL, hat eine der schlimmsten Wochen ihres Lebens hinter sich. Die 61-jährige Ärztin stand vor dem Baselbieter Strafgericht, weil sie eine angeblich urteilsunfähige Patientin in den Tod begleitet hat. Die Anklage lautet auf vorsätzliche Tötung. Das sei das Schlimmste, was einer Ärztin passieren könne, sagte sie vor Gericht. Wegen des seit drei Jahren andauernden Strafverfahrens gehe es ihr schlecht, sie leide an Haarausfall und einer Autoimmunerkrankung.

Um die Situation, in die Preisig geraten ist, zu verstehen, hilft ein Blick in die Geschichte der Schweizer Freitodorganisationen. Exit, der älteste und grösste Verein, legt die Regeln vorsichtig aus. Es gelten lange Wartefristen und Ausländer werden nicht bedient. Auch interne Veränderungsprozesse dauern langsam. Mit anderen Worten: Exit ist ein bürokratischer Apparat. Ludwig Minelli verliess Exit aus Frust darüber und gründete 1998 Dignitas. Er legt die Regeln mutig aus, Sterbetermine innert kurzer Zeit sind möglich, auch für Ausländer. Was Minelli sagt, wird gemacht. Mit anderen Worten: Dignitas ist ein diktatorisch geführter Verein, wie Minelli selber sagt.

Von Dignitas zu Eternal Spirit

Preisig arbeitete sechs Jahre lang bei Dignitas als Konsiliarärztin und begutachtete etwa zwei Todeswünsche pro Woche. Weil sie Mühe mit Minellis Führungsstil hatte, gründete sie 2012 Eternal Spirit. Der Unterschied zu Dignitas ist der Stil. Minelli sucht die Konfrontation, Preisig den Konsens. Eine Gemeinsamkeit sind kurze Entscheidungswege.

Preisig präsidiert den Stiftungsrat, der zudem aus ihrem Anwalt und ihrem Lebenspartner besteht. Letzterer amtet auch als Buchhalter. Und ihr Bruder organisiert Freitodbegleitungen. Mit anderen Worten: Eternal Spirit ist ein Familienbetrieb. Das Problem dabei ist, dass Kontrollinstanzen fehlen. Die Staatsanwältin wirft Preisig vor, dass sie im aktuellen Fall sechs Rollen innehatte. Sie war erstens die Hausärztin der Patientin, zweitens beurteilte sie deren Urteilsfähigkeit, drittens prüfte sie als Stiftungspräsidentin ihren eigenen Bericht, viertens verschrieb sie als Ärztin das tödliche Mittel, fünftens löste sie das Rezept in der Apotheke selber ein und sechstens setzte sie als Sterbehelferin die Infusion. Das Vorgehen hängt mit Preisigs Ziel zusammen. Sie will unbürokratische Sterbehilfe leisten.

Die tragische Kindheitserinnerung

Um Preisigs Verhältnis zur Sterbe-Bürokratie zu verstehen, hilft ein Blick in ihre Biografie. Mit Suizidgedanken war sie schon als Kind konfrontiert. Ihr Vater wollte sich das Leben nehmen, nachdem ihre Mutter gestorben war. Eines Tages fuhr er mit allen sieben Kindern in den Wald. Sie liebten es, gemeinsam im Auto unter den Bäumen zu übernachten. Doch diesmal hatte der Vater einen Schlauch und ein Gewehr dabei. Er wollte die Kinder im Auto vergasen und sich danach erschiessen. Er liess den Plan fallen, nachdem er vor dem Einschlafen gefragte hatte, ob alle damit einverstanden wären, «zu Mami zu gehen». Eines der jüngeren Kinder sagte: «Aber Mami wohnt doch jetzt in den Wolken, dort ist es grau und kalt, ich will hier im Wald bleiben bei den Vögelchen.» Preisig hält die Episode in ihrem Buch fest.

Viele Jahre und viele Suizidversuche später half sie ihrem Vater mit 82, sein Ziel zu erreichen. Es war ihre erste Freitodbegleitung. Exit kam für den Vater wegen der Wartefrist nicht infrage.

Auch im aktuellen Fall wandte sich die Patientin zuerst an Exit, wo aber weitere Abklärungen nötig gewesen wären. Ihr unbürokratisches Handeln könnte Preisig nun zum Verhängnis werden.

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