Kosten

Die teure Ärzte-Flut: Ambulante Behandlungen steigen übermässig stark

Wie viele Augenärzte braucht die Schweiz?

Wie viele Augenärzte braucht die Schweiz?

Der Trend geht weiter: Die Krankenkassenprämien steigen auch in Zukunft an. Und eine Wende ist nicht in Sicht. Die Zahl der Spezialärzte wächst weiterhin kräftig, obwohl Hausärzte gefragt wären.

Für alle, die im 2016 höhere Kassenprämien bezahlen müssen, folgt eine weitere schlechte Nachricht: Eine Kehrtwende ist nicht in Sicht. Die neuesten Zahlen des Bundesamtes für Statistik sowie die aktuellen Daten des Krankenkassen-Monitorings (Mokke) zeigen weiterhin nur in eine Richtung: nach oben.

Pro versicherte Person haben Krankenkassen 2015 Fr. 302.98 im Monat ausgegeben – 3,8 Prozent mehr als im 2014. Allerdings ist das Kostenwachstum ungleich verteilt: Während es in Spitälern etwas gebremst werden konnte, stieg es für Arztbehandlungen überdurchschnittlich stark, um 6,2 Prozent. In einzelnen Kantonen bis 13 Prozent.

Jeder gegen jeden
Auf die schlechte Nachricht, dass die Kosten im ambulanten Bereich steigen, folgt der Ansatz einer guten Nachricht: Die Politik arbeitet an einem Gesetz, um die Zulassung von Praxis-Ärzten zu steuern – und damit auch die Kosten zu bremsen.

Nur: Die verschiedenen Player im Gesundheitswesen sind sich uneins, was zu tun ist. Die Krankenkassen wollen den heute geltenden Vertragszwang auflösen. Sie wären dann nicht mehr gezwungen, mit allen Ärzten Verträge abzuschliessen – und könnten sich auf jene beschränken, die wirtschaftlich arbeiten. Dem Ansinnen werden wenig Chancen zugerechnet: Die freie Arztwahl ist eine heilige Kuh.

Ein zweiter Vorschlag kommt vom Bundesrat, der den Kantonen die Steuerung des ambulanten Bereichs überlassen will. Abgesehen davon, dass die Kantone bereits über die Spitalplanung entscheiden, ist den Ärzten jegliche Steuerung zuwider.

Das Provisorium als Lösung
Ganz ohne Regeln – wie es sich die Ärzte wünschten – funktioniert das System dann aber doch nicht. Im Kanton Genf vervielfachte sich die Zahl der Zulassungen, als 2012 der Stopp aufgelöst wurde.

Die Genfer SP-Ständerätin Liliane Maury Pasquier warnte bereits ein Jahr danach vor den Kosten, welche die Zulassungswelle verursachen würde – und verwies auf Genf, das 2012 fast drei Mal mehr Ärzte zuliess als in den acht Jahren zuvor: «Das bedeutete 533 Anfragen, von welchen 76 Prozent Spezialisten waren, unter ihnen viele Psychologen und Radiologen.»

Was Maury Pasquier in Genf feststellte, bestätigt nun eine gestern veröffentlichte Analyse des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums. Zu Zeiten des Zulassungsstopps (2002–2011) stieg die Dichte der Spezialärzte um 0,5 Prozent pro Jahr.

Nach dessen Auflösung, also zwischen Januar 2012 und Juni 2013, wuchs sie um 6,1 Prozent. In jener Zeit gingen rekordverdächtige 2148 Praxisgesuche ein. Dabei ist höchst umstritten, ob es weitere Spezialärzte braucht. Eigentlich wären Hausärzte gefragt. Deren Zahl wuchs aber kaum, sie stabilisierte sich.

2013 reagierte das Parlament auf die Flut an Zulassungen mit einer Übergangslösung: Wer nicht wenigstens drei Jahre an einem Schweizer Spital gearbeitet hat, darf keine Praxis eröffnen. Es war der kleinste gemeinsame Nenner, den das Parlament finden konnte.

Versprochen wurde eine bessere Regel. Doch wie es aussieht, wird das Provisorium am Montag ins Gesetz übertragen. Und das obwohl die Dichte der Spezialärzte und die Kosten im ambulanten Bereich kräftig wuchsen.

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