Coronakrise

Ein einseitiger Film gegen die «Panikmache» – Eindrücke zum Corona-Film von Ex-SRF-Moderator Brennwald

Filmemacher Reto Brennwald im Gespräch mit Ex-Bundesseuchenchef Daniel Koch.

Filmemacher Reto Brennwald im Gespräch mit Ex-Bundesseuchenchef Daniel Koch.

Der ehemalige SRF-Moderator lässt Kritiker der Corona-Massnahmen ausführlich zu Wort kommen. Der Film dürfte zum Hit unter den «Coronarebellen» werden.

Der Dokumentarfilm von Reto Brennwald gab schon zu reden, bevor er erschienen ist. Der ehemalige SRF-Arena-Moderator bewarb ihn auf der Bühne einer Demonstration gegen Corona-Massnahmen.

Nun ist der Film da. Er feiert am Freitagabend in einem Eventlokal in Dübendorf Premiere. Am Freitagmorgen zeigte Brennwald das Werk vor Medienschaffenden und stellte sich der Diskussion. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zum Corona-Film mit dem Titel «Unerhört».

Um was geht es im Film «Unerhört»?

Der Film nimmt das Publikum zurück zum Moment, als in der Schweiz die ausserordentliche Lage ausgerufen wird. Als erstes sieht man Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga, wie sie der Bevölkerung den Ausnahmezustand verkündet. Verteidigungsministerin Viola Amherd mobilisiert die Armee. Ein Armee-Kader schwört von der Motorhaube eines Jeeps die Soldaten auf den Ernstfall ein. Es sei ein Kriegseinsatz.

Dieser Lockdown, der im März verkündet wurde, steht im Zentrum des Filmes. Brennwald wirft die Frage auf, ob dieser verhältnismässig war. Zudem bezichtigt er Medien der «Panikmache». Sie hätten zu sehr steigende Zahlen und spektakuläre Bilder ins Zentrum gerückt.

Brennwald streut zudem Zweifel, ob die ergriffenen Massnahmen wie Schulschliessungen oder Besuchsverbote in Altersheimen verhältnismässig seien. Zum Schluss des Filmes wird die These formuliert, dass die Bevölkerung durch das eigene Abwehrsystem wohl besser geschützt sei als bisher angenommen.

Wer kommt vor im Film?

Brennwald rückt die Opfer der Corona-Massnahmen ins Zentrum. Der Hotelier Benjamin Styger muss sein Lebenswerk schliessen und seinen treuesten Mitarbeiter (Mohamed Thasleem) entlassen. Angehörige eines Corona-Patienten dürfen diesen nicht im Spital besuchen.

Ein Mann berichtet von einer Frau, die sich aus dem Fenster einer Gesundheitseinrichtung gestürzt habe, weil sie nicht abgeschnitten von ihren Angehörigen (Einzige Ausnahme war der Lebenspartner) Leben wollte.

Der grösste Teil des Filmes wird aber von Experten bestritten, welche von einer Überschätzung des Virus und einer Unterschätzung der Folgen Corona-Massnahmen warnen.

Warnt vor einer Überschätzung der Tödlichkeit des Virus: Nobelpreisträger Michael Levitt

Warnt vor einer Überschätzung der Tödlichkeit des Virus: Nobelpreisträger Michael Levitt

Da ist etwa der Chemiker, Biophysiker und Nobelpreisträger Michael Levitt. Er berichtet, wie er früh schon ausgerechnet habe, dass die Prognosen zur Gefährlichkeit von Corona falsch seien, damit aber kein Gehör gefunden habe. Oder Pietro Vernazza, Chefarzt Infektiologie am Kantonsspital St. Gallen, und Immunologe Beda Stadler. Sie ziehen Vergleiche zur Grippe, an der ebenfalls viele Menschen stürben. Vernazza rechnet vor, dass alleine die Corona-Tests eine Milliarde Franken kosten würden und äussert die These, dass die Immunität gegen das Virus wohl grösser sei als angenommen.

"Unerhört": Filmpremiere für Brennwalds Dokfilm zur Coronakrise

"Unerhört": Filmpremiere für Brennwalds Dokfilm zur Coronakrise

   

Der Schwyzer Mediziner Antoine Chaix staunt über ein Bild aus Italien, wo ein leeres Museum desinfiziert wurde. Er ärgert sich darüber, dass er nie eine Antwort auf seinen Brief an den Bundesrat erhalten habe, in dem er Fragen zur Verhältnismässigkeit der Massnahmen stellte.
Daniel Holtz, Facharzt für Gefässmedizin, zieht die Wirksamkeit der Corona-Tests in Zweifel. Sie würden auch bei gesunden Menschen anschlagen und darum wenig bringen. Er rät seinen Patienten davon ab.

Auch der ehemalige Seuchenexperte des Bundes, Daniel Koch, kommt vor. Seine mittlerweile berühmt Relativierung der Wirksamkeit der Masken wird abgespielt. Und er sagt, dass die Massnahmen wohl weniger strikt gewesen wären, wenn nicht das Virus zuerst in China, einem totalitären Staat, ausgebrochen wäre.

Ebenfalls zu Wort kommen Teilnehmer von Corona-Demos, die sich gegen die Einschränkungen wehren. Man sieht sie auf dem Sechseläutenplatz die Nationalhymne singen und die Verfassung schwenken.

Demonstration auf dem Sechseläutenplatz in Zürich.

Demonstration auf dem Sechseläutenplatz in Zürich.

Sukkurs erhalten sie von Andreas Kley. Der Professor für Staats- und Verfassungsrecht der Universität Zürich problematisiert, dass das Parlament dem Bundesrat zu schnell Platz gemacht habe, ohne die demokratische Kontrolle zu wahren.

Dem Deutschschweizer Publikum wenig bekannt dürfte die Schuhdesignerin Ema Krusi sein. Sie rebellierte in ihrem Geschäft in Genf gegen die Maskenpflicht. Sie kritisiert die Medien als einseitig, weshalb sie sich lieber über ihren Youtube-Kanal äussere.

Kritisiert die Medien: Schuhdesignerin Ema Krusi in ihrem Geschäft in Genf.

Kritisiert die Medien: Schuhdesignerin Ema Krusi in ihrem Geschäft in Genf.

Der Komiker Marco Rima hat ebenfalls seinen Auftritt. Er prahlt mit seinen Schwedischkenntnissen und lobt den Umgang der Schweden mit der Pandemie.

Wer kommt nicht vor im Film?

Filmemacher Reto Brennwald ist es ein Anliegen, dass die Diskussion über Corona breiter geführt wird. Im der medialen Öffentlichkeit kämen Experten, die für strengere Massnahmen plädierten, mehr zu Wort als andere. Das sei einseitig.

Sein Film ist aber mindestens so einseitig, wie angeblich «die Medien». Er lässt fast ausschliesslich Experten zu Wort kommen, welche die Coronamassnamen für übertrieben halten. Zudem ist auch die Präsentation der Aussagen wenig neutral. So hört man etwa Beda Stadler oder Daniel Koch sagen, die Masken seien kein Allerheilmittel. Man solle nicht meinen, dass man mit ihnen absolut geschützt sei. Das kann man als Argument für strengere Einschränkungen verstehen. Im Kontext des Films kommt aber vor allem die Kritik an der Maske an sich rüber.

Es hätte dem Film gut getan, wenn auch die Gegenposition vertreten wäre. Es fehlt die Perspektive von Menschen, die etwa einen Angehörigen durch Corona verloren haben. Experten, die Vernazza oder Stadler widersprächen, kommen nicht vor und auch Brennwald hält sich mit kritischen Nachfragen zurück.

Wurden die Protagonisten von «Unerhört» wirklich zu wenig gehört?

Brennwald sagt, es dürften nicht Stimmen als Coronalügner verunglimpft werden, nur weil sie anderer Meinung seien. Im Pressegespräch erwähnt er auch eine Expertin, die Angst davor habe, in seinem Film aufzutreten. Seine Kronzeugen Beda Stadler und Pietro Vernazza kamen aber in verschiedenen Medien ausführlich und wiederholt zu Wort. Es dürfte sich beim Titel «Unerhört» also vor allem um einen Marketingtrick handeln, um den Film zu bewerben.

Die vorgebrachte Kritik, zum Beispiel der Inhalt des Bundesratsbriefes von Antoine Chaix, ist aber weder neu, noch blieb er unerhört. Es wurde ausführlich im Fernsehen und in der Zeitung berichtet.

Eine zentrale These von Brennwald, dass die Ansteckungszahlen schon vor der Verhängung des Lockdowns sanken, ging ebenfalls durch die Medien.

Im Mediengespräch räumt Brennwald denn auch ein, dass sich die Kritik an den Medien vor allem auf die Anfangsphase der Pandemie beziehe. Die Diskussion sei seither vielfältiger geworden.

Ist dieser Film noch aktuell?

Der Film entstand zwischen Juni und September 2020. Es war die Zeit, als es weniger Ansteckungen gab und kaum Hospitalisierungen oder Todesfälle. Im Moment steigen die Infektionen aber rasant und auch Hospitalisierungen und Todesfälle nehmen zu. Gleichzeitig fährt die Schweiz im internationalen Vergleich ein eher lasches Corona-Regime. Die angeblich Unerhörten stehen zudem auf den medialen Bühnen. Ist dieser Film also überhaupt noch aktuell? «Ja», sagt Reto Brennwald, denn genau jetzt, wo es darum geht, wieder strengere Massnahmen zu ergreifen, müsse die Diskussion geführt werden.

Auf die aktuellen neuen Massnahmen (Maskenpflicht, Mini-Lockdown im Wallis) angesprochen hält sich Reto Brennwald mit Kritik zurück. Er sei nicht gegen die Massnahmen. Er wolle einfach, dass genau beobachtet werde, was etwas bringt und was nicht.

Ist Reto Brennwald ein Corona-Skeptiker?

Der Filmemacher zählt sich selber zu den «Massnahmenskeptikern». Er sei einer der Ersten gewesen, die im Frühling eine Maske in der Migros getragen hätten. Zum Komiker Marco Rima, der mit seinen Facebook-Videos und mit einem Auftritt bei Roger Schawinski für Kopfschütteln gesorgt hat, geht er im Mediengespräch auf Distanz. Rima komme in seinem Film zwar vor, das sei aber noch vor dem zweiten Video und dem Schawinski-Auftritt gewesen. Heute würde er Rima kritischer und ausführlicher befragen, sagt er.

Die Haltung von Brennwald im Gespräch unterscheidet sich sehr von der Haltung, die in seinem Film herüberkommt. Ohne kritische Einbettung bleiben vom Film vor allem Zweifel an jeglichen Massnahmen gegen Corona, die über Händewaschen und Abstandhalten hinaus gehen. Zudem hat er die Tonalität eines Raunens. Fehler des Bundesamtes für Gesundheit werden zu dramatischer Musik angeprangert. In einer Szene singt ein Musiker vor dem Bundeshaus etwas von «Diktatur», ohne dass dem widersprochen oder der Vorwurf begründet würde. Der Film dürfte zum Hit in der Blase der «Coronarebellen» werden.

Doch spricht man Brennwald direkt an, zieht er sich auf seine Rolle als Journalist zurück. Er stelle nur Fragen. Zu den aktuellen Einschränkungen hält er sich mit Kritik zurück. Er sagt etwa, die Maskenfrage sei noch nicht abschliessend geklärt. Er plädiere aber nicht für den Verzicht aufs Maskentragen.

Für das Podium nach der Filmpremiere hat Brennwald auch Komiker Stefan Büsser eingeladen, der sich in der Vergangenheit für Corona-Massnahmen ausgesprochen hat . Hier holt Brennwald eine Gelegenheit nach, die er im Film verpasste.

Wo wird der Film zu sehen sein und wer hat ihn bezahlt?

Der Film wird am Freitagabend zum ersten Mal gezeigt. Ab Montag soll er auf der Plattform Vimeo aufgeschaltet werden. Dort kann er zuerst gegen ein Entgelt und später gratis angesehen werden, wie Brennwald am Freitag sagte.

Finanziert wurde der Film über Kleinspenden. Die meisten Beträge seien gering (20 oder 50 Franken). Einige wenige hätten um die 1000 Franken gespendet. Der Film sei so zu zwei Dritteln finanziert, sagt Brennwald. Wie hoch genau die Produktionskosten waren, konnte er auf Nachfrage nicht sagen.

Meistgesehen

Artboard 1