Raiffeisen
Erstes Strafurteil in der Affäre Vincenz: Bedingte Geldstrafe für den Mann, der die Deals tarnte

Ein Wirtschaftsanwalt, der Pierin Vincenz und Beat Stocker bei ihren Transaktionen half, kommt mit einer bedingten Geldstrafe davon.

Leo Eiholzer
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Für ihn fordert die Staatsanwaltschaft sechs Jahre Gefängnis: Pierin Vincenz.

Für ihn fordert die Staatsanwaltschaft sechs Jahre Gefängnis: Pierin Vincenz.

Keystone

Im Jahr 2005 stand Pierin Vincenz an der Spitze der Bankenwelt. Er hatte die Raiffeisen aufgerichtet. Und in den Medien stellte er sich erfolgreich als der gute Genossenschaftsbanker dar, der besser ist als die gierigen Kollegen vom Paradeplatz.

Wenn die Ausführungen der Anklage stimmen, dann begann just dann ein Doppelspiel, das Vincenz und seinem Freund Beat Stocker zuerst Millionen bescherte, sie öffentlich zu Fall brachte und vielleicht bald im Gefängnis enden wird.

Es gab einen dritten Mann, der über grosse Teile des Doppelspiels Bescheid wusste. Beat Barthold, ein Zürcher Wirtschaftsanwalt. Barthold, damals in einer grossen Kanzlei tätig, half Vincenz und Stocker, ihre Deals zu verstecken. Er prüfte und unterschrieb Verträge, verheimlichte und trickste in juristischen Prüfungen, laut Strafbefehl oft auf Anweisung Stockers.

Im aufwändigen Verfahren der Zürcher Staatsanwaltschaft wurde Barthold nun als erster rechtskräftig verurteilt. Wegen mehrfacher Gehilfenschaft zu Betrug erhält er eine Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu je 580 Franken, insgesamt 104'400 Franken. Zahlen muss er diese allerdings nicht, da ihm eine Probezeit von zwei Jahren angesetzt wurde. Das geht aus einem 90-seitigen Strafbefehl hervor, den die Redaktion CH Media einsehen konnte. Barthold hat ihn akzeptiert. Für die restlichen Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung. Es ist noch nicht gesagt, ob die Staatsanwaltschaft die mutmasslichen Handlungen von Vincenz und Stocker beweisen kann; und wenn ja, ob diese strafbar waren.

Briefkastenfirma als Dreh- und Angelpunkt der Deals

Bartholds Verwicklungen in die Deals von Vincenz und Stocker drehen sich um eine Briefkastenfirma: die i Finance Management AG. Es war das Vehikel, mit dem die beiden sich gemäss Anklage privat und heimlich an Firmen beteiligt haben sollen, die danach vom Zahlungskonzern Aduno aufgekauft wurde, an dem Raiffeisen beteiligt war. Vincenz als Verwaltungsratspräsident der Aduno und Stocker als späterer operativer Chef sollen auf die Käufe eingewirkt haben, von denen sie selbst profitierten. Die Staatsanwaltschaft geht von Millionengewinnen aus.

Foto aus besseren Tagen: Pierin Vincenz 2013 am Zürcher Sechseläuten.

Foto aus besseren Tagen: Pierin Vincenz 2013 am Zürcher Sechseläuten.

Keystone

Elementar für den ausgeklügelten Plan war die Geheimhaltung. Also wurde Barthold Verwaltungsrat der Briefkastenfirma; kontrolliert und finanziert wurde sie aber von Stocker und Vincenz. Barthold handelte mit den Aktionären einer Jungfirma für drahtlose Kreditkarten-Terminals, die Commtrain Card Solutions, eine 60-Prozent-Beteiligung aus für «private Investoren», die er vertrete. Dass es sich um Stocker und Vincenz handelte, verheimlichte er und verwies auf das Anwaltsgeheimnis.

Die clevere Finte im «Due-Dilligence-Bericht»

Als die Aduno später die Übernahme der Commtrain vorbereitete, wurde ausgerechnet Barthold mit der juristischen Prüfung der Firma beauftragt. Er, der stellvertretend für Vincenz und Stocker die Mehrheit an der Commtrain hielt. Clever notierte er im Bericht lediglich, dass kein Aktienbuch vorgelegt worden sei und deshalb nicht ersichtlich sei, wer als Aktionär im Aktienbuch mit welcher Anzahl Aktien eingetragen sei; es fehlten Angaben darüber, in wessen Eigentum die Aktien heute stehen. Das war tatsächlich keine Lüge, aber eben auch nicht die Wahrheit.

Die Aduno kaufte die Commtrain schliesslich. Laut Staatsanwaltschaft machten Vincenz und Stocker damit einen Gewinn von 2,6 Millionen Franken.

Im Strafverfahren Privatkläger: Der Zahlungskonzern Aduno.

Im Strafverfahren Privatkläger: Der Zahlungskonzern Aduno.

Keystone

Klar wird aus dem Strafbefehl, dass Barthold nicht für sich handelte. Er war ein Dienstleister, der im Auftrag arbeitete. Trotzdem hatte er eine einzigartige Stellung. Als einer der wenigen, vielleicht sogar als einziger, sah er beide Seiten des Spiegelkabinetts: Dass Vincenz und Stocker hinter der i Finance Management AG standen und dass die Firma die Mehrheit an der Commtrain hielt.

Die Commtrain ist das am besten dokumentierte Beispiel, wie Barthold den beiden Kompagnons behilflich war. Der Strafbefehl detailliert einen zweiten Fall: Die Übernahme der Firma Eurokaution ab dem Jahr 2014.

Auch hier soll sich das Duo vorher geheim an dem Unternehmen beteiligt und dann Einfluss auf die Aduno genommen haben, die die Eurokaution schliesslich kaufte. Als Vehikel habe erneut die mittlerweile umbenannte i Finance Management AG gedient.

Mit normalen Ansätzen für Wirtschaftsanwalt bezahlt

Und auch hier, fast zehn Jahre nach dem ersten Mal, verantwortete Barthold im Auftrag der Aduno die juristische Überprüfung des Übernahmeziels. Erneut drückte er sich mit einer Finte um die lästige Frage, wer denn die Aktionäre der Eurokaution seien. Für Vincenz und Stocker fiel beim Eurokaution-Deal laut Anklage ein Gewinn von rund 500'000 Franken ab, der allerdings nie ausbezahlt wurde. Bartholds Verschulden wiege aber weniger schwer als im Commtrain-Fall, so die Staatsanwaltschaft.

Die 180 Tagessätze, die Barthold erhielt, sind das Maximum, das bei einer Geldstrafe möglich ist. Zahlen muss er rund 60'000 Franken Gebühren für das Verfahren. Der Staatsanwaltschaft betrachtet Bartholds Verschulden als «nicht mehr leicht». Zu seinen Gunsten sei auszulegen, dass er sich an der Bereicherung durch die Straftaten nicht beteiligte. Er habe sich nach den üblichen Sätzen für Wirtschaftsanwälte bezahlen lassen.

Für Vincenz und Stocker fordert die Staatsanwaltschaft hingegen sechs Jahre Gefängnis. Der Prozess folgt 2021.