Interview

Epidemiologe Marcel Salathé sagt trotz über 1000 Corona-Neuinfektionen: «Ich sehe noch keine zweite Welle»

«Man darf sich nicht allzu sehr auf kurzfristige Bewegungen konzentrieren»: Epidemiologe Marcel Salathé.

«Man darf sich nicht allzu sehr auf kurzfristige Bewegungen konzentrieren»: Epidemiologe Marcel Salathé.

Für Marcel Salathé ist die Schweiz trotz vieler neuer Corona-Fälle weit von einer Situation wie im Frühling entfernt. Grund zur Sorge sieht er erst, wenn das Wachstum längerfristig so weitergeht.

Der Basler Epidemiologe Marcel Salathé von der ETH Lausanne ist einer der bekanntesten Corona-Experten des Landes. Im Interview sagt er, worauf er die jüngsten Entwicklungen zurückführt.

Marcel Salathé, fast 1100 neue Fälle an einem Tag: Rollt da die viel zitierte zweite Welle endgültig an?

Marcel Salathé: Nein, ich sehe noch keine zweite Welle. Klar, die Kurve steigt an. Sie nähert sich den Werten vom Frühling. Aber man kann diese Kurven nicht miteinander vergleichen.

Warum?

Im Frühling wurde viel weniger getestet. Wir haben damals neun von zehn Fällen verpasst. Wie viele Fälle heute noch unentdeckt bleiben, wissen wir nicht. Aber bestimmt sind es viel weniger. Deshalb haben die zwei Situationen nichts gemeinsam. Statt von einer Welle spreche ich lieber von Feuern, von lokalen Ausbrüchen. Von einer Situation wie in Spanien mit langfristigem, exponentiellem Wachstum ist die Schweiz weit entfernt. Was aber nicht heisst, dass es nicht noch so weit kommen kann.

Dennoch: lange stiegen die Fallzahlen zwar stetig, aber leicht an. Jetzt gehen sie sehr schnell nach oben. Was passiert gerade?

Aufgrund einiger Daten aus den Kantonen gehe ich davon aus, dass gewisse Cluster-Effekte reinspielen. In Zürich gab es solche etwa in der Salsa-Szene. Es war absehbar, dass es so etwas geben kann. Die Frage ist mehr, ob das Wachstum längerfristig so weitergeht, weil wir dann wieder Grund zur Sorge hätten.

Die aktuellsten Zahlen:

Derzeit machen Sie sich aber noch keine Sorgen?

Die mache ich mir dann, wenn das Testen und das Contact Tracing kollabiert. Ich hoffe aber, dass das System belastbar und ausbaubar ist. Man muss auch die lokale Situation anschauen. Es gab eine Zeit, in der alle über Genf sprachen. Da machte man sich riesige Sorgen. Heute ist die Situation dort einigermassen stabil. Das ist in meinen Augen die Stärke des Systems: dass man lokal den Fällen nachgeht. Massnahmen trifft, die dort funktionieren.

Vor zehn Tagen sagten Sie der «Sonntagszeitung» in einem Interview, es sehe gerade richtig, richtig gut aus. Bleiben Sie dabei?

Ja, viele der Aspekte, die ich angesprochen habe, sehen meiner Meinung nach noch immer gut aus. Klar, die Zahlen steigen. Aber man darf sich nicht allzu sehr auf kurzfristige Bewegungen konzentrieren. Zudem ging es in dem Interview auch um Entwicklungen auf der wissenschaftlichen Seite, zum Beispiel um Impfstoffe. Dort machen wir gute Fortschritte. Was mich zudem weiterhin zuversichtlich stimmt, ist, dass das Contact Tracing nach wie vor zu funktionieren scheint.

Kann man wirklich sagen, das Contact Tracing und Quarantäne funktionieren, wenn wir wieder bei über 1000 Fällen sind? Das Virus verbreitet sich weiter. Kommt es also von aussen?

Das ist eine gute Frage, wir wissen da noch wenig darüber. Dem muss man sicher nachgehen. Es braucht weiterhin die ganze Strategie: Testen, bei positiven Fällen Kontaktpersonen ausfindig machen, in Quarantäne bringen. Das Testen scheint mittlerweile gut zu funktionieren. Allerdings muss man der Frage nachgehen, warum die Zahl der Tests zuletzt zurückging. Das kann ich nicht verstehen, weil darauf die ganze Strategie basiert.

Welche Rolle spielt das Wetter?

Das ist sicher auch ein Faktor, weil die Leute sich vermehrt drinnen aufhalten. Mir scheint es aber etwas verfrüht, alles alleine auf das Wetter zurückzuführen. Wir können es genauso gut mit Clustern zu tun haben, die sowieso passiert wären.

Die Schweiz hat diese Pandemie bisher reaktiv bekämpft. Sinnbildlich dafür steht der Beschluss des Kantons Bern, nun doch eine strikte Maskenpflicht einzuführen. Müssen wir nun proaktiver werden, um den Winter zu überstehen?

Ich denke, es braucht weiterhin eine gute Balance zwischen Prävention und Reaktion. Man darf nicht vergessen, dass wir immer noch daran sind, das Virus kennen zu lernen. Wir können uns zum Ziel setzen, das schneller zu tun. Sonst finde ich den Ansatz gut.

Der Stand in den Kantonen:

Also braucht es keine Maskenpflicht in Innenräumen, keine Rückkehr ins Homeoffice?

Wenn es der lokalen Situation entspricht, kann man über so etwas nachdenken. Schweizweit würde ich das aber momentan nicht fordern.

Während die Fallzahlen steigen, bleibt die Zahl der Hospitalisierungen auf tiefem Niveau stabil, dasselbe gilt für die Zahl der Todesfälle. In der Bevölkerung entsteht das Bild eines Virus, das zwar grassiert, aber harmloser wirkt.

Es stimmt, dass die Fälle zwar da sind, aber nicht zu mehr Hospitalisierungen oder Todesfällen führen. Die grosse Frage ist, warum. Im Moment gehen viele Experten davon aus, dass es primär deshalb ist, weil sich derzeit viele junge Leute infizieren, die weniger gefährdet sind. Die nächste grosse Frage ist nun, ob das so bleibt. Und ob dann, wie das viele Epidemiologen vermuten, die Hospitalisierungen und Todesfälle anziehen – so, wie das im Frühling passierte. Es gibt aber auch Stimmen, die sagen, möglicherweise zieht die Kurve aus verschiedenen Gründen nicht mehr nach. Beispielsweise, weil sich das Virus verändert hätte und viel weniger gefährlich wäre. Dafür haben wir aber noch keine überzeugende Evidenz gesehen.

So entwickeln sich die Fallzahlen, Hospitalisationen und Todesfälle schweizweit:

Derzeit läuft es doch daraus hinaus, dass die Risikogruppe Eigenverantwortung übernimmt und sich selbst schützt, während sich beim Rest Nachlässigkeit breitmacht.

Eigenverantwortung wird getragen, da bin ich einverstanden. Nachlässigkeit sehe ich zwar, aber nur beschränkt. Man darf auch einmal über die Erfolge der Schweiz sprechen. Wir gehen bisher einen Mittelweg, der relativ gut funktioniert. Klar, es gab Startschwierigkeiten. Aber wenn man das Gesamtkonzept anschaut mit den eher sportlichen Lockerungen und das ins Verhältnis setzt zur Pandemieentwicklung, dann muss ich sagen: Ok, der Weg ist gangbar. Man muss ihn aber laufend anpassen. Wichtig ist aber auch, dass man Zuversicht nicht mit Unvorsicht verwechseln sollte.

Wenn die Fallzahlen in Zukunft noch weiter ansteigen, werden jene Stimmen wieder lauter, die den Bundesrat in der Pflicht sehen. Was sagen Sie?

Diese Stimmen gibt es schon lange. Ich finde, der föderalistische Ansatz funktioniert recht gut. Bisher hat man überall, wo man glaubte, die Situation gerate ausser Kontrolle, die Ausbreitung wieder verlangsamen können. Ich finde es epidemiologisch und politisch richtig, wenn man auf regionale Unterschiede eingehen kann.

Autor

Dominic Wirth

Autor

Katja Fischer De Santi

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