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Fast jeder zweite Zug zu spät: Wie die Deutsche Bahn das Schweizer SBB-Netz durcheinanderbringt

Weil Züge aus Deutschland oft unpünktlich ankommen, leiden die Verbindungen ab Basel.

Weil Züge aus Deutschland oft unpünktlich ankommen, leiden die Verbindungen ab Basel.

Wegen Bauarbeiten kommen Züge aus Deutschland in letzter Zeit häufiger zu spät. Darunter leiden die Verbindungen ab Basel nach Olten und Zürich. Den SBB sind die Hände gebunden. LITRA-Präsident Martin Candinas findet: «Der Bund muss den Druck auf ausländische Bahnen erhöhen.»

Ab Basel ist knapp jeder dritte internationale Zug nach Olten zu spät, nach Zürich praktisch jeder zweite. Am 8. November kam von zehn ausländischen Zügen sogar nur einer pünktlich in Zürich an, also gerade einmal 7.7 Prozent. Insgesamt liegt die Pünktlichkeitsrate der ausländischen Verbindungen in den vergangenen 13 Wochen bei 67.1 Prozent. Das Problem: Die Züge kommen schon mit massiven Verspätungen in Basel an. 

Liegt die Pünktlichkeit unter 80 Prozent, sind die entsprechenden Strecken rot eingefärbt.

Das Bahnnetz der internationalen Züge auf der Plattform Pünktlichkeit.ch.

Liegt die Pünktlichkeit unter 80 Prozent, sind die entsprechenden Strecken rot eingefärbt.

Die SBB steht wegen ihrer Verspätungen seit längerem in scharfer Kritik. Technische Störungen, zu wenig Lokführer, veraltetes Rollmaterial, die Probleme mit den FV Dosto-Zügen von Bombardier und zahlreiche Baustellen beeinträchtigen den Personenverkehr. Bis zu 300'000 Bahnreisende kommen an schlechten SBB-Tagen im Schnitt zu spät zur Arbeit oder nach Hause.

Darauf reagieren die Bundesbahnen mit diversen Massnahmen. Bereits per Fahrplanwechsel 2019 soll es eine Verbesserung geben. Mit dem längerfristig angelegten Programm «Kundenpünktlichkeit 2.0» sollen auch die Planung des Angebots, der Bahnproduktion und der Bauprojekte verbessert und wo nötig mehr Reserven bei Personal, Rollmaterial, Anlagen und im Fahrplan geschaffen werden.

In einem Punkt sind den SBB aber die Hände gebunden: Und zwar bei den Zügen, die bereits unpünktlich in den Grenzbahnhöfen der Schweiz eintreffen.

Plattform offenbart Problemstrecken

«In Basel wie auch im Wallis und in Genf beeinflusst der internationale Personenverkehr aus den Nachbarländern die Pünktlichkeit stark», sagt Mediensprecher Martin Meier. Denn bei Verspätungen komme es oft auf den Hauptlinien zu Kumulationen, darum wirke sich eine Verspätung auf die grossen Ballungszentren der Regionen Zürich, Bern, Lausanne-Genf oder eben Basel stärker aus.

Ein Beispiel in Verbindung mit der Deutschen Bahn (DB): In den vergangenen 13 Wochen lag die Pünktlichkeitsrate laut der Plattform Pünktlichkeit.ch auf der Strecke Basel-Olten bei 69.3 Prozent. Auf der Strecke Basel-Zürich sogar bei nur 54.7 Prozent. Die Plattform bereitet öffentlich zugängliche Zahlen zur Zugpünktlichkeit auf und offenbart so, wo die Problemstrecken liegen.

Die Pünktlichkeitsrate der vergangenen 13 Wochen auf der Strecke Basel-Olten.

Die Pünktlichkeitsrate der vergangenen 13 Wochen auf der Strecke Basel-Olten.

Die Pünktlichkeitsrate der vergangenen 13 Wochen auf der Strecke Basel-Zürich.

Die Pünktlichkeitsrate der vergangenen 13 Wochen auf der Strecke Basel-Zürich.

Zum Vergleich: Die Strecke Chiasso-Lugano weist eine Pünktlichkeitsrate von 72.1 Prozent auf, die Strecke St. Margrethen eine von 82.1 Prozent und von Genf nach Lausanne kommen 84.7 Prozent aller Züge pünktlich an.

Ersatzzüge sollen Dominoeffekt verhindern

Die Zahlen ab dem Bahnhof Basel sind da klar schlechter. Weil von diesen internationalen Züge weitere Verbindungen abhängig sind, kumulieren sich Verspätungen «Es ist ein Dominoeffekt», sagt Meier. Die Weiterverteilung der Kunden auf andere Züge sei davon abhängig. «In diesem Punkt sind wir darauf angewiesen, dass auch unsere Partnerbahnen pünktlich sind.»

Auf solche Situationen können die SBB nur begrenzt reagieren: «Wenn wir die Verspätung genug früh erfahren, setzen wir Ersatzzüge ein oder leiten die betroffenen Reisenden auf andere Züge um», sagt der Mediensprecher. Das setzt aber voraus, dass in der entsprechenden Region auch gleich Rollmaterial und Personal vorhanden sei. Das sei aber aufgrund der der Verfügbarkeit von Lokführerinnen und Lokführer sowie Rollmaterial nicht immer einfach.

An den Spitzentreffen mit den Partnerbahnen sei dieses Problem immer ein Thema — positiv wie negativ: «Wir versuchen, unsere Partner möglichst gut zu sensibilisieren», sagt Meier. «Ihnen muss bewusst sein, dass unsere Bahnnetze zusammenhängen und Auswirkungen aufeinander haben.»

Bauarbeiten zwischen Hannover und Würzburg

«Die Deutsche Bahn ist sich ihrer grossen Verantwortung für den Bahnverkehr in Europa durch die zentrale Lage bewusst», sagt eine Mediensprecherin der DB. «Unser Netz ist das am höchsten ausgelastete im europäischen Vergleich und wird von mehr als 440 Eisenbahnen genutzt.» Deshalb investiere die DB mit der Strategie «Starke Schiene» in den nächsten Jahren rund 156 Milliarden Euro in neue Strecken und Technik, um zusätzliche Kapazitäten zu schaffen und damit Qualität und Verlässlichkeit des Bahnverkehrs weiter zu erhöhen.

«Pünktlichkeit ist unser oberstes Ziel», so die Mediensprecherin. «Das gilt selbstverständlich auch für international verkehrende Züge.» Derzeit stehe aber durch die Sanierung der Hochgeschwindigkeitsstrecke Hannover–Würzburg nicht die volle Kapazität auf den Hauptachsen für die langlaufenden ICE-Linien aus Berlin und Hamburg zur Verfügung.

Die Bauarbeiten liefern eine Erklärung für die schwarzen Zahlen der vergangenen 13 Wochen auf den Strecken ab Basel. Die Arbeiten werden laut der Mediensprecherin Mitte Dezember beendet sein.

Sind Züge aus dem Ausland zu spät, ergibt sich ein Teufelskreis

Auch Martin Candinas, Präsident der LITRA, der Ligue suisse pour l’organisation rationnelle du trafic, sieht das Problem der Unpünktlichkeiten von internationalen Zügen: «Das Schweizer Bahnsystem ist im internationalen Personenverkehr mit den Nachbarländern stark verbunden.» Sind diese Züge bereits zu spät, ergebe sich ein Teufelskreis. «Der Bund muss den Druck auf die ausländischen Bahnen, mehr Wert auf die Pünktlichkeit zu setzen, erhöhen», findet Candinas.

Der LITRA-Präsident relativiert aber auch: «Wir dürfen nicht dramatisieren.» Die Pünktlichkeit in der Schweiz sei verglichen mit dem Ausland trotzdem immer noch sehr hoch. «Die Schweiz ist immer noch ein Musterschüler, wenn es um pünktliche Züge geht.» Ausserdem haben die SBB ihren Fehler erkannt und setzen bereits Massnahmen um, womit die Pünktlichkeit und somit auch die Kundenzufriedenheit wieder gesteigert werden sollen. 

Candinas erachtet die vorgeschlagenen Massnahmen der SBB als sinnvoll. «Man hat viel vom autonomen Fahren gesprochen und so die Attraktivität des Jobs des Lokführers nicht gerade erhöht. Das hat man erkannt und entsprechend reagiert.» Mit einer «Charme-Offensive» haben die SBB zudem rund 60 Millionen in Sparbillete und Rabatte investiert, um verärgerte Kunden zu besänftigen. «Das zeugt von gutem Willen», sagt Candinas. «Und die Kunden freuts.»

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