Verkehr
Für Velofahrer fällt eine Regel weg – und keiner hat dies bemerkt

Der Bundesrat hat die Glocken-Pflicht aufgehoben – nur hat das bislang fast niemand gemerkt. Selbst Velo-Mechaniker sind überrascht. Velo-Lobbyisten können den Entscheid nicht verstehen.

Sven Altermatt
Merken
Drucken
Teilen
Eine Veloglocke ist nützlich beim Überholen langsamerer Velofahrer oder um Fussgänger auf sich aufmerksam zu machen.THINKSTOCK

Eine Veloglocke ist nützlich beim Überholen langsamerer Velofahrer oder um Fussgänger auf sich aufmerksam zu machen.THINKSTOCK

Getty Images/iStockphoto

Sie ist laut und kann ziemlich nerven. Doch bei aller Hassliebe, die man der Veloglocke entgegenbringen mag: Einen solchen Niedergang hat sie nicht verdient. Still und leise ist sie faktisch für bedeutungslos erklärt worden.

Seit dem 15. Januar dieses Jahres sind Veloglocken in der Schweiz nicht mehr obligatorisch. Kaum jemand hat bislang davon Notiz genommen, was der Bundesrat in seiner Sitzung vom 16. November 2016 beschlossen hat. Die Landesregierung verabschiedete eine Änderung in der Verordnung über die technischen Anforderungen an Strassenfahrzeuge. Darin war zuvor in Artikel 218 festgeschrieben: Ein Velo muss eine «gut hörbare Glocke aufweisen».

Wer sich nicht daran hielt, hatte eine Busse von 20 Franken zu befürchten. Ausgenommen von der Regelung waren Drahtesel, die leichter als elf Kilogramm sind. Hauptsächlich Rennvelos also.

Nun ist die Glocken-Pflicht passé. Aber selbst bei Velohändlern scheint diese Nachricht noch nicht so richtig angekommen zu sein. Die Migros-Tochter «M-Way» etwa verweist in ihrem Onlineshop noch immer auf das Obligatorium.

Ebenso aufschlussreich ist der Besuch in einem Stadtberner Fachgeschäft. «Das Obligatorium besteht nicht mehr?», fragt der Verkäufer ungläubig. «Dabei ist das ja eine gute Sache.» Schliesslich müsse man sich gerade als Velofahrer im Strassenverkehr oft genug Gehör verschaffen.

Durch den Verkehr kommen

Dieser Ansicht ist auch Christoph Merkli. Der Geschäftsführer von Pro Velo ist einer der wenigen, der das Ende der Glocken-Pflicht frühzeitig zu Kenntnis genommen hat. Seine Organisation versuchte beim Bundesamt für Strassen (Astra) erfolglos, die Abschaffung zu verhindern.

Eine Veloglocke sei mehr als nützlich, sagt Merkli. «Sie ist schlicht notwendig, um sicher durch den Verkehr zu kommen.» Zum einen, um in brenzligen Situationen überhaupt auf sich aufmerksam zu machen. Gerade gegenüber Fussgängern. Zum anderen als Warnsignal bei Überholmanövern auf Velowegen.

Bund will weniger Vorschriften

Ohne Zweifel, mit den Veloglocken ist das so eine Sache. Manche werden im hektischen Verkehr allzu oft überhört. Andere Glocken sind alles übertönend und scheuchen Fussgänger regelrecht aus dem Weg. Und trotzdem, findet Merkli: «Unter dem Strich überwiegen die Vorteile.»

Warum wurde die Glocken-Pflicht überhaupt aufgehoben? Dem Astra ging es bei diesem Schritt primär darum, einen alten Zopf abzuschaffen. Merkli sagt, er finde den Abbau von Regulierungen eigentlich sympathisch. «Hier geschieht das jedoch auf Kosten der Sicherheit.» Pro Velo warnt davor, die Anforderungen an die Zweiräder hinunterzuschrauben. Damit verkomme das Velo zum reinen Freizeitgerät.

Wie ernst es dem Astra mit dem Abbau von Vorschriften ist, zeigt ein weiteres Beispiel: Velosattel sind neu nicht mehr explizit vorgeschrieben. Immerhin dürfte kaum jemand freiwillig darauf verzichten.