Im luzernischen Zell ist die christdemokratische Welt an diesem Donnerstagnachmittag in Ordnung. Gegen 300 Personen strömen lieber in die Martinshalle, als draussen das sonnige Wetter zu geniessen. Eingeladen hat die CVP 60 plus, zuerst interviewt die Moderatorin die Kandidaten und Kandidatinnen, die für Luzern im Herbst die Farbe orange ins Eidgenössische Parlament tragen wollen. Für musikalische Intermezzos sorgt Sängerin Heidi Happy.

Der eigentliche Star des Nachmittags ist aber Doris Leuthard. Sie erscheint in Begleitung ihrer Mutter Ruth – und ist wohl der Grund für den grossen Publikumsaufmarsch. Die neo-alt-Bundesrätin, während Jahren Lichtgestalt der Partei, macht für ein paar Momente vergessen, dass die CVP notorisch an Wählerschwund leidet. Gemäss jüngsten Umfragen werden die Christdemokraten am 20. Oktober sogar von den Grünen überflügelt. Ein herber Schlag für die CVP, deren Wähleranteil zu ihren Glanzzeiten bei mehr als 20 Prozent lag. Der Zeitgeist begünstig nun aber die Parteien mit der richtigen Parteifarbe. Nach den Krankenkassenprämien ist der Klimawandel das dringlichste Thema. Greta ist überall. Und das kommt der CVP nicht unbedingt entgegen. Doch Leuthard impfte der CVP-Familie Zuversicht ein. «Ich bin gerne zu Ihnen gekommen, weil es um etwas geht. Und ich hoffe, dass sie wissen, wie man gescheit wählt — nämlich unsere Partei.»

Auch die CVP ist eine Klimapartei

Gleich zu Beginn ihres Referats platzierte die frühere Umweltministerin einen Seitenhieb gegen die Parteien im Umfragehoch. In den letzten Jahren habe sie sich intensiv mit Energie- und Klimafragen befasst. «Wenn ich jetzt höre, dass alles nur noch grün und grünliberal sein soll, und diese Parteien auch noch von meiner Arbeit profitieren, dann regt das mich gerade ein bisschen auf», sagte Leuthard, unter deren Ägide die Schweiz das Pariser Klimaabkommen ratifiziert hat.

Noch im letzten Dezember betonte Leuthard, sie werde nach ihrer Amtszeit von der politischen Ebene verschwinden. Doch 2019 ist Wahljahr. Da ist es verlockend, eine populäre Politikerin, die als Bundesrätin fast jede Volksabstimmung gewann, für den Wahlkampf einzuspannen. Also fragte sie Parteipräsident Gerhard Pfister, ob sie nicht ein paar Mal auftreten könnte. Und ergo erklärte sich Leuthard bereit, drei Termine wahrzunehmen. Als Klimabotschafterin quasi. Und Fachreferentin. Unter anderem in Zell. Für die CVP, so Leuthard, habe sie eine Ausnahme gemacht. 

Gekonnt jonglierte sie mit Zahlen und Grafiken zum CO2-Ausstoss und anderen klimarelevanten Daten. Süffisant bemerkte sie, dass die FDP beim CO2-Gesetz jetzt ihre Meinung geändert habe. Noch im letzten Dezember wurden die Freisinnigen mitverantwortlich gemacht für das Scheitern der CO2-Vorlage. Lenkungsabgaben auf Treibstoff hält Leuthard für ein durchaus sinnvolles Instrument.

Wenn man aber einen Liter Benzin um 20 Rappen verteuern wolle wie die Grünliberalen, dann müsse man erklären, was das für die Haushalte, für die Randregionen bedeute. «Am Schluss müssen die Massnahmen auch für Menschen mit knappem Budget und die Wirtschaft verträglich sein.» Leuthard propagierte — wen wundert's — einen Lösungsansatz der CVP, nämlich die peripheren Gebiete zu entlasten.

Leuthard trug einen Hauch von Aufbruchstimmung nach Zell. Der Applaus für ihren Vortrag hallte lange durch die Martinshalle. Doch reicht das, um das Ruder bis zu den Eidgenössischen Wahlen herumzureissen? Wenigstens den Besitzstand zu wahren? «Um die Sitzzahl mache ich mir keine Sorgen. Im Ständerat bleiben wir die Nummer eins», prophezeit Leuthard. Auch im Nationalrat werde die CVP ihre Anzahl Mandate halten können. Leuthard, die Mutmacherin.