Energiereicher Verbindungstag

Bereits zum 25. Mal trafen sich am Samstag im Grossratsaal zu Aarau Aktive und Altherren der Aarauer Kantonsschulverbindungen zum jährlichen gemeinsamen Verbindungstag.

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Hans Fahrländer

Zwei Gründe führten in den 70er- und 80er-Jahren zu einer Bestandes-Dezimierung bei den Verbindungen: ein Wertewandel im Nachgang zur 68er-Bewegung und die Dezentralisierung der aargauischen Kantonsschulen. Statt «der» Kanti Aarau gab es nun 6 Mittelschulen im ganzen Kanton. Doch in keiner der neuen setzten sich Verbindungen durch, also wurden aus Aargauer noch Aarauer Institutionen.

Kein Männer-Privileg mehr

Hier allerdings steht einer Sistierung - die Argovia hat zurzeit keine Aktivitas - eine Neugründung gegenüber: Seit zwei Jahren bereichert die Frauenverbindung Artemia das Verbindungsleben.

Um sich gegen den Niedergang zu stemmen und weiterhin im Stadtleben präsent zu sein, überwanden die Verbindungen frühere Rivalitäten und gründeten vor einem Vierteljahrhundert den Verbindungstag. Er findet jährlich am ersten Mai-Samstag statt. Im Turnus organisieren die Altherrenverbände dieses gemeinsame Treffen und präsentieren einen prominenten Redner aus ihren Reihen.

Im Jahr des Silber-Jubiläums war der Kantonsschülerturnverein (KTV) an der Reihe. Als Festredner begrüsste Altherrenpräsident Urs Lienhard v/o Argon den Direktor des Bundesamtes für Energie, Walter Steinmann v/o Turm, zugleich Mitglied des «Governing board» der Internationalen Energieagentur in Paris und der Internationalen Atomenergieagentur in Wien.

Nicht ohne Grosskraftwerke

Steinmann entwarf vor den rund 150 Farbentragenden ein Bild der bundesrätlichen Energiestrategie für die nächsten Jahrzehnte. Hierzulande gebe die Entwicklung des Gesamtenergieverbrauchs «kaum Anlass zur Sorge»: Dank technischer Innovationen werde er nur noch moderat steigen. Ganz anders der Stromverbrauch: Hier rechnen Szenarien bis zum Jahr 2035 mit einem Anstieg von bis zu 29%. Steinmann, obwohl politisch seinem Chef Moritz Leuenberger nahe stehend, wollte und konnte deshalb die drohende Stromlücke nicht schönreden. Dummerweise laufen im Jahr 2020, wenn drei alte Atomkraftwerke vom Netz gehen, auch die langfristigen Stromlieferverträge mit Frankreich aus.

Trotz Förderung der erneuerbaren Energien, Steigerung der Energieeffizienz und aktiver «Energie-Aussenpolitik» gehe es deshalb nicht ohne Zubau von Grosskraftwerken. Für eine Überbrückungszeit setzt der Bundesrat deshalb auch auf Kombi-Gaskraftwerke - dies, obwohl Steinmann den weltweit rasant zunehmenden Co2-Ausstoss aus fossilen Energieträgern als grosses Risiko bezeichnete.

Höchste Aargauer tragen Farben

Traditionsgemäss überbrachten am Verbindungstag die Chefs von Legislative und Exekutive Grussadressen. Herbert H. Scholl v/o Phantom, ein doppelter Zofinger (Stadt und Verbindung), verteidigte an einem seiner ersten Auftritte als neuer Grossratspräsident mit markigen Worten das Verbindungsleben gegen die seelenlosen, verbindungsarmen Events der Disco- und Internetzeit. Landammann Roland Brogli v/o Motta, Altherr der Schweizerischen Studentenvereins STV, zitierte das «Parlamentarische Schimpfbuch» und warb für mehr politischen Anstand. Martin Burkard v/o Camus, Rektor der Alten Kanti und Ehrenaltherr der Industria, bekannte, dass ihm Kleeblätter näher stünden als Kakteen und berichtete von einer erfreulichen Zunahme an zu erwartenden Neueintritten in seine Schule.

Auch Frank Wedekind trug Farben

Nach einem ausgiebigen Frühschoppen zog die Schar farben-bekennend und singend und unter Donnergrollen vom Grossratsgebäude durch die Bahnhofstrasse Richtung Alma mater. Erstmals fand der gemütliche Teil des Anlasses in der neuen Mensa der alten Kantonsschule statt, die nach Frank Wedekind benannt ist.

Der Vollständigkeit halber sei noch angemerkt: Auch Wedekind trug in seiner Aarauer Kanti-Zeit 1882/83 Farben: Er war Mitglied der Industria und hiess dort Kater.

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