Ein dunkles Kapitel in der Schweizer Geschichte: das grosse Geschäft mit den Babys aus Sri Lanka

Ein Bericht zeigt auf, wie die Schweizer Behörden bei Adoptionen aus Sri Lanka jahrelang versagten - und so viel Leid verursachten.

Dominic Wirth
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Sarah Ramani Ineichen hat ihre Mutter trotz jahrelanger Suche nicht gefunden.

Sarah Ramani Ineichen hat ihre Mutter trotz jahrelanger Suche nicht gefunden.

Bild: Severin Bigler

Es ist noch nicht lange her, da sollte der Sohn von Sarah Ramani Ineichen einen Stammbaum seiner Familie basteln, der Lehrer hatte ihm das so aufgetragen. Also bastelte der 13-Jährige, klebte ein Bild seines Vaters auf ein Plakat und daneben eines seiner Mutter. Auf der Seite des Vaters folgten noch viele weitere Bilder. Auf der Seite der Mutter malte er viele schwarze Kästchen mit Fragezeichen.

Ineichen kam 1981 als Baby aus Sri Lanka in die Schweiz, sie wurde adoptiert von einem Ehepaar aus dem Kanton Nidwalden. Ihre leiblichen Eltern hat sie nie gefunden, obwohl sie seit vielen Jahren nach ihnen sucht. Doch die Spuren führen ins Leere, weil bei ihrer Adoption nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist, die Unterlagen fehlerhaft sind. Den Namen ihrer leiblichen Mutter kennt Ineichen bis heute nicht. «Mein Recht auf Identität - und das von vielen anderen Adoptierten aus Sri Lanka - wurde verletzt», sagt Ineichen, die am Sonntag ihren 39. Geburtstag feierte, wobei sie nicht weiss, ob das tatsächlich der Tag ist, an dem sie geboren wurde. Sie präsidiert den Verein «Back to the Roots», der Betroffenen eine Stimme gibt.

Ein Schweizer Skandal gewinnt Konturen

Die Geschichte von Ineichen wirft ein Schlaglicht auf einen Schweizer Skandal, der immer mehr an Konturen gewinnt. Es geht um hunderte Adoptivkinder, die insbesondere in den 1980er-Jahren aus Sri Lanka in die Schweiz kamen. Schon länger war bekannt, dass viele Adoptionen unter fragwürdigen Bedingungen erfolgten. Jetzt liegt ein detaillierter Bericht vor, den das Bundesparlament vor gut zwei Jahren in Auftrag gegeben hat. Erstmals wurden dafür Akten verschiedener Behörden ausgewertet. Der Bericht enthüllt, wie diese versagten, weil sie wegschauten. Und wie sie, schlimmer noch, oft fehlerhafte Angaben und Unterlagen akzeptierte. Und damit geltendes Recht nicht einhielten.

Die Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften liefert auch neue Zahlen dazu, wie viele Kinder zwischen 1973 und 1997 von Schweizer Ehepaaren adoptiert wurden. Insgesamt wurden in diesem Zeitraum 950 Einreisebewilligungen an sri-lankische Pflegekinder im Hinblick auf eine spätere Adoption ausgestellt. Es ist zwar nicht klar, ob es in allen Fällen zu einer Adoption kam; die Einreisebewilligungen liefern aber einen Anhaltspunkt zur Grössenordnung.

In Sri Lanka entstand in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre ein «regelrechter Adoptionsmarkt», wie es im Bericht heisst. Ein Netzwerk von Agenten und Anwälten vermittelte sri-lankische Adoptivkinder in europäische Länder – ein lukratives Geschäft. Schweizer Paare bezahlten für die Adoptionsvermittlung 5000 bis 15’000 Franken. Medien berichteten in den 1980er-Jahren mehrfach über Baby-Farmen, in denen Frauen genötigt oder gezwungen wurden, ein Kind auszutragen und wegzugeben.

Aus dem Bericht geht hervor, dass die Bundesbehörden stets über diese Vorgänge im Bild waren; verschiedene Schweizer Botschafter meldeten sie aus der sri-lankischen Hauptstadt nach Bern. Zudem berichteten nationale und internationale Medien über den Kinderhandel. Dennoch schaute man in Bern weg. Der Bund verhängte keinen Adoptionsstopp aus Sri Lanka, und er verzichtete auch darauf, sein Beschwerderecht zu nutzen und bei den kantonalen Behörden zu intervenieren.

In St. Gallen war kein einziges Dossier komplett

In den Kantonen war man dafür zuständig, Adoptionen in der Schweiz zu erlauben. Und sie erteilte den Stellen, die internationale Adoptionen vermittelten, eine Bewilligung. Teilweise waren diese mit dubiosen Figuren aus dem sri-lankischen Kinderhandelsnetz verbandelt, allen voran die St. Gallerin Alice Honegger, die allein zwischen 1979 und 1982 insgesamt 270 Kinder aus Sri Lanka in die Schweiz vermittelte. Trotzdem verzichteten die St. Galler Behörden darauf, Alice Honegger die Bewilligung dauerhaft zu entziehen. Doch das war nicht ihr einziges Versagen. Laut einer Stichprobe, die für die Studie vorgenommen wurde, fehlten in sämtlichen Adoptionsdossiers zentrale und gesetzlich vorgeschriebene Dokumente.

So waren in 11 von 28 untersuchten Fällen die Einverständniserklärung der leiblichen Eltern nicht vorhanden. Auch Bern und Genf nahmen es mit der Einhaltung der Gesetze nicht so genau, wie die Studie zeigt. Wie andere Kantone arbeiteten, ist nicht erforscht - und damit bleibt auch das ganze Ausmass des staatlichen Versagens noch offen.

Aufarbeitung: Das soll jetzt passieren

Vertreter von Bund und Kantonen versuchten gestern gar nicht erst, das staatliche Versagen bei den Adoptionen aus Sri Lanka kleinzureden. Joëlle Schickel vom Bundesamt für Justiz sagte, aus heutiger Sicht sei die Inaktivität des Bundes «schwierig zu verstehen».

Bund, Kantone und Betroffene wollen nun eine Arbeitsgruppe einrichten, welche Betroffene bei der Herkunftssuche unterstützen soll. Wie genau diese Hilfe ausgestaltet sein wird und ob etwa, wie von der Betroffenenorganisation «Back to the Roots» verlangt, auch DNA-Tests für Adoptierte und suchende Mütter unterstützt werden, ist noch offen.

Nur die Spitze des Eisbergs

«Back to the Roots» fordert weiter, dass die Schweizer Adoptionspraxis im ganzen Land aufgearbeitet wird. Bisher liegen erst Ergebnisse aus drei Kantonen vor. Auch sollen sich die Behörden «für das erfahrene Unrecht» entschuldigen, so Sarah Ramani Ineichen. Der Bundesrat wird in der zweiten Jahreshälfte mit einem eigenen Bericht über das weitere Vorgehen informieren.

Dort soll auch thematisiert werden, ob es weitere Nachforschungen zur Schweizer Adoptionspraxis gibt. Denn der neue Sri-Lanka-Bericht legt den Schluss nahe, dass diese Fälle nur die Spitze des Eisbergs verkörpern. Für Indien etwa erteilte der Bund im gleichen Zeitraum dreimal so viele Einreisebewilligungen für künftige Adoptivkinder. (dow)