Zürich
Die Stunde der Verschwörer hat geschlagen

Die Aktien stehen derzeit gut für «We are change Switzerland», den kleinen Ableger einer US-Organisation. In Anlehnung an die New Yorker Anti-Wall-Street-Demonstrationen ruft «We are change» via Facebook für Samstag zu einer Kundgebung auf.

Gieri Cavelty
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Vorbild für Schweizer Demonstranten: Die Anti-Wall-Street-Bewegung in New York. Bebeto Matthews/Keystone

Vorbild für Schweizer Demonstranten: Die Anti-Wall-Street-Bewegung in New York. Bebeto Matthews/Keystone

Die Jungsozialisten und die Jungen Grünen haben sich angeschlossen. Dass die Sonntagspresse über das Vorhaben berichtet hat, dürfte den Zulauf ebenfalls nicht schmälern – auch wenn die «SonntagsZeitung» darauf hinwies, dass der Kopf von «We are change Switzerland», der 24-jährige D. S.*, selbst Bankangestellter ist.

Nicht immer meint es die Welt so gut mit S. und Mitstreitern. Kürzlich kündigte ihnen die Stadt Zürich den Klubraum in einem Kulturzentrum. «Dies», schrieb der zuständige Beamte, «weil uns untersagt ist, an Gruppen zu vermieten, die rassistische, menschenverachtende oder die Bevölkerung stark polarisierende Inhalte vertreten.» Genau dies habe «We are change» mit Äusserungen zu Judentum und Israel indes getan.

Antizionistisch - nicht antisemitisch

Auf der Homepage von «We are change» wehrt sich S. gegen den Antisemitismus-Vorwuf. (Persönlich war er gestern nicht erreichbar.) Seine Gruppierung versteht sich als antizionistisch, nicht als antisemitisch– nicht gegen die Juden gerichtet, sondern als prinzipielle Kritikerin des Judenstaates Israel. Die auf dem Portal weiter ausbreitete Beschäftigung mit den Rothschilds offenbart dann aber zumindest eine Obsession für den bei Antisemiten beliebten Themenkreis Juden, Geld und Macht. Im Kontext Kapitalismus und Weltherrschaft steht dann auch der finanzplatzkritische Einsatz von «We are change».

Der Internetauftritt verweist noch auf weitere Abgründe. Zweifel an der offiziellen Geschichtsschreibung über die Anschläge vom 11.September 2001 werden geäussert. Und zum Massaker in Norwegen von diesem Juli wird die These in den Raum gestellt, die Nato könnte dahinterstecken.

Verbündete ganz links, ganz rechts

Ein partieller politischer Weggefährte Schribers ist SVP-Nationalrat Lukas Reimann. S. sitzt im Komitee von Reimanns Volksinitiative für mehr Transparenz in der Politik. Auf den St.Galler Parlamentarier macht S. nicht den Eindruck eines irren Verschwörungstheoretikers. «Er stellt sich einfach Fragen, die sich die meisten – ich inklusive – nicht stellen. Das ist legitim.» Die geplante Aktion auf dem Paradeplatz jedenfalls ist für Reimann weniger verständlich als Schribers übriges Wirken: «Mit der Demonstration lässt er sich vor den Karren der Linken spannen.»

Auf Distanz zum Weltbild von «We are change» geht umgekehrt Juso-Präsident David Roth. Gleichwohl sieht er keinen Grund, auf eine Zusammenarbeit im Hinblick auf Samstag zu verzichten. «‹We are change› wird überschätzt», sagt Roth. «Die Organisation hat so gut wie keine Mobilisierungskraft. Kein Mensch wird am Ende von einer ‹We are change›-Kundgebung sprechen.» So locker sich Roth gibt – bei einem ersten Vorbereitungstreffen sind sich Juso und S. in die Haare geraten. «We are change» besteht darauf, während der Kundgebung als einzige Organisation ihr Logo zeigen zu dürfen. An einer weiteren Sitzung von heute Montag wird das Thema noch einmal behandelt.

Doch woran liegt es, dass ein eigenwilliges Grüppchen wie «We are change» überhaupt in die Lage kommt, die Führerschaft bei einem prominenten Thema für sich beanspruchen zu können? Oliver Classen von der Entwicklungshilfeorganisation Erklärung von Bern ortet ein Vakuum an der Spitze dessen, was bis vor kurzem die globalisierungskritische Bewegung war. «Die Leute beispielsweise von Attac sind älter geworden», so Classen. «Sie haben jetzt Familie und weniger Zeit.» Mit der Anti-Wall-Street-Welle aber, da ist sich Classen sicher, werde der Bewegung neues Leben eingehaucht. Die Prominenz von «We are change» sei darum bloss ein Übergangsphänomen.

*Name der Redaktion bekannt

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