Es ist paradox: Elektro- und Hybridautos fahren bei tiefen Geschwindigkeiten praktisch geräuschlos. Die Bevölkerung wird damit vom Verkehrslärm entlastet. Doch dem Bund sind die Elektroautos zu leise. Künftig müssen sie mit Lautsprechern ausgerüstet werden, die ein Motorengeräusch von sich geben. Das Geräusch muss bis zu einer Geschwindigkeit von 20 km/h abgespielt werden, danach übertönt der Lärm der Pneus auf dem Strassenbelag ohnehin den Motorenlärm. Ab diesem Juli gilt die Regelung für neu zugelassene Fahrzeugtypen, ab Juli 2021 für alle ab diesem Zeitpunkt immatrikulierten Fahrzeuge. Autos, die bereits im Verkehr sind, sind nicht betroffen.

Der Luzerner CVP-Ständerat Konrad Graber kann darob nur den Kopf schütteln. «Es grenzt doch an Schizophrenie», schreibt er in einem neuen Vorstoss, «künstlich Lärm zu produzieren, wenn doch bereits der bestehende Lärm gesundheitsschädigend und stressfördernd wirkt.» Tatsächlich ist in der Schweiz jede siebte Person schädlichem Verkehrslärm ausgesetzt. Und dies, obwohl bereits Unsummen in Lärmschutzmassnahmen wie spezielle Strassenbeläge oder besonders dichte Fenster investiert worden sind.

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Für die Einführung der Lärmpflicht gibt es zwei Gründe: Erstens passt die Schweiz ihre Vorgaben an jene der EU an. «Die Genehmigung von neuen Fahrzeugtypen würde sonst kompliziert und teuer», sagt Guido Bielmann, Mediensprecher beim Bundesamt für Strassen. Zweitens reagieren die Schweiz und die EU damit auf Sicherheitsbedenken. Denn geräuschlose Autos werden von Fussgängern nicht oder zu spät wahrgenommen. Dadurch steigt das Unfallrisiko. Eindeutig statistisch nachgewiesen ist der Zusammenhang allerdings noch nicht, wie die Beratungsstelle für Unfallverhütung in einer Publikation schreibt. Klar sei, dass Sehbehinderte von einem künstlich erzeugten Fahrzeuggeräusch stark profitieren könnten. Der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband begrüsst die Änderung. Die Sicherheit und Selbstständigkeit von Personen mit Seheinschränkungen im Strassenverkehr werde gesteigert, so Joel Favre, Verbandsexperte für Strassensicherheit.

«Geräusch ist relativ leise»

Konrad Graber lässt die Einwände nicht gelten. «Fussgänger müssen sich ohnehin daran gewöhnen, dass immer mehr geräuschlose Fahrzeuge unterwegs sind», sagt Graber mit Verweis auf den E-Bike-Boom.

Weniger Freude an der neuen Regelung hat auch Peter Ettler, Präsident der Lärmliga Schweiz. Er hat zwar ein gewisses Verständnis für das Anliegen des Blindenverbandes. Der vorgegebene Grenzwert sei aber viel zu laut. Dieser ist bei maximal 75 Dezibel bei zwei Metern Abstand festgelegt. «Das ist verheerend», sagt Ettler. «Damit wird der ganze Fortschritt, den wir uns beim Lärmschutz von den Elektroautos erhofft haben, gleich wieder zunichtegemacht.» Die Änderung sei umso unverständlicher, weil gleichzeitig Milliarden in den Lärmschutz investiert werden. «Ein deutlich leiseres Geräusch würde ausreichen», zeigt sich Ettler überzeugt. «Gerade Blinde haben ja ein gutes Sensorium.»

Der Bund verteidigt den Grenzwert. «Das Geräusch ist relativ leise. Es muss aber doch auf einige Meter gut hörbar sein, damit Fussgänger vorgewarnt werden», sagt Astra-Sprecher Bielmann. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung gibt gar zu bedenken, dass der Wert in gewissen verkehrsintensiven Situationen zu tief sei. Experte Joel Favre schlägt deshalb vor, die Lautstärke dem Umgebungslärm anzupassen.