Abstimmungen

Ein Tunnel und zwei Trams für 1 Milliarde – die Abstimmungsschlacht am Rosengarten

Täglich fahren 56'000 Autos und Lastwagen durch die Rosengartenstrasse im Zürcher Quartier Wipkingen.

Täglich fahren 56'000 Autos und Lastwagen durch die Rosengartenstrasse im Zürcher Quartier Wipkingen.

Der Abstimmungskampf um das Milliardenprojekt tobt wild, weil die Klimadiskussion den Kompromiss zwischen bürgerlichem Kanton und rot-grüner Stadt in Frage stellt.

Eigentlich hätte es ein Spaziergang werden können für die Befürworter des Rosengartentunnels. Denn eigentlich spricht alles für das Projekt. Niemand bestreitet, dass das Zürcher Quartier Wipkingen unter den 56'000 Autos und Lastwagen leidet, die täglich die Rosengartenstrasse rauf- und runterfahren.

Und für Auto-Kritiker, die Mühe haben mit dem geplanten Tunnel, bietet das 1,1-Milliarden-Projekt auch etwas: Zwei Trams sollen quietschen, wo heute Lastwagen brummen.

Zudem ist es gelungen, zwischen dem bürgerlichen Kanton und der rot-grünen Stadt einen Kompromiss zu schliessen. Für einmal scheinen alle einig. Die Kosten sind zwar für rund 700 Meter verkehrsberuhigte Strasse exorbitant. Doch es könnte gelingen, dass die Zürcher einen Teil der Kosten auf den Agglomerationsverkehrsfonds abschieben können.

© CH Media

Und nicht zuletzt haben die Befürworter des Tunnels mit der Regierungspräsidentin Carmen Walker Späh (FDP) eine Galionsfigur, die glaubhaft ist, weil sie selbst im belasteten Quartier wohnt und sich seit je für dessen Entlastung eingesetzt hat.

Trämler kritisieren geplantes Tram

Ein Spaziergang also hätte es sein können, so entspannt wie die Fussgänger in der sonnendurchfluteten Visualisierung der Befürworter. Doch mit jedem Tag, mit dem die Abstimmung vom 9. Februar näher rückt, bröckelt der Leim, mit dem die Widersprüche der unterschiedlichen Lager gekittet wurden, ein bisschen mehr.

Zuletzt kamen die Misstöne aus der Tramszene. Eigentlich gehören die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ), die dem Stadtrat unterstellt sind, zu den Befürwortern. Und manchem Trämler dürfte das Herz höher schlagen, wenn er sich vorstellt, wie ein Tram vom Albisriederplatz quer über die Hardbrücke bis an den Bucheggplatz fährt.

Doch nun ergreifen altgediente VBZler das Wort. Der einstige Vizedirektor Horst Schaffer schrieb in einem Blog, «Das Tram heiligt keinen Strassentunnel», und rechnet vor, dass Strassenbahnen bergab nur sehr langsam fahren können, die Strecke also ungeeignet sei. Zudem zieht er in Zweifel, ob die Querverbindung zwischen zwei peripheren Punkten überhaupt gut genutzt würde.

In der «NZZ am Sonntag» pflichtet ihm Heinz Vögeli, ebenfalls ehemaliger VBZ-Kader, bei. Die 1,1 Milliarden würden besser für zukunftsweisende Mobilität eingesetzt als für der Tunnel. Vor den Trämlern waren es die (Alt-)Stadträte, die sich zankten. Die aktuelle Stadtregierung diskutierte gar nicht erst mit – offiziell, weil es sich um eine kantonale Vorlage handle. Also sprangen neun ehemalige Mitglieder der Stadtregierung ein.

Darunter Ex-Stadtpräsident ­Elmar Ledergerber und die Grüne Ruth Genner, deren Partei den Tunnel bekämpft. Es handle sich um ein Generationenprojekt, das über die Stadt hinaus bedeutend sei.

Das Klima-Argument als Elefant im Raum

Dann platzte alt Stadtpräsident Josef Estermann (SP) der Kragen. An seiner Intervention kann man ablesen, warum es noch einmal spannend wird im Abstimmungskampf. Die neue Angst vor dem Klimawandel stellt den Kompromiss in Frage. Um den CO2-Ausstoss zu stoppen, müssten Verkehr und Mobilität neu gedacht werden, sagt Estermann.

Und: «Das Rosengartenprojekt schreibt eine überholte Verkehrspolitik fort. Die klimapolitischen Ziele werden ausgeblendet.» Und auch bei der Zurückhaltung des Stadtrates dürfte die Klimabewegung eine Rolle gespielt haben.

Am Sonntag entscheiden die Zürcher im ganzen Kanton, ob der ungemütliche Spaziergang doch noch ans Ziel kommt.

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