Mordfall Marie

Erinnerungen an den Fall Lucie: Jetzt weinen Trezzinis auch um Marie

Lucies Eltern, Nicole und Roland Trezzini, stellten Beweisergänzungsanträge.

Lucies Eltern, Nicole und Roland Trezzini, stellten Beweisergänzungsanträge.

Die Eltern der 2009 im Aargau getöteten Lucie Trezzini fühlen mit der Familie von Marie. Sie hatten gehofft, dass sich nach dem Tod ihrer Tochter Ähnliches nicht wiederholen würde - und kämpfen für ein klärendes Urteil.

«Ich habe sehr viel geweint», sagt Nicole Trezzini am Telefon und ringt um weitere Worte. Die Kommunikation mit Journalisten überlässt sie ihrem Ex-Mann, Roland.

Der Mord an der 19-jährigen Marie hat bei Trezzinis alle Erinnerungen an das Verschwinden ihrer eigenen Tochter Lucie 2009 wieder hochkommen lassen.

Sie haben aufwühlende Stunden hinter sich.

Die Stunden des Wartens, die Stunden des Suchens und der Moment der schrecklichen Gewissheit über den Tod - Nicole und Roland Trezzini fühlen mit den Eltern von Marie mit. «Es ist eine Katastrophe», sagt Roland Trezzini mit belegter Stimme.

War Lucies Tod umsonst?

Die Beiden leben voneinander getrennt, er in Bulle, sie in Freiburg. In einem Waldstück bei Châtonnaye FR, auf halber Höhe zwischen ihren Wohnorten, fanden Kantonspolizisten in der Nacht auf Mittwoch die Leiche der 19-jährigen Marie, die am Montagabend beim zehn Kilometer entfernten Golfplatz von Payerne VD verschleppt worden war.

Der 36-jährige Claude D., ein verurteilter Mörder und Vergewaltiger, wies den Polizisten den Weg zum Opfer. Es ist dieselbe Region, in der Maries Eltern und Lucies Eltern zuhause sind. Man kenne zwar nicht die Eltern von Marie direkt, aber Leute aus deren Umfeld, sagt Roland Trezzini.

Die Umstände, die zu Maries Tod geführt haben, gleichen jenen, die Lucie Trezzini 2009 das Leben kosteten. Beide Mädchen wurden Opfer von verurteilten Straftätern, die man wegen ihrer Gefährlichkeit gar nicht erst unter die Leute hätte lassen dürfen.

In beiden Fällen hatte man die Gefährlichkeit falsch eingeschätzt, die von ihnen ausging. Und das entgegen eindeutiger Warnzeichen, etwa aus Gutachten oder aus Beobachtungen von Bewährungshelfern.

«Das hat uns schockiert», sagt Roland Trezzini, der sich erhofft hatte, der Tod seiner Tochter möge zumindest etwas bewirkt haben: dass die Behörden Lehren daraus gezogen hätten. «Das war nicht der Fall», kritisiert Trezzini.

Die gesetzlichen Grundlagen seien gut. Richtig angewandt würden sie für Sicherheit sorgen. Doch mangle es häufig schlicht an Erfahrung. Denn auf 99 unproblematische Fälle von Straftätern, die erfolgreich resozialisiert würden, komme einer, bei dem es schief gehe.

Trezzini verlangt deshalb nach einer besseren Ausbildung jener Mitarbeitenden, welche die Entscheide schlussendlich fällen.

Für ihn unverständlich: In der Waadt war es ein einzelner Strafvollzugsrichter, der entschied, Claude D. aus Gewahrsam zu lassen. Und das trotz Gutachten und Kommissionsberichten, die ungünstig waren.

Das Warten auf die Aargauer Justiz

Trezzinis wollen nicht aufgeben. Auch wenn das Schlimmstmögliche erneut geschehen ist - Trezzinis sehnen ein klärendes Urteil herbei.

«Die Verantwortlichen von solchen Fehlentscheiden müssen bestraft werden», fordert Trezzini. Es sende das Signal aus: «Wer seine Arbeit nicht richtig macht, der soll verurteilt werden. Das steigert die Sicherheit und das Vertrauen.»

Ein Verfahren gegen Mitarbeiter, die im Fall Lucie Fehlentscheide gefällt haben sollen, wurde im Januar eingestellt. Dagegen haben Trezzinis rekurriert. Ein Entscheid aus dem Aargau lässt auf sich warten.

Derweil brodelt es in der Westschweiz. Online-Kommentatoren und Politiker stellen die Wiedereinführung der Todesstrafe zur Diskussion.

Solche Forderungen kommen beim Vater der getöteten Lucie nicht an: «Es gibt keinen Grund, den Tätern das anzutun, was diese unseren Kindern angetan haben.» Solche Täter müssten aber endlich lebenslang hinter Gitter.

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