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«Die Schlafzimmer haben zwei Türen»: So lebt es sich im «Atomdörfli» bei Mühleberg

Teil 2: Leben im "Atom-Dörfli"

Das Kernkraftwerk prägte die Bewohner von Mühleberg in vielerlei Hinsicht. 1973 baute die BKW knapp ausserhalb des Dorfs eine eigene Siedlung für Mitarbeiter des Kernkraftwerks. Der Steinriesel, auch «Atom-Dörfli» genannt, wurde speziell für Schichtarbeiter angelegt.

Am Freitag stellt erstmals in der Schweiz ein Atomkraftwerk seinen Betrieb ein. Das AKW Mühleberg im Westen von Bern wird nach 47 Betriebsjahren vom Netz genommen. Tele Bärn arbeitet die Geschichte des Kernkraftwerks in einer dreiteiligen Serie auf.

Sie waren Expats der besonderen Art. Die BKW, Betreiberin des AKW Mühleberg liess für ihre Mitarbeiter eine eigene Siedlung bauen, damit diese als Schichtarbeiter oder aber auch im Notfall möglichst nahe an ihrem Arbeitsort wohnen konnten. Die Siedlung «Steinriesel» bei Mühleberg.

«Wir waren ein Grüppli für uns», sagt Peter Maffioli, ehemaliger AKW-Mitarbeiter und Steinrieselbewohner. Toll sei das gewesen. «Es gab neue Freundschaften und durch die Schichtarbeit waren viele Väter auch tagsüber zuhause. Wir haben zusammen mit den Kindern Fussball gespielt oder gebrätelt.» Wenn er die Gemeinschaft auch als eigenes «Völkchen» bezeichnet, sagt er: «Wir haben immer zum Dorf gehört.»

«Die ganze Familie ist Schichtarbeiter»

Schichtelektriker Peter Maffioli schildert auch, dass die Steinriesel-Wohnungen auf die Bedürfnisse der Schichtarbeiter und ihrer Familien angepasst waren. «Das Schlafzimmer konnte man mit zwei Türen vom Lärm abschotten – denn wenn man Schichtarbeiter ist, ist die ganze Familie Schichtarbeiter. Da müssen sich auch Frau und Kinder darauf einstellen, dass der Vater schläft am Nachmittag.»

Zwei Knöpfe führen zur Abschaltung

Am Morgen des 20. Dezember wird die Leistung nach und nach reduziert, indem Steuerstäbe zwischen den Brennstoff gefahren werden. Punkt 12.30 Uhr ist es dann soweit: Zwei Mitarbeiter im Kontrollraum werden zwei Knöpfe drücken, um das AKW für immer abzuschalten. BKW-CEO Suzanne Thoma erklärt, wie die Abschaltung und der Rückbau vor sich gehen:

«Wir werden zwei Knöpfe drücken»: BKW-CEO Suzanne Thoma erklärt, wie die Abschaltung des AKW Mühleberg funktioniert

Danach wird der Druck im Reaktor abgebaut. Innerhalb von sieben Stunden fällt die Reaktor-Wassertemperatur von 280 auf unter 100 Grad Celsius. Bis am 22. Dezember soll das Herunterfahren abgeschlossen sein.

Kosten sparen mit raschem Rückbau

Unmittelbar nach den Feiertagen, am 6. Januar 2020, beginnen die Rückbauarbeiten. Sie schliessen also fast nahtlos an die Abschaltung an. Denn was die Kosten mancherorts im Ausland in die Höhe trieb, war die zeitliche Lücke zwischen Abschaltung und Beginn des Rückbaus.

Der Steinriesel ist mittlerweile eine durchmischte Familiensiedlung, rund die Hälfte sind pensionierte AKW-Mitarbeiter. Die Mietzinsen sind nicht mehr ganz so günstig wie in den Anfängen und vor zwei Jahren ist eine Holzheizung installiert worden, die die Wohnungen anstelle der Kernkraft-Abwärme heizt. (SDA/smo)

Sehen Sie die Serie «AKW ade» vom 17. bis 19.12, jeweils um 18.15 Uhr auf Tele Bärn oder Tele M1.

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