Psychiatrie

Engpässe in der Psychiatrie im Aargau

Hilfesuchend: Die Wartelisten in aargauischen Psychiatriepraxen sind lang.

Engpässe in der Psychiatrie

Hilfesuchend: Die Wartelisten in aargauischen Psychiatriepraxen sind lang.

Gibt es im Aargau genügend Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie? Die Signale sind unterschiedlich.

Hans Fahrländer

Signal 1: «Die Versorgung des Kantons Aargau mit niedergelassenen psychiatrischen Fachärztinnen und Fachärzten hat sich im Verlauf der vergangenen Jahre deutlich verbessert und bewegt sich in einem mit vergleichbaren Kantonen ähnlichen Rahmen.» Aus der Antwort der Regierung auf einen Vorstoss im Grossen Rat vom Januar 2010.

Signal 2: «Ich kann leider keine neuen Patienten mehr annehmen. Ich kann Ihnen auch keinen Stellvertreter angeben. Bitte wenden Sie sich an Ihren Hausarzt.» Schon fast resignative Abweisung auf dem Telefonbeantworter etlicher aargauischer Psychiater.

Angebot fördert Nachfrage

Jacobo Thurthaler aus Rheinfelden, Kinder- und Jugendpsychiater mit Ausbildung auch in Erwachsenen-Psychiatrie, ist Präsident der Fachschaft Psychiatrie im Aargauischen Ärzteverband. Er sagt: «Ich bin nicht sicher, ob wir im Aargau viel mehr Psychiater brauchen. Richtig ist, dass unser Berufsstand überaltert ist und der Nachschub ‹von unten› stockt. Richtig ist auch, dass die Nachfrage nach psychiatrischen Leistungen gestiegen ist.» Ob die psychischen Erkrankungen zugenommen hätten, sei strittig. Sicher sei die Hemmschwelle, den Psychiater aufzusuchen, gesunken. Anderseits, so Thurthaler: «Zusätzliche Angebote schaffen zusätzliche Nachfrage. Und: Heute soll der Psychiater alles lösen, was in der Gesellschaft nicht gut läuft. Wenn wir uns auf unser medizinisches Fachgebiet beschränken könnten, würden wir weniger überrannt.»

Immer noch ein schlechtes Image

Die Psychiatrie hat nach wie vor ein Image-Problem. Davon ist Christian Jenny, Psychiater in Baden, überzeugt: «Die Enttabuisierung der psychiatrischen Störung in der Gesellschaft braucht wohl mehr Zeit.» Es beginne schon im Studium: Die Fachrichtung Psychiatrie geniesse wenig Anerkennung, die Ausbildung sei lang, der zu erwartende Lohn vergleichsweise tief. Darauf verweist auch Thurthaler: Zwar habe man mit dem neuen Tarifsystem Tarmed versucht, die psychiatrischen Leistungen auf der Liste anzuheben. «Aber wenn man einen Jahreslohn von 100000 auf 120000 Franken anhebt, sind das immer noch Welten von den Löhnen der Chirurgen entfernt. Zudem üben Disziplinen, bei denen man operieren und Erfolge exakt messen kann, offenbar eine grössere Faszination aus. Der Psychiater hat nie eine exakt messbare Erfolgskontrolle.»

Mangel an Psychiatern im Aargau – ja oder nein? Christian Jenny: «Ein frei praktizierender Psychiater ist wenige Monate nach Praxiseröffnung voll ausgebucht, das ist seit 20 Jahren so. Für die Patienten führt diese Situation zu einem aufreibenden Spiessrutenlauf, indem sie eine Praxis nach der andern abklappern müssen, bis sich jemand ihrer erbarmt.»

Ein «verbrauchender» Beruf

Ein Psychiater könne seine Agenda eben nicht überfüllen. Das betonen alle angefragten Fachärztinnen und -ärzte. Auch Regine Hindermann, Kinder- und Jugendpsychiaterin in Aarau: «Man kann nicht beliebig viele Fälle annehmen. Einen jungen Patienten und seine Familie zu betreuen, ist sehr aufwändig. Denn man muss mit seinem ganzen ‹Netzwerk› arbeiten, Eltern, Lehrer, Heilpädagogin etc.» Viele Psychiater arbeiten deshalb auch nicht in einem Vollpensum. Regine Hindermann bestätigt auch: «Die Überlastung ist nicht neu, sie war schon da, als ich 1984 begonnen habe. Zwar haben die psychiatrischen Fälle bei Kindern und Jugendlichen zugenommen. Anderseits wurden auch die Institutionen ausgebaut, die uns helfen: kinder- und jugendpsychiatrischer Dienst des Kantons, Schulsozialarbeit etc.»

Ausweichen in die Grossstädte

«Wenn wir Patienten in die freie Praxis überweisen möchten, stossen wir auf Engpässe und Wartelisten», bestätigt auch Urs Hepp, Leiter des Externen psychiatrischen Dienstes der kantonalen Klinik Königsfelden. «Nicht wenige Patienten aus dem Aargau weichen dann auf Psychiater und Psychotherapeutinnen in Zürich und Basel aus, wo die Dichte grösser ist. Bei den Kinder- und Jugendpsychiatern stellen wir vor allem in ländlichen Regionen eine teilweise krasse Unterversorgung fest.» In der Klinik Königsfelden laufen Programme, um im Zuge der Modernisierung der Psychiatrie die Zahl der stationären Patienten zu reduzieren. Ob sich dies auf die Situation der niedergelassenen Psychiater auswirkt, ist noch nicht klar.

Und woher kommt Abhilfe?

Die drei Psychiater und die Jugendpsychiaterin sind sich einig darin, dass die Nachfrage nach psychiatrischen Leistungen nicht nachlassen wird. Um weiterhin eine qualitativ gute Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen, schlagen sie Massnahmen auf verschiedenen Ebenen vor:

  • An den medizinischen Fakultäten der Universitäten muss die Fachrichtung aufgewertet und den Studierenden besser «verkauft» werden.
  • Im Tarifgefüge müssen die psychiatrischen Leistungen deutlich besser bewertet werden, um das Einkommen eines Psychiaters zumindest an jenes eines Hausarztes anzupassen.
  • Das Konzept des Kantons, die öffentlich subventionierte Praxisassistenz auch auf die Psychiatrie auszudehnen, hilft direkt (arbeitsentlastend), aber auch indirekt (junge Mediziner werden auf den Beruf aufmerksam).
  • Abhilfe bringt auch, wenn Fachärztinnen und -ärzte mit nichtärztlichen Psychologen und Psychotherapeutinnen zusammenspannen.
  • Schliesslich sollen im Kanton durch verbesserte Koordination und eine Triagestelle die ärztlichen und therapeutischen Ressourcen optimal genutzt werden. Entsprechende Pläne laufen.

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