Sarnen OW

Drogennacht mit Heroin und Schlafmitteln: Arzt in Nothilfeverfahren freigesprochen

Zwei Freunde konsumieren einen Drogenmix aus Alkohol, Schlafmitteln und Heroin. (Symbolbild/Archiv)

Zwei Freunde konsumieren einen Drogenmix aus Alkohol, Schlafmitteln und Heroin. (Symbolbild/Archiv)

Ein Obwaldner Arzt hat nicht die Nothilfe unterlassen, als er vor fünf Jahren keine Ambulanz zu einem Ratsuchenden schickte, bei dem zu Hause ein junger Mann unter Drogen nicht aufwachte. Das Kantonsgericht sprach den Mediziner am Donnerstag frei.

Der Fall erinnert an eine Szene aus dem Tarantino-Streifen "Pulp Fiction": Zwei Freunde konsumieren in einer Samstagnacht im September 2013 einen Drogenmix aus Alkohol, Schlafmitteln und Heroin. Danach legen sie sich im Haus des Vaters des einen Mannes schlafen. Am nächsten Tag vermögen weder der Vater noch der Sohn den damals 24-jährigen Freund zu wecken.

Nun kommt ein Obwaldner Hausarzt ins Spiel, der an jenem verhängnisvollen Sonntag in der Notfallabteilung des Kantonsspitals Dienst tat. Der heute 80-jährige Vater sagte vor Gericht aus, er sei gegen 15 Uhr ins Spital gefahren, um einen Arzt zu rufen. Es sei alles "etwas panisch" gewesen. Er habe gewusst, dass sein Sohn Drogen konsumierte und Kenntnis davon gehabt, dass die beiden Dormicum einnahmen.

"Ich wollte, dass ein Arzt kommt, um zu schauen, ob der Freund tief schläft oder im Koma liegt." Der Angeklagte habe ihm sodann gesagt, der Patient werde wahrscheinlich aufwachen, er solle etwa bis 20 Uhr warten. "Wenn es bis dann nicht besser wird, rufen sie den Rettungswagen."

"Normalerweise mischen die das"

Er habe vermutet, dass auch Heroin im Spiel sei. "Normalerweise mischen die Dormicum mit Heroin", sagte der Mann, der als Zahnarzt tätig war.

Heroin habe der ihm unbekannte Mann in dem kurzen, informellen Gespräch, das auf dem Gang im Spital stattgefunden habe, nie erwähnt, gab der heute 58-jährige Angeklagte vor dem Richter zu Protokoll. Es sei zuerst bloss um die Frage gegangen, wie lange ein Jugendlicher schlafen könne, da dieser schon zwölf Stunden schlafe.

Im ersten Moment habe er dem Mann geraten, er solle eine Ambulanz rufen, damit man den Betroffenen untersuchen könne. Darauf habe dieser gesagt, der Schlafende sei im Ausgang gewesen, habe Alkohol getrunken und ein Schlafmittel genommen. Harten Drogen seien keine im Spiel.

Genau damit habe er den Angeklagten mutmasslich getäuscht, argumentierte dessen Verteidiger, der einen Freispruch vom Vorwurf der Unterlassung der Nothilfe forderte. Die Staatsanwaltschaft hatte für diesen Tatbestand eine bedingte Geldstrafe und eine Busse gefordert.

Am Abend alarmierte der Vater schliesslich selber die Ambulanz, der Bewusstlose kam in kritischem Gesundheitszustand ins Spital. Er lag danach eine Woche im Koma und verbrachte mehrere Wochen in der Reha.

Nichts von Lebensgefahr gewusst

Das Gericht sprach den Beschuldigten frei. Er hätte gewusst haben müssen, dass eine Lebensgefahr besteht. Doch das sei nicht erstellt, begründete der Kantonsgerichtspräsident.

Eine fahrlässige Begehung dieses Delikts sei nicht möglich. Auch habe der Arzt nicht gewusst, dass Heroin oder Dormicum im Spiel waren. Ein Vorwurf der Unterlassung wäre überdies für einen Arzt auch hinsichtlich des Eides gravierend. Der Angeklagte sagte vor Gericht, als er vom Schicksal des Opfers erfahren habe, sei er sehr betroffen und verunsichert gewesen.

Die Privatklägerschaft in Person des Opfers wurde auf den Zivilweg verwiesen. Die Gerichtsgebühr von über 4000 Franken gehen zu Lasten des Kantons, dieser zahlt zudem dem Beschuldigten eine Prozessentschädigung von 16'000 Franken. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Der Anwalt des Geschädigten brachte vor, es gehe hier nicht darum, wie sich der Vater verhalten habe, sondern was der Angeschuldigte wusste, und wie er sich verhalten habe. "Man gewinnt den Eindruck, der Angeklagte wolle sein Nichthandeln damit entschuldigen, dass auch der Ratsuchende die Angelegenheit für harmlos einschätzte." Aber ein Fachmann könne sich nicht darauf berufen, wie ein Laie die Situation einschätze.

Verfahrensfehler der Staatsanwaltschaft

Nichts liege seinem Mandanten ferner, als medizinisch nicht zutreffende Auskünfte zu geben, konterte die Verteidigung. Er sei aber darauf angewiesen, dass ihm die Patienten oder Informanten korrekte Angaben machten. Genau das sei nicht passiert. Vielmehr habe sich der ratsuchende Vater "perfid und hinterlistig" gegenüber dem Angeklagten verhalten.

Der Vater habe viel zu verlieren gehabt, da er duldete, dass sein Sohn mit einem Kollegen in seinem Haus Drogen konsumierte. Alles was er tun würde, hätte unweigerlich ein Strafverfahren ausgelöst. Der Mann habe sich auch in seinen Aussagen widersprochen. Zudem kritisierte der Verteidiger die Staatsanwaltschaft, die 2015 die Beweiserhebung wegen Verfahrensfehler wiederholte.

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