Am Ende ging alles derart schnell, dass selbst die Protagonistin ihre Überraschung nicht verbergen konnte. «Damit habe ich nicht gerechnet. Gestern Abend hat sich unser Team noch auf einen zweiten Wahlgang vorbereitet», sagte Rebecca Ruiz, Nationalrätin und SP-Kandidatin bei der Ersatzwahl für den Staatsrat im Kanton Waadt, am Dienstag.

Zu einem zweiten Wahlgang wird es in der Waadt nun allerdings nicht kommen: Ruiz’ schärfster Konkurrent, SVP-Politiker Pascal Dessauges, nahm sich frühzeitig aus dem Rennen und überliess der Sozialdemokratin damit kampflos den Wahlsieg.

Dass Ruiz den Einzug in den Staatsrat letztlich derart mühelos schaffte, sorgt bei Beobachtern wie Beteiligten gleichermassen für Erstaunen. Zwar hatte die 37-Jährige bis dahin eine steile Politkarriere hingelegt und sich insbesondere mit Gesundheitsthemen profiliert. Ihr Wahlkampf war in den vergangenen Wochen jedoch gehörig ins Stocken geraten. Grund dafür war eine frühere Anstellung der Politikerin.

Am 20. Dezember des letzten Jahres – am selben Tag, an dem die SP Ruiz’ Einzelkandidatur ankündigte – hatte die Westschweizer Zeitung «Le Temps» enthüllt, dass die studierte Kriminologin zwischen 2013 und 2014 von einem ungewöhnlichen Arbeitsvertrag profitiert hatte: Sie war vom Kanton als Lehrerin angestellt, obwohl sie nie unterrichtet hat und auch über keine entsprechende Ausbildung verfügt. Die Affäre weitete sich gar zu einer Strafanzeige aus; weil die damals zuständige Departementsvorsteherin eine Parteikollegin gewesen war, sah sich Ruiz mit Vorwürfen der Vetternwirtschaft konfrontiert. Die Waadtländer Regierung musste die durchaus gängige Praxis daraufhin in einer langen Stellungnahme erklären.

Anschliessend klangen die Angriffe gegen Ruiz allmählich ab. Bei einigen Wählern dürften sie gar eine Trotzreaktion ausgelöst haben, vermuten einige Beobachter. Jedenfalls steht seit dem Rückzug von Dessauges fest: Die Noch-Nationalrätin wird den neuen Gewerkschaftsbundpräsidenten Pierre-Yves Maillard beerben und Anfang Mai in den Waadtländer Staatsrat einziehen.

Ruiz wird damit bereits die dritte SP-Frau mit hispanischen Wurzeln und die fünfte Frau im siebenköpfigen Gremium sein. Das ist nicht nur eine aussergewöhnliche Konstellation, sondern auch ein Novum in der Schweiz. Der Frauenanteil in der Waadtländer Regierung beträgt dann 71,4 Prozent– so viel wie noch in keiner Schweizer Kantonsregierung.