Coronavirus

Frankreich landet nicht auf der Seuchenliste – und Grenzgänger bleiben von der Quarantänepflicht verschont

Für die Grenzregionen gibt es seuchenpolitische Ausnahmen.

Für die Grenzregionen gibt es seuchenpolitische Ausnahmen.

Die Kantone, deren Wirtschaft auf die Grenzgänger angewiesen ist, atmen auf. Die Nachbarregionen landen nicht auf der Seuchenliste des Bundes. Man brauche pragmatische und flexible Lösungen, sagte Gesundheitsminister Alain Berset. Wer nach Wien oder Paris reist, muss sich nach der Rückkehr jedoch neu zehn Tage lang abschotten.

Die Zahl der Neuansteckungen ist seit längerer Zeit so hoch, dass Frankreich eigentlich schon auf der Seuchenliste des Bundes stehen müsste. Sprich: Wer aus unserem westlichen Nachbarland einreist, muss zur Eindämmung des Coronavirus erst einmal zehn Tage lang in Quarantäne ausharren. Allerdings arbeiten hierzulande rund 200000 französische Grenzgänger. Die Wirtschaft um den Genferseebogen würde mit der Quarantänepflicht faktisch lahmgelegt. Jetzt können die Unternehmen aufatmen.

Der Bundesrat hat am Freitag entschieden: Für Personen aus Grenzregionen unserer Nachbarländer gilt keine Quarantänepflicht. Generell werden von diesen nur Regionen auf die Liste der Staaten mit erhöhtem Ansteckungsrisiko gesetzt.

Davon betroffen sind ab Montag neun französische Regionen. Wer zum Beispiel in Paris oder an der Côte d’Azur Ferien macht, muss sich nach der Rückkehr zehn Tage lang abschotten. Das Gleiche gilt neu für die österreichische Hauptstadt Wien. Andere Gebiete in Nachbarländern figurieren aktuell nicht auf der Seuchenliste. Von der Quarantänepflicht befreit werden zudem Sportler, Kulturschaffende und Fachkongress-Teilnehmer, falls es bei den betreffenden Veranstaltungen ein Schutzkonzept gibt.

Gesundheitsminister Alain Berset begründete die Quarantäne-Ausnahme für die Grenzregionen mit der engen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Verflechtung. «Wir brauchen pragmatische und flexible Lösungen», sagte er. Man könne nicht die Lebensader mit den Nachbarn kappen. Berset zeigte sich zuversichtlich, dass die Kantone trotz dieses Entscheids die Nachverfolgung der Infektionsketten aufrechterhalten können.

Und Grenzgänger hätten auch im Frühling unter dem strengeren Coronaregime in der Schweiz gearbeitet.

Die Reduktion der Quarantänedauer von zehn auf fünf Tage hat der Bundesrat hingegen verworfen, obwohl diese Idee, bereits umgesetzt in diversen Ländern, auch einige Kantone ins Spiel gebracht hatten.

Kantone wittern Probleme beim Vollzug

Der Schweizerische Gewerbeverband begrüsste die differenzierte Lösung mit den Grenzregionen. «Eine generelle Einstufung von Frankreich und anderen Nachbarländern als Risikoländer wäre wirt­schaftlich nicht tragbar», teilte er mit. Wirtschafts­regionen wie zum Beispiel die Region Basel seien massgeblich von der unbehinderten Einreise der Grenzgänger abhängig.

Auch für die Kantone überwiegen die positiven Aspekte des Bundesratsentscheids. Sie warnen aber, der Vollzug werde eine Herausforderung. «Es kann kaum geprüft werden, ob eine Person aus der ausgenommenen Grenzregion anreist – oder aus einer Region, die auf der Risikoliste steht», sagt Tobias Bär, Sprecher der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren auf Anfrage. Bundesrat Berset betonte derweil, eine Intensivierung der Grenzkontrollen sei illusorisch.

Erstmals seit April mehr als 500 Neuinfektionen

Die Zahl der laborbestätigten Neuinfektionen knackte am Freitag mit 528 erstmals seit April wieder die 500er-Grenze. Getestet wurden 16287 Personen, die Positivitätsrate beträgt gut 3 Prozent. Berset bemühte sich, die Nachrichten von der statistischen Front nicht zu dramatisieren. Es gebe derzeit wenige Todesfälle und wenige Hospitalisationen, sagte er. Drei Viertel der neuangesteckten Personen seien jünger als 40 Jahre alt, normalerweise litten sie nicht unter schweren Symptomen. Der Gesundheitsminister mahnte aber vor Seuchenherden im Kleinen:

«Die privaten Feste sind ein Problem.»

Es sei nicht einfach, dort die Distanzregeln konsequent einzuhalten.

Verhältnismässig und auch in absoluten Zahlen (1361) am meisten neue Coronafälle verzeichnete in den letzten zwei Wochen der Kanton Waadt.

Autor

Kari Kälin

Meistgesehen

Artboard 1