Drohendes Unheil
Die Schweiz rüstet sich für den Strommangel – neue Initiative fordert gar eine autarke Stromversorgung

Die Schweiz bereitet sich auf das Risiko Strommangel vor: Offizielle Pläne zeigen, wie dann Firmen kontingentiert würden. Die Zuger FDP lanciert jetzt allerdings eine Initiative, die solche Szenarien verhindern will. Sie fordert, dass die Schweiz bis 2050 quasi allen ihren Storm selbst produzieren kann.

Lucien Fluri 9 Kommentare
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Valentin Flauraud/Keystone

Das Thema bewegt auch die Schweiz: In Teilen Chinas herrscht eine Strommangellage und die Industrieproduktion steht deswegen still. Die Frage steht im Raum: Ist das auch hierzulande möglich?

Ausgeschlossen ist das nicht. Die Gefährdung gilt gar als realistisch. In der Risikoanalyse des Bundes figuriert eine länger andauernde Strommangellage noch vor einer Pandemie, einem Ausfall des Mobilfunknetzes und vor Cyberangriffen. Die Schäden wären gross. Und die Gefahr ist in den vergangenen Jahren nicht geringer geworden. Denn einerseits wird die Schweiz künftig - ebenso wie die umliegenden Länder - viel mehr Strom benötigen: Sie will schliesslich bis 2050 vom Öl wegkommen und CO2-neutral werden. Dazu sollen etwa Elektroautos Benziner ersetzen.

Gleichzeitig aber werden wohl in den 2030er-Jahren die Atomkraftwerke abgestellt, in Deutschland schon früher – und der Ausbau der erneuerbaren Energien wie der Photovoltaik geht hierzulande nicht so rasch wie geplant vorwärts. Dies wird zur Folge haben, dass die Schweiz nach 2030 im Winterhalbjahr in grossem Mass auf Stromimporte angewiesen ist. Doch auch da gibt es ein Problem: Der Import von ausländischem Strom könnte dereinst bei europaweiten Problemen nicht mehr so reibungslos funktionieren wie heute. Denn nach dem Verhandlungsabbruch über das Rahmenabkommen ist völlig unklar, wie gut die Schweiz in den europäischen Strommarkt eingebunden sein wird.

Behörde stellt Papier vor: Schlimmstenfalls drohen Kontingentierungen

Im Hintergrund werden deshalb ernsthafte Überlegungen angestellt, um auf eine solche Notlage vorbereitet zu sein. Am Donnerstag hat die Organisation für Stromversorgung in ausserordentlichen Lagen ein Papier veröffentlicht, das festlegt, wie bei einem akuten Strommangel vorgegangen werden soll. In diesen Tagen informieren rund 600 Verteilnetzbetreiber die rund 30'000 Grossverbraucher über die Massnahmen.

Die Organisation ist in Bundesauftrag und unter dem Segel des Verbandes der Schweizer Elektrizitätsunternehmen tätig. Das Papier ist ein Aufruf an die Grossverbraucher, sich bereits jetzt für den Ernstfall Gedanken zu machen und Vorbereitungen für allfällige Stromkontingentierungen zu treffen. Denn käme es wirklich zum Ernstfall, dann müsste auch die Schweizer Industrie mit Einschränkungen rechnen. Unternehmen mit mehr als 100 MWh Bezug pro Jahr müssten ihren Verbrauch um 5 bis 15 Prozent senken. Die Vorbereitung liegt alleine in ihrer Verantwortung.

Vier zentrale Massnahmen listet das Papier auf: Zuerst würden Sparappelle an die Bevölkerung gerichtet; etwa die Sauna nicht mehr zu nutzen. Dann gäbe es Verbrauchseinschränkungen. So könnten Beleuchtungen zu Werbezwecken oder Rolltreppen vom Netz abgehängt werden. Als dritte Massnahmen kämen Kontingentierungen bei Grossverbrauchern zum Einsatz.

Schliesslich könnte es als härteste Massnahme auch zur stundenweisen Abschaltung von einzelnen Verteilnetzgebieten kommen, wobei dieser Punkt nach aller Möglichkeit verhindert werden soll. Über die einzelnen Massnahmen müsste der Bundesrat befinden - und entsprechende Verordnungen erlassen, etwa für Kontingentierungen.

Zuger FDP lanciert Initiative: Schweiz soll stromautark werden

So weit allerdings soll es gar nicht kommen, findet die Zuger FDP. Die Kantonalpartei lanciert deshalb nun eine schweizweite Volksinitiative, die sich die Sicherheit der Schweizer Stromversorgung auf die Fahnen geschrieben hat. Das Ziel des Volksbegehrens: Bis 2050 soll die Schweiz eine lastgerecht autarke Elektrizitätsversorgung erhalten. Das heisst: «Die Versorgungssicherheit muss zu jedem Zeitpunkt gewährleistet sein, unabhängig vom Handel mit dem Ausland», sagt Kantonalparteipräsident Cédric Schmid. Strommangellagen, Blackouts und Netzschäden sollen so verhindert werden. «Das Problem ist akut», sagt Schmid. Und weiter:

Cédric Schmid, Präsident der Zuger FDP.

Cédric Schmid, Präsident der Zuger FDP.

Bild: chm
«Sorgen wir nicht umgehend dafür, dass auch zu Spitzenzeiten, im Winter oder bei internationalen Krisen stehts ausreichend Elektrizität vorhanden ist, drohen enorme wirtschaftliche Ausfälle.»

Dass eine Kantonalpartei eine solche Initiative lanciert, ist aussergewöhnlich. Ein Grund dafür ist der Standort Zug, der sich als Crypto Valley einen Namen gemacht hat. Die Stromversorgung sei für die Dienstleistungs- und Informationsbranchen besonders zentral, sagt Schmid. Die Initiative komme direkt von der Parteibasis; interessierte Mitglieder hätten sich intensiv mit dem Thema befasst.

Mit der Debatte um neue Kernkraftwerke, die kürzlich in Teilen des bürgerlichen Lagers aufgeflammt ist, habe die Initiative allerdings nichts zu tun, betont Schmid: «Es ist nicht unsere Ambition, Kernkraftwerke zu bauen.» Nicht nur sei der entsprechende Volksentscheid zu respektieren. Ein neues AKW wäre auch aus Sicht der Branche nicht rentabel.

Das Ziel ist ambitioniert: «Wir müssen Gas geben»

Ins Detail geht die Initiative nicht, wie der nötige Ausbau der Infrastruktur angegangen werden soll. Das Volksbegehren will die konkrete Ausgestaltung dem Bundesrat überlassen, etwa bei der Frage, mit welcher Technologie und mit welchen finanziellen Mitteln das Ziel erreicht werden kann. «Die Initiative ist bewusst technologieoffen formuliert», sagt Schmid. Klar ist für ihn auch: Es muss rasch gehen und die Bewilligungsverfahren müssen schneller – oder partizipativer werden, um langwierige Einspracheverfahren zu verhindern.

Zwar diskutieren Bundesrat und Parlament derzeit bereits intensiv, wie die Schweizer Stromversorgung ausgebaut werden soll. Mit den Plänen des Bundesrates werde das Problem nicht rasch genug gelöst, begründet Schmid die Initiative. «Insbesondere für das Problem der Stromspitzen im Winter ist keine Lösung in Sicht.» Dort wären jeweils grosse Importmengen nötig.

Mit Blick auf den derzeit schon hapernden Ausbau der erneuerbaren Energien: Sind die Ziele einer autarken Stromversorgung nicht äusserst ambitioniert? «Wir glauben, dass das Ziel realisierbar ist», sagt Schmid. «Denn das Problem ist dringend und die richtigen Lösungsschritte müssen so rasch wie möglich eingeleitet werden.» Beginnen soll die Unterschriftensammlung im Frühling 2022.

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Philipp Bösiger

Es ist endlich ein anderes Tempo bei der Umsetzung der Energiewende nötig. Dazu muss man auch wissen: wer Windkraftwerke verhindert, wird AKWs oder Gaskraftwerke erhalten. Schauen wir mal über die Grenze: Österreich, ein Land mit vergleichbarer Topografie und wie die Schweiz auch tourismusorientiert, wird bis in wenigen Jahren 25% des Strombedarfs durch Windkraft decken. Weshalb ist das bei uns nicht möglich? Dazu die Hemmnisse bei Fassaden-PV, die vor allem auch im Winter gut produzieren. In den meisten Kantone und deren Gemeinden sind Photovoltaikanlagen auf Neubauten immer noch nicht vorgeschrieben; und das im Jahr 2021 und obwohl PV mit Eigenverbrauch sehr rentabel betrieben werden können. Dies zum zum Vorteil der Bewohnenden, des Gewerbes und der Investoren. Stattdessen werden in Bürokratie-Bern immer neue gesetzliche Hemmnisse ausgebrütet, um die Zusammenschlüsse zum Eigenverbrauch zu verkomplizieren und damit potentielle Investoren zu verunsichern. So wirds nix mit der Energiewende, Leute.

Edy Breuss

Am Liebsten sind mir AKWs. Vor 50 Jahren lebten in der Schweiz 6'103 Millionen Menschen. Heute sind es weit über 8'545 Millionen. (Stand 2019) Wenn wir nicht im Dunkeln  leben wollen gibt es nur ein Ziel. AKWs. Alles andere wäre Harakiri.

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