Schweiz

Ein kleiner Schub für die Windkraft: Auf dem Gotthard steht nun eine Windanlage

Die Windkraftanlage auf dem Gotthard.

Die Windkraftanlage auf dem Gotthard.

Erstmals seit vier Jahren geht in der Schweiz ein neuer Windpark in Betrieb. Trotz Energiewende kommen kaum Projekte voran.

Die Masten sind gigantisch und von weitem zu sehen. 98 Meter hoch, 22 Meter im Durchmesser. Die Rotorblätter messen eine Spannweite von 92 Metern. Fünf solche Windräder stehen nun direkt an der Gotthard-Passhöhe. Sie werden künftig 15 Prozent der landesweiten Windenergie produzieren. Gestern Donnerstag erfolgte die Einweihung auf dem bereits schneebedeckten Pass. «Am Ende ist es nur ein kleiner Baustein, aber doch ein wichtiges Zeichen für den Ausstieg aus der nuklearen und fossilen Energie», sagte Roberto Pronini, Direktor der Tessiner Elektrizitätsgesellschaft (AET). Diese hält 70 Prozent der Aktien; die Industriewerke der Stadt Genf 25 Prozent. Die verbleibenden fünf Prozente gehören der Gemeinde Airolo, welche ihren Bedarf nun gänzlich mit grünem Strom decken kann. 32 Millionen Franken wurden in den Bau investiert. Es ist die erste Inbetriebnahme seit Annahme der Energiestrategie 2017 durchs Volk.

Im Alpenraum handelt es sich um die grössten Windräder. Anlagen von ähnlicher Grösser finden sich nur in der Nordsee. Wegen der Extrembedingungen auf über 2100 Metern sind die Rotorblätter zur Vermeidung von Eisbildung beheizt, Infrarotbeleuchtung macht die Windräder für Flugradar auch in der Nacht sichtbar. Sie werden künftig Strom für 4000 Haushaltungen generieren; das reicht für die Einwohner der Leventina und des Bleniotals.

Ganze 18 Jahre hat es gedauert, bis diese Windräder verwirklicht waren. Denn ihr Standort auf dem Pass war stets umstritten. Der Tessiner Heimat- schutz (Stan) sprach von einer Verschandelung der Landschaft, rekurrierte bis vor Verwaltungsgericht, blitzt dort aber ab. Schliesslich gab der Verein seinen Widerstand auf. Ein Gang vor Bundesgericht wäre zu teuer geworden. In der Sache aber sind die Vorbehalte geblieben. «Wir vergehen uns an der Landschaft, die unser wichtigstes Erbe ist», sagte Stan-Präsident Tiziano Fontana dieser Tage dem Radio RSI. Der Heimatschutz unterstütze prinzipiell erneuerbare Energien: Doch beim Gotthard-­Pass handele es sich um ein Gebiet, das ins Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder von nationaler Bedeutung sei.

Erst 0,2 Prozent des Stromanteils – Ziel wären sieben

Die ästhetischen Vorbehalte gegen Veränderungen des Landschaftsbildes führen häufig dazu, dass Windkraftprojekte in der Schweiz scheitern. Zuletzt haben sich die Stimmbürger im bernjurassischen Sonvilier ganz knapp gegen ein Windkraftprojekt entschieden. Nur fünf Stimmen machten den Unterschied. Opposition gegen Projekte gibt es im Val de Travers, gegen das Windkraftwerk auf dem Mont-­Croset bei Saint-Imier sowie in La Chaux-de-Fonds. Kantonsregierungen wie in Appenzell Innerrhoden oder in Glarus verzichteten darauf, Windparkstandorte in den kantonalen Richtplan aufzunehmen.

Das Ergebnis dieser Ob­struktion: Der Ausbau der Windenergie stockt. Der Anteil von Windkraft am Gesamtenergiebedarf verharrt auf niedrigen 0,2 Prozent. «In Sachen Windenergie sind wir ein Entwicklungsland», meint Anita Niederhäusern von der Branchenvereinigung Suisse Eole. Dabei sei diese Energieform gerade als Winterstrom sehr sinnvoll.

Tatsächlich fristet die Windkraft trotz aller Vorsätze zur Förderung erneuerbarer Energiequellen ein Mauerblümchendasein. Vor allem im Vergleich zum Ausland. So sind beispielsweise in Österreich schon 1300 Windräder im Einsatz, das sind mehr als die 1000 angepeilten Windräder im Rahmen der helvetischen Energiestrategie. Obwohl Österreich auch viel Strom mit Wasserkraft erzeugt, will es bis 2030 rund 25 Prozent des Energiebedarfs mit Windkraft stillen. Die Schweiz strebt einen Anteil von sieben Prozent an. Davon ist man momentan meilenweit entfernt. «Wir kommen nicht vom Fleck», bedauert Niederhäusern.

Meistgesehen

Artboard 1